IoT-Experte Philipp Bolliger im Gespräch

Was dem Internet der Dinge zum Durchbruch fehlt

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Promovierter Informatiker, Firmengründer, Investor: Philipp Bolliger kennt die ICT-Branche aus verschiedenen Blickwinkeln. Im Interview spricht er über das Start-up Thingstream, das er mit aufgebaut und an den Thalwiler Chipdesigner U-Blox verkauft hat - und darüber, warum 5G seiner Meinung nach nicht die notwendige Bedingung fürs Internet der Dinge ist.

Philipp Bolliger, IoT-Experte, Serial Entrepreneur und Investor. (Source: zVg)
Philipp Bolliger, IoT-Experte, Serial Entrepreneur und Investor. (Source: zVg)

Seit diesem Frühjahr gehört Thingstream zum Thalwiler Chipdesigner U-Blox. Was hat sich für Sie verändert?

Philipp Bolliger: Für uns, das Thingstream-Team, hat sich sehr viel verändert. Der Entscheid, Thingstream zu akquirieren, ist das konsequente Resultat einer nachhaltigen Wachstumsstrategie bei U-Blox. Man hat einerseits festgestellt, dass U-Blox-Kunden heute mehr erwarten als nur ein Modem. Sie wollen sich auf ihre Kernkompetenz konzentrieren und sich nicht um das komplexe Problem der sicheren und zuverlässigen Übertragung von Daten, die dann bitte auch noch weltweit und ohne Unterbrechung funktionieren muss, kümmern. Mit der Akquisition von Thingstream ist U-Blox nicht nur in der Lage, Modem und IoT-Communication-Services aus einer Hand anzubieten, sondern kann darüber hinaus das Potenzial einer sehr engen Integration von Hard- und Software nutzen, um das Produkt nochmals zu optimieren. So war es ein logischer und sinnvoller Schritt, das Thingstream-Team so schnell wie möglich vollständig in die bestehende Entwicklungs- und Verkaufsmannschaft zu integrieren. Für den CEO gibt es bei dieser Form der Integration nach einer Übergangsphase häufig keine geeignete Herausforderung. Ich habe mich deshalb entschieden, eine neue Herausforderung bei Dormakaba anzunehmen, wo ich seit Mitte August das digitale Geschäft verantworten darf.

Wie sieht es für Thingstream aus? Ist das Unternehmen heute ein anderes als noch vor einem Jahr?

Das Unternehmen Thingstream hat eine sehr kurze, aber äusserst erfolgreiche Geschichte hinter sich. Nachdem die ersten Entwicklungsarbeiten in den Jahren 2016/17 noch innerhalb der Myriad Group erfolgten, haben wir Thingstream dann Ende 2018 als eigenständige Firmengruppe etabliert. Vor einem Jahr hatten wir dann erste namhafte Enterprise-Kunden. Dies ist uns nur gelungen, weil wir verstanden haben, dass wir als IoT-Communication-Anbieter immer nur Teil einer Lösung sind und in der logischen Konsequenz ein Ökosystem von Partnern im Hardware-, aber auch im IoT-Plattform-Bereich aufgebaut haben. Dies dauert naturgemäss mehr als nur ein paar Wochen, sondern meist Jahre. Weil wir diese Strategie aber konsequent verfolgt haben, können wir, kann U-Blox, heute die Früchte dieser Arbeit ernten, worauf wir sehr stolz sind. Während Thingstream noch vor einem Jahr ein Start-up mit primär Entwicklungsfähigkeiten war, so ist es heute ein neuer und sehr Erfolg versprechender Geschäftsbereich eines global agierenden Unternehmens.

Wie kam es zum Verkauf?

Ganz klassisch würde ich sagen. Wir, als junges Start-up auf der einen Seite, hatten zwar ein tolles Produkt, aber naturgemäss noch keinen starken Brand und eingeschränkten Zugang zum Markt. Die Marke U-Blox auf der anderen Seite ist im Markt sehr gut vertreten und hoch angesehen. Zudem verfügt U-Blox über eine reife und ausgebaute Vertriebsstruktur und hat viele Grossunternehmen als Bestandskunden. Und gerade diese Grossunternehmen sind die wirklich interessanten Zielkunden für ein Thingstream-Produkt, das als IoT-Communication-as-a-Service-Angebot für den Preis einiger weniger Dollars pro Gerät und pro Jahr erst mit den ganz grossen Stückzahlen so richtig Freude macht. Dass dies ein sehr interessanter, weil sehr margenstarker und schnell wachsender und damit zukunftsträchtiger Markt ist, hat U-Blox erkannt. Um diesen Markt schnell erschliessen zu können, fehlte ihnen aber die Technologie, die entsprechenden Serviceprodukte und das Know-how. All dies konnten wir mit Thingstream bieten, und so war die strategische Akquisition denn für beide Seiten eine offensichtliche und logische Konsequenz.

