Frauen in der Schweizer IT-Branche

Warum die Schweiz mehr Informatikerinnen braucht

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Ob auf der Chefetage oder im Entwicklungslabor – Frauen sind in der Schweizer IT-Branche selten anzutreffen. Dabei sprechen gute Gründe dafür, sie für die digitale Arbeitswelt zu gewinnen. Vorschläge dazu gibt es viele, doch in der Statistik tut sich bislang kaum etwas.

(Source: DrAfter123 / iStock)
(Source: DrAfter123 / iStock)

Die Zahl der Beschäftigten in der Schweizer IT-Branche hat kräftig zugenommen. Im Beschäftigungsbarometer für das erste Quartal 2018 meldete das Bundesamt für Statistik (BfS) 77 853 Vollzeitbeschäftigte bei "Informationstechnologie und Informationsdienstleistungen". Das sind rund 4000 Stellen mehr als im Vorjahresquartal. Seit 2008 ist die Zahl der Beschäftigten sogar um rund 30 Prozent gewachsen. Auch bei den Teilzeitstellen zeigt die Statistik nach oben. Der Bund verzeichnete hier Anfang 2018 25 692 Personen – fast 1500 mehr als 12 Monate zuvor. Die IT-Arbeitswelt wächst. Betrachtet man die Zahlen aber genauer, zeigt sich, dass in einem Bereich seit Jahren ein Ungleichgewicht herrscht. Unter den gut 78 000 Vollzeitbeschäftigten in der IT befinden sich aktuell 11 317 Frauen. Ihr Anteil an allen Jobs beträgt damit nur 14,5 Prozent.

Der Zuwachs um 4000 Stellen im Jahresvergleich geht ausserdem fast vollständig auf das Konto der Männer. Die Zahl der Frauen in der Schweizer IT stieg seit dem ersten Quartal 2017 gerade mal um 60 Vollzeitstellen. Über die Zeit betrachtet ging die Zahl der Frauen in der IT sogar zurück. Ein ausgewogeneres Verhältnis zeigt sich indes bei den Teilzeit-Jobs. Laut BfS arbeiten aktuell in der IT 12 100 Frauen Teilzeit. Mit 47 Prozent sind dies fast die Hälfte aller Beschäftigten. Hier zeigt sich eine Tendenz, die in der Schweizer Arbeitswelt allgemein besteht. Unter den Vollzeit-Beschäftigten sind die Männer deutlich in der Mehrzahl. Bei der Teilzeitarbeit sind dagegen die Frauen häufiger anzutreffen.

Schweiz international im unteren Mittelfeld

Die Zahlen des Bundes reflektieren nicht die gesamte IT-Welt. Informatiker in Unternehmen anderer Branchen wie CIOs, Administratoren oder Entwickler sind dort beispielsweise nicht erfasst. Auf Grundlage von Erhebungen des Statistischen Amts der Europäischen Union und der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung errechnete die niederländische Jobplattform "Honeypot.io" für alle IT-Arbeitplätze hierzulande einen Frauenanteil von 14,6 Prozent. Damit liegt die Schweiz auf Platz 27 von 41 verglichenen Ländern. Der Anteil ist ziemlich genau halb so hoch wie bei den Spitzenreitern der Statistik Bulgarien und Australien. Rund 30 Prozent der in der IT-Branche Beschäftigten sind dort Frauen. Am unteren Ende der Tabelle rangieren Israel, die Türkei und die Slowakische Republik mit Anteilen von gut 10 Prozent.

Die Jobwahl hängt eng mit der Ausbildung zusammen, und Entwicklungen im Bildungswesen schlagen sich erst mit zeitlichem Abstand im Arbeitsmarkt nieder. Entsprechend reflektiert sich der Frauenanteil in IT-Berufen in den Studierendenzahlen. Gemäss der "ICT-Lehrabgänger­Innen-Befragung" von ICT-Berufsbildung Schweiz lag der Anteil der Absolventinnen 2017 bei rund 10 Prozent. Den höchsten Frauenanteil hatten die Bereiche Mediamatik (32 Prozent) und Informatikpraktik (9 Prozent). Mit 7 respektive 4 Prozent liegt der Anteil bei der Applikationsentwicklung und der Systemtechnik am tiefsten. Am Departement Informatik der ETH Zürich studierten ebenfalls 2017 nach Angabe der Hochschule 1674 Personen. Der Frauenanteil lag hier bei rund 13 Prozent. Je länger die Studierenden an der ETH bleiben, umso stärker sind Frauen unter ihnen vertreten. Während für den Bachelor der Frauenanteil bei rund 11 Prozent liegt, sind es bei den Master-Studierenden fast 16 Prozent und bei den Doktorierenden 15 Prozent. Über alle Abteilungen der ETH betrachtet lag der Frauenanteil unter den Studierenden laut dem "Gender Monitoring 2016/17" der Hochschule bei 30,6 Prozent. Bei insgesamt steigenden Studierendenzahlen haben sich diese Werte im vergangenen Jahrzehnt – wie bei den effektiv berufstätigen Informatikerinnen – kaum verändert.

