Interview mit Lucy Reynolds, Syngenta

So digitalisiert Syngenta die Landwirtschaft mit künstlicher Intelligenz

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von Marc Landis und jor

Syngenta setzt in Vertrieb, Forschung und Landwirtschaft auf KI. Im Interview spricht Lucy Reynolds, Head of Commercial Digital IT bei Syngenta, über Salesforce Agentforce und darüber, wie das Unternehmen Daten aus verschiedenen Systemen zusammenführt und daraus konkrete Empfehlungen für Landwirte ableitet.

Lucy Reynolds, Head of Commercial Digital IT bei Syngenta. (Source: zVg)
Lucy Reynolds, Head of Commercial Digital IT bei Syngenta. (Source: zVg)

Ihr Job-Titel lautet Head of Commercial Digital IT. Darf ich fragen, was an IT nicht digital ist?

Lucy Reynolds: (Lacht). Das ist tatsächlich eine interne Nuance bei Syngenta. Wir unterscheiden zwischen klassischer Kern-IT, also etwa Infrastruktur, und digitalen Plattformen. Dazu zählen etwa Salesforce, aber auch eigene Entwicklungen wie Cropwise, unsere digitale und KI-gestützte Plattform für die Landwirtschaft zur datenbasierten Entscheidungsfindung. Im Kern geht es in meinem Bereich darum, Technologien zu betreiben, die direkt mit unserem kommerziellen Geschäft und mit den Landwirten verbunden sind.

Wir treffen uns hier an der Salesforce Agentforce World Tour in Zürich - welche Beziehung verbindet Syngenta und Salesforce?

Wir arbeiten seit rund 14 Jahren mit Salesforce zusammen. Begonnen hat die Beziehung mit der globalen Einführung von Salesforce als CRM-System. Seither hat sie sich deutlich vertieft. Heute ist es für uns nicht mehr nur eine klassische Lieferantenbeziehung, sondern eine Zusammenarbeit rund um Innovation. Aktuell geht es etwa darum, wie wir Agentforce in unser kommerzielles KI-Ökosystem einbinden. Gleichzeitig geben wir Salesforce Rückmeldungen aus unserer Praxis, damit sie auch ihre Produkte weiterentwickeln können. Für Syngenta ist Salesforce ein strategischer Technologiepartner.

Wie gut funktioniert Agentforce bereits?

Für uns funktioniert Agentforce gut, wobei man sagen muss: Es ist eine neue Technologie, und wie alle KI-Lösungen entwickelt sie sich derzeit sehr schnell weiter. Der wichtigste Einsatzbereich von Agentforce liegt für Syngenta aktuell im Vertrieb. Wir nutzen es, um unseren Sales-Teams Informationen aus unseren verschiedenen Systemen einfacher zugänglich zu machen. Vertriebsmitarbeitende haben im Alltag nicht immer die Zeit, tief in solche Systeme einzusteigen und sich die relevanten Erkenntnisse selbst zusammenzusuchen. Es geht darum, vorhandene Daten so aufzubereiten, dass sie im Arbeitsalltag wirklich nutzbar werden. Agentforce hilft uns etwa dabei, Informationen zu Kundenbeziehungen, Aktivitäten oder Marktbedingungen schneller sichtbar zu machen. Gleichzeitig wollen wir den operativen Aufwand reduzieren, beispielsweise mit Spracheingabe: Wenn Vertriebsmitarbeitende Informationen einfacher erfassen können, fliessen diese auch eher wieder zurück in unser Salesforce-Ökosystem. Dieser Kreislauf ist wichtig. Je besser unsere Daten werden, desto besser werden auch die Erkenntnisse, die wir daraus gewinnen können.

Sie haben von grossen Datenmengen gesprochen. Wie hilft Ihnen KI, diese Daten nutzbar zu machen?

