Focus: KI-Arbeitswelt

Wie KI die Spielregeln der Arbeit verändert

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(Source: Feodora - stock.adobe.com)
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Diesmal beginnt der Umbruch nicht in den Fabriken, sondern in den Köpfen. Generative KI greift in den Arbeitsalltag ein und verändert, wie Menschen Aufgaben denken, vorbereiten und ausführen. Wer schreibt, analysiert oder programmiert, startet heute häufig mit einem System, das Vorschläge liefert, Struktur vorgibt oder erste Entwürfe erstellt. Dies senkt die Einstiegshürden für Tätigkeiten, die lange als hochqualifiziert galten. Es verändert aber auch, was als Können gilt. Nicht nur das Ergebnis zählt, sondern der Umgang mit KI-generiertem Output: das Prüfen, Einordnen und Weiterent­wickeln. Erfahrung verliert dort an Gewicht, wo Routinen automatisiert entstehen, während neue Fähigkeiten wichtiger werden, um Qualität zu sichern und Entscheidungen zu treffen. Auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich das bereits deutlich – allerdings je nach Branche und Berufsbild in sehr unterschiedlichem Tempo und Ausmass.

Tätigkeiten wie Datenaufbereitung, einfache Analysen oder administrative Routinen verlieren rapide an Bedeutung. Unternehmen ­suchen weniger Menschen, die Prozesse ausführen, sondern solche, die Systeme verstehen und steuern. Der Fachkräftemangel verlagert sich: Nicht Arbeitskräfte fehlen, sondern passende Profile. Samuel Mete von der Adecco-Tochter LHH beschreibt diesen Strukturwandel und warnt: Wer KI nicht frühzeitig einbettet, riskiert den Anschluss an eine zunehmend technologiegetriebene Arbeitswelt.

Im Arbeitsalltag offenbart sich ein Paradox: KI schreibt Protokolle, analysiert Dokumente, durchsucht Datenmengen – doch statt Entlastung folgt oft Verdichtung. Was früher einen Nachmittag dauerte, gilt plötzlich als Zehn-Minuten-Aufgabe. Und die Verantwortung verschiebt sich von Ausführenden zu Navigatoren, wie Alexander Bélaz vom Verband Angestellte Schweiz ausführt.

Wie stark KI den Schweizer Arbeitsmarkt bereits verändert hat, zeigt eine Untersuchung des KOF der ETH Zürich. Seit Herbst 2022 stieg die Arbeitslosigkeit in KI-exponierten Berufen bis zu 30 Prozent stärker als in weniger betroffenen Feldern. Besonders betroffen sind Software Engineers, Webdesigner sowie Fachkräfte im Marketing, Journalismus und HR. 2025 zählen KI-exponierte Berufe rund 7400 Stellensuchende mehr als wenig betroffene Berufe. Für Michael Siegenthaler vom KOF liegt die naheliegende Erklärung auf der Hand: Generative KI-Modelle haben diese Schere mitverursacht, wie er erläutert.

Historisch betrachtet verschwinden jedoch selten ganze Berufe – ihre Inhalte verändern sich, werden oft sogar anspruchsvoller. Anders als die Industrialisierung greift KI nicht Muskeln an, sondern Sprache, Wissen und Urteilsbildung. Das grösste Risiko liege dabei nicht in der Technologie selbst, sondern im Umgang mit ihr, sagt Hans Rusinek, Arbeitsforscher an der Universität St. Gallen, im Interview. Besonders kritisch: KI übernimmt ausgerechnet jene Einstiegsaufgaben, über die Menschen traditionell Kompetenzen aufbauen. Die Grundlage für Urteilskraft droht wegzubrechen. Dazu kommt "Workslop": gut klingende, aber inhaltlich leere KI-Inhalte, die bereits heute Vertrauen beschädigen. Sein Rat im Interview: Von der Arbeit her denken, nicht vom Tool. Wenn KI die Antwort ist – was war eigentlich die Frage?

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