Zahl der Männer und Frauen in der Schweizer IT. (Source: Bundesamt für Statistik)

Tiefer Frauenanteil ist Risiko und Chance zugleich

Die Anteil der Informatikerinnen ist tief und er verändert sich kaum. Dabei wird die Situation seit Jahren als problematisch wahrgenommen. Verschiedene Gründe sprechen nämlich dafür, mehr Frauen in die IT zu bringen – unabhängig vom Ziel der Gleichstellung. Der Branchen-Dachverband ICT-Switzerland gibt in einem Positionspapier etwa zu bedenken, dass durch die technische Entwicklung gerade diejenigen Jobs verschwinden könnten, in denen Frauen heute übervertreten seien. Es bestehe die Gefahr, dass Frauen durch die Digitalisierung abgehängt werden, sagt Alain Gut, Präsident der Kommission Bildung von ICT-Switzerland. Die IT könnte ihnen neue Arbeitsplätze bieten. Gleichzeitig herrscht in der Branche ein ungedeckter Bedarf nach Fachkräften, den Frauen mit IT-Skills decken könnten, wie Serge Frech, Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz anmerkt.

Und schliesslich weisen mehrere Verbände darauf hin, dass es für Tech-Firmen ein Problem ist, wenn ihre von der ganzen Gesellschaft verwendeten Produkte mehrheitlich von Männern entwickelt werden. "Gerade bei einem Mega­trend wie der Digitalisierung der Gesellschaft, der die Arbeits- und Lebenswelten prägen und verändern wird, stellt eine einseitige Branchen-Perspektive ein gesellschaftliches Risiko dar", schreibt ICT-Switzerland. Auch Priska Altorfer vom Vorstand des Informatikerinnen-Verbands Donna Informatica hebt diesen Aspekt hervor: "Die Digitalisierung schreitet mit grossem Tempo voran. Hier müssen Frauen einen aktiveren Teil dazu beitragen."

Umgekehrt könnten IT-Firmen und Informatikabteilungen von mehr Vielfalt in ihren Teams profitieren, sind von der Redaktion kontaktierte Beobachter überzeugt. "Eine weibliche Sicht bezüglich Funktionalitäten und User Experience bringt Verbesserungen und eine höhere Akzeptanz der Apps und Programme", betont etwa Marloes Caduff, Gründerin der Programmier-Initiative "Codillion". "Diversität in Teams bringt nachweislich mehr Effizienz und Erfolg, was sowohl für das einzelne Unternehmen wie auch die gesamte Wirtschaft gut ist." Dazu komme, dass sich mehr Diversität auch positiv auf die Mitarbeiterbindung auswirke, fügt Priska Burkard vom Frauennetzwerk "Girls in Tech" an.

Rezepte zwischen Frauenquote und Kulturwandel

Was ist also zu tun, um mehr Frauen in die Schweizer IT zu bringen? Die befragten Organisationen sind sich einig, dass das Problem quasi an der Wurzel gepackt werden muss: Die Schülerinnen von heute sind die Informatikerinnen von morgen. Deshalb müsse Informatik schon früh im Lehrplan auftauchen, fordert Christian Hunziker, Geschäftsführer von Swiss-ICT. Schulen müssten das Interesse für Technologie in einer Weise wecken, die das Klischee des männlichen Tech-Nerds durchbreche und für Mädchen attraktiver sei. Mit Fokus auf konkrete Anwendungen, Teamwork und kreative Problemlösung könnte man zum Beispiel das Programmieren Kindern beiderlei Geschlechts näherbringen, schlägt Caduff vor.

Handlungsbedarf wird auch auf politischer und gesellschaftlicher Ebene gesehen. Generell müsse es für Frauen einfacher sein, in einem IT-Job zu arbeiten. Dies könne etwa mittels Anreizen für mehr Lehrstellen oder besserer Infrastruktur für die Kinderbetreuung realisiert werden, sagt Hunziker. Auch Lohngleichheit, familienfreundliche Anstellungsbedingungen und flexible Arbeitsmodelle seien nötig. Swiss-ICT will solche Anliegen mit der Gründung einer "Smart Generations"-Fachgruppe im kommenden September unterstützen. ICT-Switzerland verweist auf eine zusammen mit der Fachhochschule Nordwestschweiz verfasste Studie, die Empfehlungen zur Steigerung der "Attraktivität von ICT-Berufen" macht.