Die grosse Herausforderung besteht darin, dass viele Daten zwar vorhanden sind, aber in einzelnen Systemen verstreut liegen oder in sehr unterschiedlichen Formaten daherkommen. Selbst wenn Mitarbeitende Zugriff darauf haben, ist es oft schwierig, daraus schnell eine brauchbare Erkenntnis zu gewinnen. KI hilft uns, diese Daten zusammenzuführen und sie in einen Kontext zu setzen. Das kann eine Einsicht über die Beziehung zu einem Landwirt sein, aber auch Wissen über konkrete agronomische Bedingungen in einer bestimmten Region.

Wie digital ist eigentlich Landwirtschaft heute?

Das Spektrum ist sehr breit. In Märkten wie den USA oder Brasilien gibt es grosse landwirtschaftliche Betriebe mit Zugang zu sehr moderner Technologie, etwa Präzisionsanwendungen. In Ländern wie Pakistan oder Indien erreichen wir Landwirte dagegen vor allem über Mobiltelefone. Dort müssen digitale Angebote einfacher sein, aber sie können trotzdem sehr wirkungsvoll sein. Über Cropwise stellen wir Beratung bereit und ermöglichen zunehmend auch den Austausch über KI-gestützte Chatbots. Unser Ziel ist, Landwirte unabhängig von ihrem Zugang zu Technologie zu unterstützen.

Was ist Cropwise genau?

Cropwise ist eine agronomische Beratungslösung, die Syngenta über mehrere Jahre entwickelt hat. Sie bündelt verschiedene Datenquellen und nutzt sie, um Empfehlungen für Landwirte zu erzeugen. Dabei kombinieren wir etwa Wetterdaten, Informationen zum Schädlingsdruck, Bodenbedingungen und weitere agronomische Daten. Über Schnittstellen zu Salesforce können solche Erkenntnisse auch den Sales-Teams zur Verfügung stehen. Dadurch sollen Mitarbeitende, die Landwirte beraten, schneller verstehen, welche Bedingungen vor Ort relevant sind und welche Massnahmen sinnvoll sein könnten.

Was bedeutet das konkret für die Landwirtschaft?

Wir nutzen Daten aus Forschung und Entwicklung ebenso wie reale Felddaten aus unserer Cropwise-Plattform. Daraus können wir sehr spezifische Empfehlungen ableiten, etwa zu den Bedingungen in einem einzelnen Betrieb. Wenn wir verschiedene Datenquellen zusammenbringen, können wir Landwirten und unseren Vertriebsteams Hinweise geben, welche Produkte unter bestimmten agronomischen Bedingungen geeignet sind. Ziel ist eine stärker personalisierte Beratung, die auf der jeweiligen Situation eines Betriebs basiert.

Welche Rolle spielt digitale Beratung beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln?

Sie ist sehr wichtig, weil Landwirte genau wissen müssen, wann und wie oft sie bestimmte Produkte einsetzen sollen. Solche Informationen lassen sich über mobile Lösungen vergleichsweise einfach vermitteln. Das hilft auch, Überanwendung zu vermeiden. Wenn Produkte zu häufig oder falsch eingesetzt werden, können Resistenzen bei Schädlingen oder Krankheiten entstehen. Digitale Beratung kann also dazu beitragen, Produkte gezielter einzusetzen und ihren Nutzen länger zu erhalten.

Kann man Syngenta damit auch Digitalisierungspartner der Landwirte bezeichnen?

Ja, wobei wir nicht immer direkt mit den Landwirten arbeiten. Häufig kooperieren wir mit Vertriebspartnern, Distributoren und Händlern. Wir stellen ihnen Technologie zur Verfügung, mit der sie Landwirte beraten und bedienen können. In manchen Märkten gehören dazu auch E-Commerce-Lösungen, über die Landwirte digital einkaufen können. Die dabei entstehenden Daten können wiederum helfen, Angebote und Beratung besser auf die Bedürfnisse der Betriebe abzustimmen.

Wie viel Software entwickelt Syngenta selbst?