Der Markt für IoT ist nach wie vor fragmentiert. Wen sehen Sie als grösste Konkurrenz?

Wenn wir uns die Entwicklung von IoT vor allem im industriellen Umfeld ansehen, dann stellen wir fest, dass es zwar schon seit Langem "Connected Devices" gibt, das Thema IoT, insbesondere im Kontext der digitalen Transformation, aber noch immer relativ neu ist. Klar reden seit ein paar Jahren alle davon, aber es dauert halt auch Jahre, bis ein Grossunternehmen einen solchen Paradigmenwechsel nicht nur erkennt, sondern auch versteht und umsetzen kann. Entsprechend ist die Breite an Angeboten auch erst in den letzten Jahren so richtig explodiert. Da die allermeisten Firmen aber doch noch immer am Anfang und nicht am Ende ihrer IoT-Reise sind, sehe ich die Fragmentierung in diesem Bereich weiter wachsen. Ich erwarte erst in zwei bis drei Jahren eine substanzielle Konsolidierung. Wir dürfen und müssen uns also auf eine sehr enge Sicht beschränken, wenn wir versuchen wollen, die Konkurrenz von heute zu erkennen. Und das sind aus Sicht von U-Blox sicherlich Premium-Anbieter im Bereich GNSS und natürlich Cellular, so etwa Sierra Wireless oder Télit.

Wie wollen Sie sich gegen die grossen Player wie Microsoft und AWS durchsetzen?

Die grossen Plattform- und Cloud-Anbieter sind für uns ganz klar nicht Konkurrenz, sondern Partner! Wir machen es unseren Kunden einfach, ihre Daten vom Gerät in eine Cloud zu bringen – sicher, stromsparend und egal wo sich dieses Gerät gerade befindet. Wir sind aber kein Datenverarbeiter. Das können die genannten Big Player besser und werden dies auch immer besser tun. Damit deren Geschäftsmodell aber funktioniert, sind sie darauf angewiesen, dass sich möglichst viele IoT-Devices mit ihrer Cloud verbinden, und genau das machen wir möglich.

Der IoT-Communication-Service von Thingstream nutzt für den Datenaustausch nicht das Internetprotokoll, sondern den Mobilfunkstandard GSM. Damit fallen zwar viele Angriffsvektoren weg, doch die Zukunft von GSM scheint ungewiss: Swisscom will ihr 2G-Netz per Ende 2020 abschalten. Was bedeutet das für Thingstream?

Das ist richtig, aber nicht vollständig. Es ist uns gelungen, und da sind wir absolut einzigartig, in 2G- (oder eben GSM) und 3G-Netzen Daten mittels MQTT-over-USSD sicher und zuverlässig zu transportieren. Damit erreichen wir nicht nur eine deutlich bessere Reichweite, sondern auch eine zwei- bis dreimal längere Batterielaufzeit im Vergleich zu einem Standard-Datentransfer auf diesen Netzen. Und wir tun dies in 640 Mobilfunknetzen, weltweit. Die Anwendungen unserer Kunden sind meist im Bereich Asset Tracking oder Remote Monitoring. Genau diese Fähigkeiten sind für unsere Kunden deshalb sehr wichtig: es muss überall und immer funktionieren. Mit 4G und 5G verlieren wir leider die Möglichkeit, USSD zu nutzen. Wir haben daher bereits sehr früh damit begonnen, unser Know-how im Bereich MQTT auch für diese Technologien so umzusetzen, dass die Übertragung von Daten eben einfach, sicher und stromsparend ist. Es ist ja tatsächlich so, dass mehr und mehr Provider, es ist ja nicht nur Swisscom, in Europa und vor allem in den USA ihre 2G-Netze abschalten. Das ist sehr schade, denn 2G wäre, obwohl nicht neu, perfekt für die meisten IoT-Anwendungen. Das weiss auch Swisscom. Sie braucht aber blöderweise die Frequenzen, um 5G auszurollen. In anderen Regionen der Welt sieht es aber ganz anders aus. In gros­sen Teilen Asiens oder in Afrika ist 2G sehr verbreitet und 5G wird wohl noch länger nicht, sicher nicht flächendeckend, zum Einsatz kommen. Wenn sie also heute ein IoT-Gerät bauen möchten, das weltweit einsetzbar ist, dann gibt es eigentlich nur eine Lösung: eine Hardware einzusetzen, die zwar 4G kann, aber auch einen 2G-Fallback anbietet. Und genau darin ist Thingstream eben stark. Wir abstrahieren diese Komplexität für den Benutzer. Egal welches Netz gerade verfügbar ist, Thingstream sucht sich die beste Möglichkeit und garantiert, dass die Daten bei Ihnen in der Cloud ankommen.

