Salesforce-Benioff interviewt Nvidia-CEO Jensen Huang
Nvidia-CEO Jensen Huang erwartet, dass jedes Unternehmen zu einem "Agentic Enterprise" wird. Im Gespräch mit Salesforce-Gründer und -CEO Marc Benioff erläutert der Nvidia-CEO die Rolle offener Modelle, spricht über Sicherheit und warnt davor, bei KI zurückzubleiben.
Marc Benioff: Jensen, Nvidia GPUs haben die gesamte Industrie verändert. Gleichzeitig entstehen offene KI-Plattformen, die Unternehmen wie Salesforce für ihre eigenen Anwendungen anpassen können. Wie sieht deine Vision für die weitere Entwicklung aus?
Jensen Huang: Wir befinden uns mitten in einer neuen industriellen Revolution. Vor rund hundert Jahren hat Elektrizität es ermöglicht, praktisch alles mit Energie zu versorgen. Mit dem Internet konnten wir alles finden. Und jetzt entsteht mit künstlicher Intelligenz eine neue Infrastrukturschicht für den gesamten Planeten, mit der wir alles wissen und alles tun können. Wir sehen deshalb eine Zukunft, in der jedes Unternehmen und jedes Land zu einem KI-Unternehmen wird. Jedes Unternehmen wird zu einem "Agentic Enterprise". Wir haben die GPUs deshalb zu riesigen Systemen weiterentwickelt, die im Grunde vollständige KI-Fabriken darstellen. Diese Fabriken verwandeln Elektrizität und die in Unternehmen gespeicherten Daten in Intelligenz.
Benioff: Wie wird aus einem klassischen Unternehmen konkret ein solches "Agentic Enterprise"?
Huang: Dafür haben wir mehrere Dinge entwickelt. Das Erste sind Frontier-AI-Modelle. Nemotron ist unser Sprachmodell. Cosmos ist ein World Foundation Model. Alpamayo ist für Navigationssysteme und beispielsweise autonome Fahrzeuge gedacht. Mit BioNeMo haben wir Modelle für Proteine, und Isaac Groot umfasst unsere Modelle für Humanoide und Robotik. Diese Modelle sind offen. Das Zweite ist ein ebenfalls offenes Agentic-Harness-System. Unternehmen können dort ihre Modelle einsetzen und die entsprechenden Laufzeitumgebungen darum herum aufbauen. Und das Dritte ist OpenShell, eine sichere Sandbox und Runtime, mit der sich Agenten sicher und in grossem Massstab in Unternehmen einsetzen lassen.
Benioff: Welche Rolle spielen dabei offene und proprietäre Modelle?
Huang: Wir glauben an eine Zukunft, in der die Welt geschlossene Modelle nutzt, gleichzeitig aber jedes Unternehmen seine eigenen privaten und individuell angepassten Modelle entwickeln kann. Genau daran arbeiten wir beispielsweise gemeinsam mit Salesforce. Unternehmen werden dadurch zu neuen Unternehmen.
Benioff: In den vergangenen Tagen wurde intensiv über das Entwicklungstempo von KI und über Sicherheit diskutiert. Wie beurteilst du diese Debatte?
Huang: Sicherheit ist von höchster Bedeutung. In vielerlei Hinsicht ist sie die wichtigste Aufgabe. Aber Sicherheit ist ein Engineering-Problem. Wir entwickeln letztlich Software und Computersysteme. Es sind komplizierte Computersysteme, aber es bleiben Computersysteme. Deshalb müssen wir zunächst Testumgebungen schaffen, in denen sich diese komplexen Systeme überprüfen lassen. Diese Testumgebungen müssen gut und sicher gebaut sein. Anschliessend müssen wir die Produkte testen. Wenn ein Unternehmen nicht von der Funktionalität, den Fähigkeiten oder der Sicherheit eines Produkts überzeugt ist, sollte es dieses nicht veröffentlichen.
Benioff: Bedeutet mehr Sicherheit zwangsläufig ein geringeres Innovationstempo?
Huang: Nein. Man sollte das Tempo so lange anpassen, bis man überzeugt ist, ein Produkt veröffentlichen zu können, das der Markt akzeptiert. Die Marktkräfte dafür existieren bereits. Wir brauchen keine neuen Gesetze und keine neuen Regulierungen. Schnelle Innovation und sichere Produkte sind kein Widerspruch. Beides ist gleichzeitig möglich. Unternehmen sollten deshalb so schnell vorangehen, wie sie können. Wenn sie aber irgendwann das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren oder ihre Produkte könnten nicht sicher sein, sollten sie pausieren und dafür sorgen, dass sie es richtig machen.
Benioff: Was möchtest du im kommenden Jahr sehen? Was sollten die Unternehmen jetzt konkret tun?
Huang: Wir wollen KI tatsächlich einsetzen. Niemand sollte bei dieser technologischen Revolution zurückbleiben. Die Möglichkeiten sind zu bedeutend und aussergewöhnlich. Beschäftigt euch mit der Technologie und lernt sie kennen. Wenn sie beim ersten Versuch nicht funktioniert, gebt sie nicht auf. Hinter dieser Technologie steht eine riesige Industrie, die sie ständig verbessert. Wenn ein System heute nur 80 Prozent dessen leistet, was ihr erwartet, dann testet es einige Wochen später erneut. Es wird sehr viel besser sein. Das Wichtigste ist: Bleibt nicht zurück.
Benioff: Was hat sich bei KI zuletzt grundsätzlich verändert?
Huang: In den vergangenen sechs Monaten ist KI aus den Labors herausgekommen und zu etwas geworden, das ich als extrem nützlich bezeichnen würde. Ich habe früh gesagt, dass die Vorstellung vom Ende der Software Unsinn ist. KI wird eine zusätzliche Schicht über der Software bilden. Diese neue Schicht wird agentisch sein und uns ermöglichen, Software wesentlich besser zu nutzen.
Benioff: Gleichzeitig gibt es die Befürchtung, dass KI Arbeitsplätze vernichten wird.
Huang: Auch die Aussage, KI werde Jobs zerstören, halte ich für Unsinn. Was wir derzeit sehen, ist, dass KI produktiv und nützlich wird. Dadurch steigt die Zahl der generierten Tokens enorm. Geschlossene Modelle entwickeln sich sehr stark. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Tokens nach meiner Einschätzung um den Faktor 25 gestiegen, ein grosser Teil davon allein in den vergangenen sechs Monaten. Gleichzeitig haben offene Modelle stark zugelegt: Ihr Anteil stieg in diesem Zeitraum von etwa 30 auf rund 70 Prozent.
Benioff: Was sagt diese Entwicklung über die Zukunft der Unternehmen aus?
Huang: Sie zeigt, dass die Menschen geschlossene Modelle mit exponentiellem Tempo übernehmen und gleichzeitig ihre eigenen, individuellen KI-Systeme entwickeln. Denn jedes Softwareunternehmen wird zu einem KI-Unternehmen und jedes Unternehmen zu einem "Agentic Enterprise". Diese Veränderungen sind enorm wichtig für die Industrie. Unternehmen werden dadurch ambitionierter als je zuvor. Mit den Produktivitätssteigerungen durch KI sind unseren Möglichkeiten kaum Grenzen gesetzt - für einzelne Unternehmen, für ganze Branchen und für Länder. Deshalb lautet meine Botschaft: Beschäftigt euch mit KI. Bleibt nicht zurück!
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