Wir entwickeln viel selbst. Cropwise ist ein Beispiel dafür. Häufig kombinieren wir verschiedene Technologien und bauen darauf eigene Lösungen. Wir entwickeln auch interne KI-Anwendungen. Agentforce ist Teil unseres KI-Ökosystems, aber nicht der einzige Baustein. In den zehn Jahren, in denen ich bei Syngenta bin, haben wir intern und mit strategischen Partnern deutlich mehr technologische Fähigkeiten aufgebaut. Technologie ist für uns ein strategischer Vorteil und für die Zukunft der Branche zentral.

Wie nutzen Sie KI in der Softwareentwicklung?

Wir nutzen Vibe Coding, Claude Code und andere KI-Lösungen, um Entwicklung zu beschleunigen und anders zu organisieren. Wir wollen in der eigenen Organisation mit gutem Beispiel vorangehen. Erste Erfahrungen zeigen Verbesserungen von bis zu 30 bis 40 Prozent bei Entwicklungszyklen und Codequalität. Gleichzeitig bleibt das ein Feld, das sich sehr schnell bewegt. Auch wir befinden uns hier auf einer Transformationsreise.

In welchen Bereichen stehen bei Syngenta weitere Digitalprojekte an?

Ein wichtiger Bereich ist Forschung und Entwicklung. Wir investieren stark darin, digitale Technologien zu nutzen, um Innovationen zu beschleunigen. Bei Syngenta gibt es dabei gewissermassen zwei Arten von AI: Artificial Intelligence und Active Ingredients, also Wirkstoffe bzw. Moleküle. KI soll uns helfen, neue solcher Moleküle zu identifizieren, Produkte schneller zur Marktreife zu bringen und Probleme wie Resistenzen besser zu adressieren. Ein weiterer wichtiger Bereich ist Produktion und Lieferkette. Syngenta liefert Produkte in über 90 Länder. Die Planung, welche Produkte wann und wo benötigt werden, ist entsprechend komplex. KI kann uns hier bei Prognosen und Entscheidungen unterstützen.

Wie wird sich die IT von Syngenta in den nächsten Jahren verändern?

Prognosen sind schwierig, weil sich Technologie derzeit sehr schnell entwickelt. Aber unsere Richtung ist klar: Wir wollen die Organisation mit KI transformieren. Das bedeutet, Intelligenz näher an die Menschen zu bringen, die täglich Entscheidungen treffen - intern bei Syngenta, aber auch draussen bei den Landwirten. KI-Agenten sollen Aufgaben übernehmen, die heute viel Zeit binden und wenig Mehrwert schaffen. So gewinnen Mitarbeitende mehr Raum für strategische Arbeit, etwa in der Beratung von Landwirten oder in der Zusammenarbeit mit Partnern in Produktion und Lieferkette. Wenn Daten vernetzt und zugänglich sind, wird KI die Landwirtschaft zu einer der digital fortschrittlichsten Branchen der Welt machen.

 

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Über Cropwise

Cropwise ist die digitale Landwirtschaftsplattform des Agrar- und Technologiekonzerns Syngenta. Die Lösung bündelt Daten aus verschiedenen Quellen wie Satellitenbildern, Wetterdiensten, Sensoren, Landmaschinen und agronomischen Modellen in einer zentralen Plattform. Landwirte erhalten damit Unterstützung bei der Planung, Überwachung und Optimierung ihrer Anbauflächen.

Zu den Funktionen gehören unter anderem die Analyse der Pflanzengesundheit, die Überwachung von Feldern, Empfehlungen für Saatgut und Pflanzenschutz sowie die Planung von Arbeitsschritten während der Vegetationsperiode. Künstliche Intelligenz und Datenanalysen sollen dabei helfen, Erträge zu steigern und Ressourcen effizienter einzusetzen.

Cropwise wird weltweit auf mehr als 70 Millionen Hektar Anbaufläche eingesetzt. Seit 2025 öffnet das Unternehmen die Plattform zudem für externe Entwickler, die eigene Anwendungen und Dienste auf Basis von Cropwise entwickeln können. Syngenta positioniert die Lösung damit als offene Daten- und KI-Plattform für die Landwirtschaft. (Quelle: Syngenta)

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