Studie der ZHAW

Digitalisierung des Gesundheitswesens: Schweiz schneidet schlecht ab

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von Joël Orizet und nba

Bei der digitalen Transformation hinkt das Schweizer Gesundheitswesen im internationalen Vergleich weiter nach. Durch die Pandemie hat sich die Digitalisierung aber beschleunigt und die Bevölkerung ist offen für Lösungen, wie eine Studie der ZHAW zeigt.

(Source: zen2000 / Fotolia.com)
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Die Schweiz hinkt nach wie vor anderen Ländern hinterher: Bezüglich der Digitalisierung des Gesundheitswesens hat die Schweiz in verschiedenen Rankings nicht aufgeholt, wie die ZHAW im Digital Health Report feststellt. Auch innerhalb des Landes sei der Digitalisierungsgrad des Gesundheitssektors im Vergleich zu anderen Branchen unterdurchschnittlich.

Die Studie stammt vom Institut für Gesundheitsökonomie der ZHAW School of Management and Law. Die Befunde stützen sich auf Ergebnisse anderer Studien sowie auf eine Befragung von rund 20 Expertinnen und Experten. Finanziert wurde die Studie von Roche, dem Finanzberater Synpulse, der Krankenkasse Swica und der Post.

Digitalisierung als zu wenig wichtig erachtet

"Gerade die Coronakrise hat die Digitalisierungslücken im Schweizer Gesundheitswesen mit aller Deutlichkeit offengelegt. Man denke etwa daran, wie Fallzahlen zum Teil per Fax übermittelt werden mussten", sagt Studienautor Alfred Angerer. Abgesehen von der wenig ausgeprägten elektronischen Kommunikation zwischen den Gesundheitsdienstleistern zeige sich der Rückstand unter anderem auch in der verzögerten Implementierung von digitalen Gesundheitsdiensten wie dem elektronischen Patientendossier (EPD), der Telemedizin oder digitalen Rezepten.

Die Gründe für den langsamen Fortschritt sehen die Verfasser der Studie im Mangel an Fachkräften, in regulatorischen Hürden und vor allem der geringen Priorität, welche die Digitalisierung im Alltag vieler Gesundheitsinstitutionen bisher einnahm.

Die Nachfrage ist da, vor allem bei den Jungen

Teilweise habe die Pandemie nun aber einen Digitalisierungsschub ausgelöst, heisst es in der Mitteilung zu den Studienergebnissen. So nahm beispielsweise die Anzahl Arztkonsultationen via Internet und Telefon deutlich zu und verschiedene Institutionen investierten in Digitalisierungsmassnahmen. "Wie nachhaltig diese Beschleunigung ist, ist zurzeit noch unklar", erklärt Angerer. Auch abgesehen von der Coronakrise habe es in den vergangenen Jahren insbesondere in der Spitex sowie in Alters- und Pflegeheimen eine stark wachsende Anzahl von Digitalisierungsinitiativen gegeben. Zudem existierten in der Schweiz mittlerweile mehr als 200 Digital-Health-Start-ups – Tendenz steigend.

Die Schweizer Bevölkerung wünsche sich digitale Angebote; Patientinnen und Patienten hätten allerdings zunehmend höhere Erwartungen, beispielsweise in Bezug auf den elektronischen Austausch mit Gesundheitsdienstleistern oder den Zugriff auf persönliche Daten. Das gelte insbesondere für junge Menschen. "Insgesamt wird dieses Bedürfnis heute aber noch ungenügend bedient", lässt sich Angerer zitieren.

EPD soll sich "in den kommenden Jahren durchsetzen"

Die Mehrheit der Bevölkerung beurteile das EPD positiv. Die verschiedenen Leistungserbringer beurteilen das EPD allerdings unterschiedlich, wie die Studienautoren unter Berufung auf eine Befragung von GFS Bern vom letzten Jahr festhalten: Die Akzeptanz des EPD ist in Spitälern deutlich höher als bei Praxisärztinnen und -ärzten.

(Source: ZHAW Digital Health Report / GFS Bern)

Die von der ZHAW befragten Expertinnen und Experten rechnen damit, dass sich das EPD zusammen mit elektronischen Rezepten in den kommenden Jahren durchsetzen wird. Das sei aber kein Selbstläufer, stellen die Studienautoren fest, sondern erfordere ein "erhöhtes Engagement aller Akteure".

Das EPD ist nach wie vor nicht schweizweit verfügbar. Noch dieses Jahr soll es aber so weit sein. Zu diesem Zweck will der Bundesrat das EPD benutzerfreundlicher machen und ambulante Fachpersonen verpflichten, sich zu beteiligen.

Jürg Lindenmann, Geschäftsführer von Health-IT, plädiert hingegen für einen kompletten EPD-Neustart. In seiner Kolumne schreibt Lindenmann, in seiner jetzigen Form sei das Projekt gescheitert. "In solchen Situationen braucht es den Mut, die Lage ungeschminkt zur Kenntnis zu nehmen und wenn nötig den Stecker zu ziehen."

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