Warum wir Sinnhorizonte besser verstehen sollten
Das CNO Panel 2026 stand im Zeichen sinnstiftender Digitalisierung. Die Gäste auf der Bühne plädierten für einen pädagogischen Kompass, für das Erforschen digitaler Kommunikationskultur, aber auch für das Festhalten an analogen Büchern.
Digitalisierung sollte kein Selbstzweck sein. Doch was braucht es, damit Digitalisierung einen Sinn stiftet? Diese Frage - oder vielmehr das Motto "From Digital to Impact" - stand im Zentrum des diesjährigen CNO Panel, welches am 26. Oktober 2026 im Casino Bern stattfand. Organisiert wurde der Anlass von Sieber & Partners mit Unterstützung diverser Sponsoren. "Das CNO Panel verbindet Menschen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung, Verwaltung und Politik, damit sie aus den Informations- und Kommunikationstechnologien den bestmöglichen Wert schöpfen können", erklärte Gastgeber Pascal Sieber zu Beginn des Abendprogramms die Idee der Veranstaltung, die dieses Jahr zum 26. Mal über die Bühne ging.

Pascal Sieber war Gastgeber des Abends. (Source: zVg)
Grippesaison in der Branche
Traditionellerweise gehört der erste Input des CNO Panels jeweils dem Branchenverband Swico. Dessen CEO Jon Fanzun wies auf die Unsicherheit hin, mit der hiesige ICT-Unternehmen konfrontiert sind, von der Konjunktur über geopolitische Veränderungen bis zur KI-Welle. "Man muss unter Unsicherheit investieren", sagte Fanzun und verwies auf den Swiss Software Industry Survey (SSIS), laut dem Schweizer Softwareunternehmen ihre Investitionen in künstliche Intelligenz weiter erhöhen wollen. KI bringe auch eine Beschleunigung mit sich und verändere die Nachfrage: "Die Kunden erwarten zu niedrigeren Preisen beste Resultate. Das kann man in den Preisen zum Teil nicht abbilden", brachte der Swico-CEO die Herausforderung auf den Punkt. Immer wichtiger werde auch die Frage nach Abhängigkeiten, also nach digitaler Souveränität. Fanzun wünschte sich dazu "weder Abschottung noch Naivität, sondern mehr Kontrolle der Abhängigkeit und Resilienz".

Jon Fanzun, CEO von Swico, sprach über die Unsicherheit in der ICT-Branche. (Source: zVg)
Die Schweizer ICT-Branche sei ein wichtiger Wirtschaftsmotor, rief der Swico-Chef in Erinnerung. Aber: "Wir sind ein bisschen in der Grippesaison", befand Fanzun und rief auf: "Man muss schauen, dass wir die Grippe nicht bekommen und eine ausgewachsene Krankheit daraus wird."
VR nicht nur zum Spass
Wie Schweizer Schulen mit dem Thema Digitalisierung umgehen, erläuterte Dagmar Rösler, Zentralpräsidentin des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Sie hob hervor, die Digitalisierung der Schule müsse sich am pädagogischen Nutzen messen lassen.

Dagmar Rösler erläuterte, wie Schweizer Schulen mit dem Thema Digitalisierung umgehen. (Source: zVg)
"Es ist nicht wichtig, dass überall iPads oder Laptops stehen. Es ist entscheidend, was sie damit tun." Eine VR-Reise durchs Sonnensystem möge Schülerinnen und Schüler begeistern. Ein Lerneffekt entstehe aber dann, wenn sie dabei etwa Distanzen zwischen Planeten berechnen und mit zuvor aufgestellten Hypothesen vergleichen. Lehrpersonen müssten deshalb entscheiden können, wann ein digitales Werkzeug sinnvoll sei und wann eine analoge Arbeitsweise. "Nicht das Tool diktiert den Unterricht, sondern die pädagogische Verantwortung entscheidet über das Tool", sagte Rösler.
Auch KI soll den Unterricht unterstützen, etwa bei der Vorbereitung, beim Erstellen von Lernmaterialien oder beim Aufzeigen unterschiedlicher Lösungswege. "Die Verantwortung für die fachliche und pädagogische Beurteilung bleibt aber in unseren Augen beim Menschen", betonte die Referentin – und dies werde auch in zehn Jahren noch so sein.
