Interview mit Haitao Wang, Huawei

« Huaweis Commitment für den Schweizer Markt ist seit 12 Jahren ungebrochen »

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Haitao Wang – "Andy" – leitet seit 2018 die Geschicke von Huawei in der Schweiz. Trotz Corona lief das Geschäft der Chinesen hierzulande 2020 zufriedenstellend. Ein Gespräch über US-Bann, 5G und die Vorzüge der Schweiz als ­Innovationsstandort.

Haitao Wang, Huawei. (Source: Huawei Technologies Switzerland AG)
Haitao Wang, Huawei. (Source: Huawei Technologies Switzerland AG)

Wie geht es Huawei in der Schweiz 2020?

Andy Wang: Die einzelnen Geschäftsbereiche Carrier Business Group, Enterprise Business Group und Consumer Business Group haben in diesem Jahr unterschiedlich performt. So haben wir eine stabile Entwicklung im Carrier-Geschäft und aus den bekannten Gründen eine leichte Verschlechterung in unserem Consumer Business. Sehr gut entwickelt hat sich das Enterprise-Geschäft mit einem Zuwachs von rund 40 Prozent, allerdings noch auf eher tiefer Basis.

Huawei will bis Ende 2021 den Personalbestand in der Schweiz verdoppeln, wie ich gelesen habe.
In welchen Bereichen sollen die neuen Stellen ent­stehen?

Es ist nicht ganz eine Verdoppelung, sondern wir erhöhen die Anzahl Stellen von 300 auf 550. Die neuen Stellen entstehen vor allem in Forschung und Entwicklung rund um Advanced Computing und weitere Themen in den Forschungszentren in Zürich und Lausanne – in der Nähe der beiden ETHs. Auch in der Enterprise Business Group wird sich der Headcount erhöhen, da sich dieser Geschäftsbereich sehr gut entwickelt.

Sie haben die Schwierigkeiten im Consumer Business angesprochen und dass Huawei die Lizenz für Google Mobile Services verloren hat. Nun will Huawei mit lokalen Entwicklern arbeiten, um Schweizer Apps für die Huawei App Gallery mit Huawei Mobile Services programmieren zu lassen. Wie holen Sie Schweizer Entwickler an Bord?

Es ist eine ziemliche Herausforderung, um ehrlich zu sein, dass wir von der globalen Supply Chain abgeschnitten und durch den US-Bann gezwungen sind, unsere eigenen Mobile Services zu entwickeln. Die Top-100-Apps der Schweiz sind im Huawei-Mobile-Services-Ökosystem verfügbar, in der App Gallery finden sich viele populäre Apps wie 20min, Blick oder SRF, aber auch die Coop-App oder local.ch Es ist aufwendig, jeden einzelnen Entwickler anzuziehen; wir leisten hier einen grossen Effort.

Huawei hat ja auch sein eigenes Betriebssystem ­namens Harmony OS entwickelt, aber wie es scheint, kommt es noch nicht in Smartphones zum Einsatz, dafür in einem chinesischen Elektroauto namens BYD ...

Die Strategie legt unser globales Consumer Business fest und es gibt diese Zusammenarbeit mit dem Autohersteller BYD. Wir setzen weiterhin auf das Basis-Android-Betriebssystem für unsere Smartphones, das ja Open Source ist, und reichern es mit Huawei Mobile Services an, da wir momentan nicht auf Google Mobile Ser­vices zugreifen können.

Wie schätzen Sie das ein: Wird sich die Situation mit dem US-Bann durch den neuen US-Präsidenten Joe Biden für Huawei verbessern?

Tatsächlich bin ich zuversichtlich, dass sich die unfaire Behandlung Huaweis durch die USA verbessert. Es gibt auch keinerlei Beweise dafür, dass sich Huawei nicht korrekt verhält. Das sind einfach politische Spiele. Und nicht nur wir sind vom Bann betroffen – auch andere Unternehmen leiden, egal ob in den USA, Japan, Südkorea oder China. Alle verlieren, wenn die globale Supply Chain unterbrochen ist. Wie alle Unternehmen wünschen auch wir uns ein stabiles und faires Umfeld, um Geschäfte machen zu können. Um Ihre Frage zu beantworten: Ich weiss nicht, wie lange es dauern wird, bis wir zur Normalität zurückkehren werden. Aber es scheint eine Chance dafür zu geben.

Und dann? Hört Huawei auf, eigene Betriebssysteme, eigene Mobile Services, eigene Apps zu entwickeln?

Grundsätzlich möchten wir unseren Kunden immer das beste Produkt bieten und dafür sourcen wir auf dem Weltmarkt die besten Komponenten in unterschiedlichen Ländern – egal ob Software oder Hardware. Denn wir können nicht alles selbst entwickeln und selbst produzieren. Aber wir werden aufgrund des Erlebten nicht aufhören, selbst zu entwickeln – niemand weiss, was die Zukunft bringt oder was in vier Jahren sein wird. Deshalb werden wir uns nicht mehr zu 100 Prozent auf die globale Supply Chain verlassen und unsere eigenen Fähigkeiten und Kapazitäten weiterentwickeln.

Lassen Sie uns wieder über den Schweizer Markt sprechen. Sie konnten im Enterprise-Segment kräftig zulegen. Auf welche Unternehmensgrössen zielen Sie ab?