In der Telkobranche heisst es, Voraussetzung für die Durchsetzung des IoT sei der Ausbau der 5G-Netze. Wie sehen Sie das?

Das sehe ich gar nicht so. Es spielt aber natürlich eine grosse Rolle, was ich mit "IoT" meine und brauche. Wenn ich supertiefe Latenzen oder eben extreme Bandbreiten brauche, dann muss ich mit meiner IoT-Lösung auf 5G warten. Meist ist dies aber gar nicht der Fall. Sicher nicht bei Asset Tracking oder eben den meisten Remote-Monitoring-Anwendungen, bei denen nur wenige KB und diese meist unregelmässig übertragen werden müssen. Wie gesagt, gibt es "Connected Devices" schon seit 2G, und diese funktionieren bis heute tadellos. Viel eher sehe ich die Herstellerkosten der Hardware als Aktivierungsfaktor. Ein 2G-Modem hat vor 20 Jahren dutzende Dollar gekostet. Es hat also wirtschaftlich schlicht keinen Sinn ergeben, zum Beispiel ein Logistik-Palette mit einem solchem Modem auszustatten. Heute gibt es 2G-Modems für unter 5 Dollar, womit solche Anwendungen, die dann eben die ganz grossen Stückzahlen ausmachen, plötzlich möglich und wirtschaftlich werden. Die 5G-Technologie ist noch länger nicht so breit verfügbar und hat folglich diese Entwicklung der Economies-of-Scale erst noch vor sich.

Was steht dem Durchbruch des industriellen IoT im Weg?

Wie bereits gesagt, sind die Gestehungskosten der für IoT zusätzlich nötigen Hardware ganz sicher ein entscheidender Faktor. Dazu kommen natürlich die Kosten für den Unterhalt und den Betrieb. Das Total all dieser Kosten muss im richtigen Verhältnis zu einer möglichen Kosteneinsparung oder zu potenziellen Zusatzeinnahmen durch ein neues Businessmodell stehen. Für den Bereich Asset Tracking bin ich der Meinung, dass die Gesamtkosten der IoT-Lösung pro Jahr, inklusive Betriebskosten und Abschreiber auf der Hardware, nicht mehr als 1 Prozent des aktuellen Warenwerts betragen dürfen. Ist der Warenwert höher als ein Hundertfaches dieser Kosten, dann lohnt sich IoT. Ist er tiefer, ist es noch zu teuer. Es ist heute etwa schlicht nicht sinnvoll, eine Festbank zu tracken, die mich 200 Franken gekostet hat, wenn ich dafür Hardware brauche, die 50 Franken kostet und ich dann noch jedes Jahr 24 Franken für Connectivity und Cloud ausgebe. Diese Kosten werden in den nächsten Jahren aber weiter fallen und so werden die Anwendungen für IoT eben exponentiell wachsen.

Sie sind ja nun seit kurzem Vice President digital bei Dormakaba. Welche Herausforderung erwarten Sie da?

Der Konzern Dormakaba hat bereits eine lange und sehr erfolgreiche Tradition in der Entwicklung und im Angebot digitaler Lösungen und viel Erfahrung im Umgang mit Elektronik und Software. Aufgrund der enormen Angebotsbreite ist es uns aber noch nicht genügend gelungen digitale Gesamtlösungen anzubieten. Zudem erwächst uns mit der steigenden Akzeptanz und Verbreitung von Smart-Home-Angeboten auch Konkurrenz aus völlig neuen Industrien. Mit zunehmender Urbanisierung ergeben sich für uns aber vor allem hochinteressante neue Chancen, zum Beispiel im Bereich Multi-Housing. Und nicht zuletzt sehen wir die zunehmende Sharing-Economy, man denke nur an AirBnB oder all die Shared-Workspace Angebote, als grosses Wachstumspotential. Unsere Aufgabe und Herausforderung ist es nun diese Chancen zu packen und unsere Kunden mittels digitalen Produkten und Diensten in ihrer digitalen Transformation zu unterstützen. Ich bin überzeugt dass mir die Erfahrungen, welche ich mit Thingstream sammeln konnte, in dieser Arbeit sehr hilfreich sein werden. Ich freue mich auf jeden Fall sehr auf die neuen Herausforderungen!

Zur Person: Philipp Bolliger ist Experte für IoT und digitale Transformation, Serial Entrepreneur und Investor. Nach dem Studium der Informatik promovierte Bolliger an der ETH Zürich in Ubiquitous Computing. Seine berufliche Laufbahn startete er als Gründer und CEO seines ersten Unternehmens Koubachi, das 2015 von der Husqvarna Group akquiriert wurde. Nach drei Jahren bei der Husqvarna Group führte er sein zweites Start-up Thingstream als CEO von der Wiege zur Akquisition durch U-Blox im Frühjahr 2020. Bolliger ist seit August Vice President Digital bei Dormakaba.

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