Rösler warnte davor, dass KI Fehler und Vorurteile reproduzieren, den Datenschutz gefährden und dazu verleiten könne, das eigene Denken auszulagern. Umso wichtiger sei es, kritisches Denken und die Urteilsfähigkeit der Schülerinnen und Schüler zu fördern. Medienkompetenz entstehe durch bewusste Entscheidungen über den Einsatz digitaler Geräte: "Was brauche ich wann? Warum und wofür?"
Damit die Schule diese Aufgaben erfüllen könne, brauchten Lehrpersonen Zeit, eine gute Aus- und Weiterbildung sowie verlässliche Rahmenbedingungen. Dazu gehörten transparente KI-Systeme, geeignete Lehrmittel und klare Vorgaben zu Datenschutz und Datensicherheit. Zudem brauche es eine verbindliche Medienbildung, eine angepasste Lern- und Prüfungskultur sowie eine nationale strategische Orientierung. Zentral sei auch das Vertrauen in die pädagogische Professionalität der Lehrpersonen. "Die Schule von heute braucht einen pädagogischen Kompass", sagte Rösler.
KI als Teil der Gesellschaft
Wie verändern digitale Kommunikation und KI unsere Gesellschaft? Diese Frage treibt Marc Leuzinger um, Mitgründer des Beratungsunternehmens Trib3s (das sich wie das englische Wort Tribes ausspricht). Mit seinem Team entwickelte Leuzinger eine Theorie der Digitalen Gesellschaft. "Sie verbindet Niklas Luhmanns Systemtheorie mit Stephen Wolframs generativen Systemen und versteht Gesellschaft als Netzwerk kommunikativer Ereignisse, in dem komplexe Ordnung aus einfachen Regeln emergiert", wie auf der Website zu lesen ist.

Marc Leuzinger behandelte die Frage "Wie verändern digitale Kommunikation und KI unsere Gesellschaft?" (Source: zVg)
In seinem Vortrag stellte Leuzinger das Modell vor. Die Vorstellung, dass Gesellschaft durch Kommunikation entsteht, verband er mit einem Modell grundlegender Werte des Sozialpsychologen Shalom Schwartz. Ob Menschen beispielsweise Selbstbestimmung oder Tradition besonders wichtig finden, beeinflusst demnach, wie sie kommunizieren und auf Botschaften reagieren. Damit lasse sich erklären, wie aus einzelnen Kommunikationsereignissen grössere gesellschaftliche Muster entstehen. Während einerseits individuelle Werte aktiviert würden – in der Schweiz etwa in Form der Meinungsfreiheit -, hätten sich auch Gesellschaftssysteme wie Medien, Wirtschaft oder Wissenschaft entwickelt, die ständig versuchten, die Werte in einen Konsens zu bringen.
Im digitalen Raum jedoch "verhält sich das leider völlig anders", sagte der Referent. Denn dort könnten sich Menschen unabhängig von ihrem Aufenthaltsort mit Gleichgesinnten verbinden. Die daraus entstehenden Gemeinschaften bieten Identifikation und Orientierung. Um sich zu stabilisieren, entwickeln sie laut Leuzinger eine eigene "Mikromoral": Sie signalisieren, welche Ansichten akzeptabel sind und welche nicht. "Ich mache Schranken auf, ich kreiere Grenzen", beschrieb er diese Form der Kommunikation. Die Abgrenzung kann wiederum Gegenbewegungen stärken. Polarisierung sei damit nicht eine einzige, dauerhafte Spaltung der Gesellschaft, "sondern es ist eine quasi immer wieder neu situative, aufspringende, Resonanz findende Polarisierung in verschiedenen Werten zu verschiedenen Themen".
Für Unternehmen kann die Annäherung an solche Gemeinschaften zum Problem werden. Als Beispiel nannte Leuzinger das US-amerikanische Unternehmen Target, welches mit Regenbogenprodukten die Pride-Bewegung unterstützte und dadurch Boykottaufrufe anderer Kundengruppen auslöste. Nachdem Target als Reaktion auf den Shitstorm die Produkte aus dem Sortiment entfernte, geriet das Unternehmen ins Kreuzfeuer vonseiten der Pride-Bewegung. "Organisationen versuchen quasi reinzugehen und erschrecken, was drin alles passiert", kommentierte Leuzinger.