Natürlich zielen wir auf grosse Kunden, die wir auf Konzern­ebene auch direkt betreuen. Wir haben seit drei Jahren etwa eine Kooperation mit Schindler. Mit ihnen haben wir das IoEE gebaut – das Internet of Elevators and Escalators. Die Schweiz bietet aber auch als KMU-Land mit rund einer halben Million Unternehmen interessante Wachstumsmöglichkeiten. Diesen Bereich werden wir gemeinsam mit Channelpartnern weiter bearbeiten.

Sie kooperieren beim Netzausbau eng mit dem Telko Sunrise. Nun wird Sunrise von der US-amerikanischen Liberty Global übernommen, der Muttergesellschaft von UPC. Was bedeutet diese Übernahme für Huawei in der Schweiz? Eigentlich dürfen US-Firmen ja nicht mit Ihnen zusammenarbeiten …

Es ist noch nicht ganz klar, welche Auswirkungen diese Fusion auf uns haben wird. Wir sind optimistisch, dass die Kooperation weitergehen wird, auch weil unsere bisherige Zusammenarbeit so erfolgreich war.

Wie schätzen Sie die Entwicklung von 5G in der Schweiz ein?

Die Schweiz gehört beim 5G-Ausbau global zu den Top-Ländern. Auch Huawei hat daran einen Anteil. So hat uns Sunrise beauftragt, den 5G-Ausbau für sie zu bewerkstelligen. Mit ihnen haben wir auch das erste 5G Innovation Center lanciert, wo es 5G für alle quasi «zum Anfassen» gibt. Dort entwickeln und fördern wir gemeinsam mit Partnern aus Privatwirtschaft und öffentlicher Hand 5G- und IoT-Anwendungen im Privat- und Geschäftskundenbereich. Bei 5G ist der Technologiesprung grösser als etwa von 3G auf 4G. Es gibt viel mehr Bandbreite und viel mehr Verbindungen. Unternehmen wissen noch gar nicht, was mit 5G alles möglich sein wird.

Und im Innovation Center kann das erlebt werden?

Ja, und wir bieten hier Unternehmenskunden auch die Möglichkeit, ihre eigenen Entwicklungen in voll funktionsfähigen 5G-Umgebungen unter realen Bedingungen zu testen. Wir freuen uns, hier mit den verschiedenen Partnern und Vendors gemeinsam neue 5G-Anwendungen und Use Cases zu entwickeln. Das senkt die Entwicklungskosten für alle und erhöht die Effizienz.

Es gibt ja vonseiten der Bevölkerung einige Vorbehalte gegen 5G als Technologie. Was sagen Sie dazu?

Das ist natürlich eine Herausforderung, denn solche Vorbehalte behindern den zügigen 5G-Ausbau und die Schweiz könnte ihren Vorsprung einbüssen. Aber es ist auch so, dass es bei allen Technologiewechseln in der Vergangenheit auch Widerstand gegeben hat. Wenn Sie sich an die Entwicklung der ersten Handys zurückerinnern, daran, dass die Leute Angst hatten vor der Strahlung und dass diese das Hirn schädigen und Krebs verursachen könnte. Aus wissenschaftlicher Sicht gab es für diese irrationalen Ängste keine Beweise und dasselbe gilt auch für 5G. Und man muss auch Folgendes sehen: In der Schweiz sind die Strahlungsgrenzwerte um das Zehnfache strenger als diejenigen im EU-Ausland. Es gibt hier also wirklich nichts zu befürchten. Es dürfte etwas Zeit brauchen, bis alle Leute verstanden haben werden, welchen Wert 5G für Gesellschaft und Wirtschaft hat.

Welche Auswirkungen hatte und hat Covid-19 auf Huawei Schweiz?

Wie ich schon sagte, hat sich unser Geschäft zufriedenstellend entwickelt: stabil im Carrier-Geschäft, starkes Wachstum im Enterprise-Geschäft und nur ein leichter Rückgang im Consumer-Geschäft. Über alles sind wir gewachsen und werden das Wachstum weiter fortsetzen. Auf der Seite der Marktbearbeitung hatte Corona aber erhebliche Auswirkungen: Für uns ist es wichtig, dass wir unsere Kunden persönlich treffen und mit ihnen von Angesicht zu Angesicht sprechen können – das war während des Lockdowns im ersten Halbjahr nicht möglich. Auch konnten wir unsere Kunden nicht an den Hauptsitz in China einladen, um ihnen vor Ort zu zeigen, woran wir arbeiten. Zudem sind viele unserer chinesischen Mitarbeitenden wegen der Reisebeschränkungen in beide Richtungen seit Monaten nicht mehr zuhause gewesen und wir konnten kaum Besuche aus China empfangen. Dank starken digitalen Tools konnten wir diese Nachteile aber erfolgreich ausgleichen.

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach die Schweizer Wirtschaft kommendes Jahr entwickeln?

Ich bin kein Experte. Aber ich hoffe natürlich, dass sich die Wirtschaft schnell von den Corona-Auswirkungen erholen wird und wir zur Normalität zurückkehren können. Für die Geschäftsentwicklung von Huawei Schweiz bin ich zuversichtlich. Huaweis Commitment für den Schweizer Markt ist seit zwölf Jahren ungebrochen – wir schaffen hier Arbeitsplätze, investieren in Forschung und Entwicklung. Wir werden weiterhin unseren Beitrag in diesem Land leisten und die lokale Wirtschaft unterstützen. Die Schweiz ist innovativ, stabil und neutral. Es gibt hier viel Talent – die Menschen sind top ausgebildet. Und die Kunden sind anspruchsvoll. All das macht die Schweiz für uns zum perfekten Standort.

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