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Die Arbeitslosigkeit steigt – und KI dürfte ein Grund sein

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von Michael Siegenthaler, ETH Zürich

Seit der Einführung von ChatGPT ist die Arbeitslosigkeit in KI-exponierten Berufen stärker gestiegen als in weniger betroffenen Feldern. Dies zeigt eine Untersuchung, gestützt auf Daten des Arbeitslosenregisters. Erstmals trifft die Digitalisierung vor allem hochqualifizierte Wissensarbeitende.

Michael Siegenthaler, Leiter Forschungsbereich Schweizer Arbeitsmarkt, KOF Institut, ETH Zürich. (Source: zVg)
Michael Siegenthaler, Leiter Forschungsbereich Schweizer Arbeitsmarkt, KOF Institut, ETH Zürich. (Source: zVg)

Generative KI‑Anwendungen wie ChatGPT können Texte verfassen, Code schreiben, Bilder generieren und recherchieren. Seit ihrer Einführung im Herbst 2022 hat sich die Technologie mit bemerkenswerter Geschwindigkeit verbreitet. Für viele Beschäftigte birgt das Chancen – für manche aber auch Risiken. 

Welche Berufe sind besonders von KI betroffen?

Erstmals im Zeitalter der Digitalisierung sind nicht primär Routinetätigkeiten am unteren Ende der Lohnskala der Automatisierung ausgesetzt, sondern anspruchsvolle Tätigkeiten von Wissensarbeitern. Besonders exponiert gegenüber der KI sind Berufe, bei denen KI-Sprachmodelle einen grossen Teil der Tätigkeiten beschleunigen oder übernehmen können. Dazu zählen etwa Softwareentwicklerinnen, Journalisten, Webdesigner sowie Fachkräfte im Marketing und im HR. Bei Softwareentwicklern etwa können KI-Modelle gemäss Schätzungen über 90 Prozent der Tätigkeiten in der Hälfte der Zeit erledigen. Demgegenüber weisen viele Berufe mit geringeren Qualifikationsanforderungen eine geringe KI-Exposition auf, etwa Hilfs- und Fachkräfte im Bau, in der Reinigung und im Gastgewerbe oder Handwerkerinnen.

Steigende Arbeitslosigkeit, sinkende Stellenzahl

In einer Studie untersuchten wir die frühen Auswirkungen generativer KI auf den Schweizer Arbeitsmarkt. Grundlage sind Daten des Schweizer Arbeitslosenregisters sowie alle online ausgeschriebenen Stelleninserate. Die Ergebnisse zeigen: Seit Herbst 2022 ist die Arbeitslosigkeit in Berufen mit hoher KI-Betroffenheit bis zu 30 Prozent stärker gestiegen als in wenig exponierten Berufen. Gleichzeitig ging die Zahl der Stellenausschreibungen in stark betroffenen Berufsfeldern besonders deutlich zurück. 

Die Grafik zeigt die Entwicklung: Vor, während und nach der Covid-Pandemie verlief die Arbeitslosigkeit in Berufen mit hoher und tiefer KI-Exposition nahezu parallel. Seit 2023 driften die Kurven auseinander: 2025 zählen KI-exponierte Berufe rund 7400 Stellensuchende mehr als wenig betroffene Berufe. Die naheliegende Erklärung ist, dass generative KI-Modelle diese Schere mitverursacht haben. Besonders deutlich zeigt sich dies bei Softwareentwicklern – ihre Arbeitslosenzahl hat sich von Ende 2022 bis Ende 2025 fast verdreifacht, nachdem sie 15 Jahre lang praktisch konstant tief war. Es gibt kaum plausible alternative Faktoren, die diesen abrupten Anstieg erklären könnten.

Arbeitslose Stellensuchende nach KI-Betroffenheit in der Schweiz

Die Abbildung zeigt aggregierte Arbeitslosenzahlen nach KI-Betroffenheit der Berufe in Jahresfenstern (September bis August). Berufe werden anhand ihrer KI-Betroffenheit in Terzile eingeteilt: hohe, mittlere und tiefe Betroffenheit. Die vertikale Linie markiert November 2022, den Zeitpunkt der Einführung von ChatGPT. Datenquelle: SECO, Eloundou et al. (2025), eigene Berechnungen.

 

Auffällig ist zudem, dass jüngere Beschäftigte stärker von steigender Arbeitslosigkeit betroffen sind als Ältere – möglicherweise, weil sie häufiger auf Stellensuche sind oder weil KI besonders Einsteigerstellen reduziert.

Generative KI verbreitete sich sehr schnell

Bei Bürocomputern und Industrierobotern dauerte es Jahrzehnte, bis sich deren Arbeitsmarktauswirkungen bemerkbar machten. Dass generative KI hingegen bereits sichtbare Spuren in den Arbeitslosenzahlen hinterlässt, dürfte an der ausserordentlich schnellen Verbreitung liegen. ChatGPT erreichte innerhalb weniger Monate Milliarden Nutzerinnen und Nutzer. Die Technologie ist kostengünstig, erfordert kaum betriebliche Investitionen und lässt sich direkt über bestehende Computerprogramme ohne Zusatzausbildung nutzen.

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