Editorial

Wir sind keine Tintenfische

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Marc Landis, Chefredaktor. (Source: Netzmedien)
Marc Landis, Chefredaktor. (Source: Netzmedien)

Auf Arte oder 3Sat habe ich vor einiger Zeit einmal eine Dokumentation über Tintenfische gesehen. Faszinierende Wesen. Sie sind wendig, verspielt, aufmerksam und einfallsreich. Sie können Schraubverschlüsse öffnen, sich in Labyrinthen zurechtfinden, aus Aquarien flüchten, Menschen voneinander unterscheiden. Tintenfische sind offenbar hochintelligent – Forscher versuchen seit langem herauszufinden, warum die glibberigen Kopffüsser das alles können. Es ist auf jeden Fall mehr, als ein Mensch am Anfang seines Lebens zu leisten vermag.

Wenn aber Tintenfische intelligenter sind als etwa einjährige Menschenkinder, warum überflügeln uns die Meeresbewohner nicht und beherrschen die Welt?

Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen werden Tintenfische nicht sehr alt – zirka 2 bis 3 Jahre –, wodurch ihre Fortschritte begrenzt sind. Zum anderen legen Tintenfischweibchen nur ein Mal in ihrem Leben Eier, dafür sehr viele (bis zu 300 000, habe ich gelesen).

Der wichtigere Grund aber, warum nicht die Tintenfische über die Welt herrschen, ist, dass Tintenfische kurz nach dem Schlüpfen ihrer Jungen sterben. Die Kopffüsser können ihre Lebenserfahrungen nicht an ihren Nachwuchs weitergeben. Jeder Tintenfisch fängt sein Leben bei null an. Und: Tintenfische sind Einzelgänger.

Betrachtet man die Menschheitsgeschichte, ist diese geprägt von technologischen Entwicklungssprüngen: von der Erfindung des Rades über die Dampfmaschine bis hin zum integrierten Schaltkreis, der die 4. Industrielle Revolution ermöglichte, in der wir heute stecken. Möglich wurden diese durch das Wissen um die Vergangenheit, das die Vorfahren an die Nachkommen weitergaben.

Menschen setzen seit jeher Werkzeuge beziehungsweise Technologie ein, um über sich selbst hinauszuwachsen, die Grenzen ihres Daseins zu sprengen. Mit Technologie wird die Menschheit aktuelle und zukünftige Probleme lösen. Und mit Kooperation.

Vor Ihnen liegt die Jubiläumsausgabe der Netzwoche zum 20-jährigen Jubiläum. Die Netzwoche entwickelte sich in den vergangenen zwei Dekaden vom "Kondensationspunkt der Vaporware", wie sie ein langjähriger Branchenbeobachter bezeichnete (Seite 17) zur Konstante. Möglich war dies nur durch Lernen aus der Vergangenheit, durch Kooperation, durch das Weitergeben von Erfahrungen an neue Mitarbeitende. Und durch treue Kunden (Seite 33).

Ob wir aus der Vergangenheit lernen wollen, damit wir uns in Zukunft verbessern können, ist unsere Entscheidung. Wir haben die Wahl. Denn wir sind keine Tintenfische.

Auf die nächsten 20 Jahre!

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