Inwieweit staatliche Vorschriften notwendig sind, darüber gehen die Ansichten auseinander. Auch wenn "Girls in Tech" eine solche Massnahme grundsätzlich ablehne, seien etwa Quoten unumgänglich, um den Frauenanteil zu erhöhen, sagt Burkard. "Wir brauchen eine positive Diskriminierung, bis wir die für die IT-Branche und Gesellschaft optimale Diversität erreicht haben." Anderer Ansicht ist Serge Frech von ICT-Berufsbildung Schweiz. Es gehe darum, Unternehmenskulturen, berufliche Rollenbilder und die öffentliche Wahrnehmung der IT-Welt zu verändern. Durch Quoten lasse sich dies nicht erreichen. Auch Alain Gut steht Quoten kritisch gegenüber. Wenn schon, dann müsse man an den Ausbildungsstätten dafür sorgen, dass eine Mindestzahl an Frauen in den Kursen erreicht werde. Auf welche Rezepte man politisch auch setze, wichtig sei jetzt, die Umsetzung anzugehen, so Altorfer: "Die Zeit, darüber zu reden, ist vorbei – nun muss eine Zeit der Taten folgen."

Frauen in die Schweizer IT zu bringen, ist ein Marathon

All dies werde nicht von heute auf morgen geschehen, sondern brauche Zeit und Energie, merkt Frech an. Der tiefe Frauenanteil dürfe allerdings nicht den Eindruck erwecken, dass bislang nichts erreicht worden sei. Hätte man vor zehn Jahren ein Mädchen gefragt, ob es Informatikerin werden wolle, wäre die Antwort ein "Nein" gewesen – heute falle sie differenzierter aus. Auch in den IT-Firmen habe der kulturelle Wandel begonnen, sagen Hunziker und Caduff. Dies zeige sich an der steigenden Zahl an Chefinnen in der Branche, die wichtige Vorbilder seien (siehe Auflistung unten). Viele Unternehmen böten Programme für mehr Diversität an, sagt Burkard. Gleichzeitig unterstützten immer mehr Organisationen Frauen dabei, berufliche Netzwerke aufzubauen

Gründe sich zurückzulehnen und auf einen automatischen Anstieg des Frauenanteils zu warten, seien diese positiven Zeichen aber nicht, so Gut. Der Druck durch Fachkräftemangel und Wettbewerb sei noch nicht stark genug, damit das Problem überall ernst genommen werde. Umso stärker seien Politik, Schulen und die IT-Branche jetzt gefragt, um nicht nur Frauen, sondern alle Mitglieder der Gesellschaft für die IT zu mobilisieren – vom Familien­tisch bis zur HR-Abteilung. Handlungsbedarf sei jedenfalls vorhanden. Serge Frech geht davon aus, dass es sich die Tech-Firmen gar nicht leisten können, auf die Frauen zu verzichten: "Unternehmen, die heute noch daran glauben, sich keine oder wenige Frauen in den Führungs­etagen leisten zu können oder ungleiche Löhne zu bezahlen, werden über kurz oder lang aussterben."

20 Frauen aus der Schweizer IT-Branche:

  • Andrea Back - Direktorin, Institut für Wirtschaftsinformatik, Universität St. Gallen

  • Jacqueline Badran - CEO, Zeix

  • Ana Campos - Head of People & Organisational Development & Co-CEO, Trivadis

  • Olga Feldmeier - CEO, Smart Valor

  • Sarah Fuchs - Geschäftsführerin, Hama Technics Schweiz

  • Stella Gatziu Grivas - Head Competence Center Cloud Computing, Digitalisation & Transformation, Fachhochschule Nordwestschweiz

  • Lea Goldblum - Head of Digital Experience, Migros

  • Martina Hirayama - Direktorin School of Engineering, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

  • Marianne Janik - Country General Manager & CEO, Microsoft Schweiz

  • Christina Kehl - Managing Director, Swiss Finance Startups

  • Gabriela Keller - Geschäftsführerin, Ergon Informatik

  • Stephanie Lüpold - CEO, Amazee Labs

  • Sonja Meindl - Country Manager CH + A, Check Point Software Technologies

  • Severina Pascu - CEO, CEE and COO CE Group, UPC Schweiz

  • Nadja Perroulaz- VR-Präsidentin, Liip

  • Claudia Pletscher - Head Development & Innovation, Schweizerische Post

  • Liliana Scheck - General Manager & Chairman of Management Board, DXC Technology Switzerland

  • Philomena Schwab - Gründerin, Game Studio Stray Fawn

  • Sabine Süsstrunk - Professorin am Images and Visual Representation Lab, Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne

  • Bak-Heang Ung - CEO, Digicomp Academy

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DPF8_102644