Focus: Barrierefreiheit im Web

Web-Accessibility – wie sich mit ­wenig Aufwand viel bewirken lässt

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von Manu Heim, ETH Zürich, Hochschulkommunikation

Die digitale Welt ist für alle da. Auch für Menschen mit Behinderungen, auch für Menschen mit chronischen, psychischen oder neurologischen Erkrankungen. Die digitale Welt muss aber auch so gebaut sein, dass sie für alle funktioniert. Mit kleinen Kniffen und der einen oder anderen Technik können wir Hürden abbauen und Chancen eröffnen.

Manu Heim, Senior-Accessibility-Expertin an der ETH Zürich, Hochschulkommunikation. (Source: zVg)
Manu Heim, Senior-Accessibility-Expertin an der ETH Zürich, Hochschulkommunikation. (Source: zVg)

Laut dem Bundesamt für Statistik lebt in der Schweiz jede fünfte (!) Person mit Behinderungen. Es lässt sich nicht schönreden: Die Welt ist schwieriger, wenn sie nicht für dich gemacht ist. Genau das erleben diese Menschen alltäglich. 

Wer dabei an den Rollstuhl oder den weissen Stock denkt, denkt zu eng. Denn viele Umstände können dazu führen, dass betroffene Personen im Alltagsleben – teilweise stark – eingeschränkt  sind. Für die anderen ist das nicht zwingend offensichtlich. Ob Gehörlosigkeit, Dyslexie, ADHS, Multiple Sklerose oder Arthritis: Sie werden den Menschen nicht ansehen, mit welchen Erschwernissen sie leben. 

Was Barrierefreiheit konkret heisst

Digitale Barrierefreiheit ist kein abstraktes Konzept – sie zeigt sich in konkreten, oft kleinen Details.

Mangelhafte Farbkontraste etwa betreffen nicht nur ältere Menschen und Menschen mit Sehbehinderungen. Wer sein Smartphone schon einmal in der prallen Sonne benutzt hat, erlebt selbst, was mangelnder Farbkontrast bedeutet. Ob Ihre Kontraste ausreichen, können Sie unkompliziert mit kostenlosen Tools prüfen. 

Ein weiteres häufiges Problem: Informationen werden nur über Farbe vermittelt, etwa in Linien- und Kuchendiagrammen. Stellen Sie sich deshalb stets die Frage, ob ihre Grafik auch in Graustufen verstanden werden kann. Vielleicht haben Sie eine gepunktete blaue und eine gestrichelte rote Linie verwendet – und schon taugt das Liniendiagramm auch für farbenblinde Menschen.

Vorlesesoftware ist für blinde User, aber auch für Menschen mit Dyslexie oder Lernschwierigkeiten unverzichtbar. Ein solcher Screenreader ist punktfixiert: Eine räumliche Orientierung gibt es nicht. Es kann kein "Auf einen Blick"-Eindruck einer Webseite entstehen. Deshalb braucht es gute Strukturen und korrekte Semantik. Eine Überschrift ist nicht bloss grösser und fett dargestellt – sie verlangt nach einer passenden Formatierung. Achten Sie darauf!

Tastaturbedienbarkeit ist ein weiteres Grundprinzip: Viele User arbeiten ohne Maus, nur mit der Tastatur oder mit Hilfsmitteln, die eine Tastatur simulieren. Alle interaktiven Elemente – Links, Dropdowns, Checkboxen – müssen entsprechend erreichbar und bedienbar sein. Hier ist korrekte Programmierung gefragt!

Semantik: Was Sehende "nebenbei" erfassen

Normalsehende erkennen in Bruchteilen einer Sekunde, ob ein Element ein Button, ein Dropdown oder ein Datumswähler ist – aufgrund visueller Erfahrung. Ein kleiner Pfeil nach unten bedeutet: klappt auf. Ein Kalenderblatt bedeutet: Datum auswählen. Diese visuelle Logik kann sich nicht allen erschliessen.

Was hilft, ist semantische Information: die maschinenlesbare Beschreibung eines Elements, die sagt, was es ist – unabhängig davon, wie es aussieht. "Überschrift Ebene 2", "Liste mit 18 Einträgen", "Schalter" – das sind Informationen, die ein Screenreader vorlesen kann. Ob die Programmierung korrekt ist, sieht man den Elementen nicht an. Genau deshalb reicht es nicht, digitale Inhalte nur visuell zu prüfen.

Übrigens: Suchmaschinen sind ebenfalls "blind". Wer auf mehr digitale Barrierefreiheit achtet, verbessert damit auch seine Position in den Suchergebnissen.

Design for all – Content for all

Die zentrale Botschaft ist einfach: Nicht alle Menschen nehmen ein digitales Angebot so wahr, wie seine Macherinnen und Macher es tun. Wir können alle zu mehr Barrierefreiheit im digitalen Raum beitragen – mit kleinen Anpassungen, die grosse Wirkung entfalten.

Webcode
KfTPE4ea