KI dürfte diese Dynamiken künftig mitprägen, wie der Referent ausführte. "KI ist Kommunikation", betonte Leuzinger. Sie lerne aus bestehenden Kommunikationsmustern und knüpfe daran an – und werde damit selbst Teil der Gesellschaft. Für die Zukunft skizzierte er persönliche digitale Stellvertreter, die Werte und Vorlieben eines menschlichen Nutzers berücksichtigen und für ihn handeln, entscheiden und mit anderen Agenten verhandeln. Für Unternehmen, Medien und Parteien könnte sich damit die Ansprache ihrer Zielgruppen grundlegend verändern. "Wir können vermuten, dass wir von der Attention Economy in die Intention Economy kommen", sagte Leuzinger. Statt Aufmerksamkeit würden die Absichten der Nutzenden ins Zentrum rücken.
Ob KI bestehende Polarisierung verstärkt, die gruppenspezifische Moral übernimmt oder ganz neue Entwicklungen auslöst, liess Leuzinger offen. Sein Appell lautete, die zugrunde liegenden Prozesse weiter zu untersuchen. "Wir müssen Sinnhorizonte verstehen, wie sie entstehen, wie die Menschen sich damit identifizieren." Dieses Verständnis könne Organisationen helfen, die die Auswirkung ihrer Kommunikation und den Austausch zwischen KI-Agenten nachzuvollziehen. Zudem werde es der Gesellschaft helfen, Richtlinien für einen verantwortungsvollen Umgang mit KI zu entwickeln.
Ode ans analoge Lesen
Dass es sich lohnt, gewisse Dinge ganz undigital anzugehen, davon ist Daniel Puntas Bernet überzeugt. Der Gründer des Magazins "Reportagen" lieferte in seinem Vortrag eine ganze Reihe an Gründen, Bücher zu lesen – ganz klassisch auf Papier. Anhand seiner eigenen Biografie zeigte er, wie Bücher neue Perspektiven eröffnen und Lebensentscheidungen beeinflussen können. Während Aldous Huxleys "Schöne neue Welt" ihn seine gesellschaftliche Umgebung hinterfragen liess, half ihm Erich Fromm, seine Unzufriedenheit im Berufsleben zu verstehen. Truman Capotes "In Cold Blood" weckte schliesslich seinen Wunsch, Reporter zu werden: "Man kann die Wirklichkeit recherchieren wie ein Journalist und erzählen wie ein Schriftsteller", sagte er dazu.
Wer Bücher lese, werde herausgefordert, die eigene Wahrnehmung zu überprüfen und andere Perspektiven einzunehmen. "Geschichten werden so zu einem Trainingsfeld für Gerechtigkeit", sagte er. Literatur konfrontiere das Publikum mit widersprüchlichen Figuren, deren Handlungen sich einfachen Gut-Böse-Schemata entzögen. "Lesen trainiert den Umgang mit Ambivalenz", brachte er es auf den Punkt. Auf diese Weise entwickle man einen Schutz vor Propaganda. Zugleich ermögliche das Lesen, fremde Lebenswelten und Konflikte gedanklich zu durchleben. Es trainiere damit eine grundlegende Fähigkeit der Empathie: "für einen Moment mit den Augen von jemand anderem zu sehen".
Dass es sich lohne, Bücher auf Papier zu lesen, belegte der Referent mit Studien: "Die digitalen Leser können Zahlen, Fakten und Namen hervorragend wiedergeben. Aber die Geschichte bringen sie nicht mehr so richtig zusammen", erklärte Puntas Bernet etwa. Umgekehrt verhalte es sich mit Analog-Lesenden. Sie "können eine Geschichte nicht nur eins-zu-eins weitererzählen, sondern reichern sie noch zusätzlich an".
Wer täglich eine halbe Stunde lang lese, lebe laut einer weiteren Studie länger, ergänzte der Referent. Dem Publikum riet er, sich zu überwinden und sich diese Zeit zu nehmen: Er versprach: "Beim Lesen reichen drei gute erste Sätze. Schon ist man in einer anderen Welt und bereut es nicht, das Buch aufgeschlagen zu haben."
Das nächste CNO Panel findet am 25. Oktober 2027 statt.
Vergangenes Jahr drehte sich am CNO Panel vieles um KI und Resilienz. Die Keynote-Speaker ermutigten das Publikum, etwas zu wagen und das Potenzial der neuen Technologie auszuschöpfen. Sie erinnerten aber auch daran, dass mit neuen Technologien immer auch neue Risiken entstehen.
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