Was die Fintech-Branche aktuell bewegt

"Politiker müssen die Schweiz international stärker als Fintech-Hub bewerben"

Uhr | Aktualisiert
von George Sarpong

Die Fintech-Expertin Susanne Chishti ist Co-Autorin des Buchs "The Fintech-Book". Im Interview erklärt Chishti, für wen sich die Lektüre besonders lohnt und wie der Fintech-Standort Schweiz punkten kann.

Im Start-up-Inkubator F10 des Finanzdienstleisters Six tüfteln Entwickler an den Finanzservices von morgen. Im Austausch mit erfahrenen Anbietern in der Finanzwelt setzen sie Trends wie Blockchain oder Mobile Payment in reale Produkte und Services um.

Der ideale Ort also, um ein Buch vorzustellen, das die Entwicklungen in der Finanzindustrie aufzeigt und auf dem Wissen und dem Erfahrungsschatz der Crowd aufbaut. Co-Autorin Susanne Chishti präsentierte kürzlich vor Vertretern der Schweizer Banken- und Tech-Branche das Werk "The Fintech Book".

Es soll ein Standardwerk sein für all diejenigen, die sich mit den Entwicklungen der Finanzindustrie auseinandersetzen wollen oder müssen. "The Fintech Book" vereint das Wissen von Branchenexperten weltweit. Im Interview mit der Redaktion erklärt Chishti, wie sich das Buch von anderen Fachbüchern zum Thema unterscheidet und welche Fintech-Trends derzeit besonders spannend sind.

Sie haben rund 15 Jahre bei Grossbanken gearbeitet. Was hat Sie dazu bewogen, die Bankenwelt hinter sich zu lassen und sich in die Start-up-Welt zu stürzen?

Susanne Chishti: Seit der Finanzkrise ist das Bankwesen durch die zunehmend komplexeren Anforderungen vonseiten der weltweiten Aufsichtsbehörden und durch den Druck, ständig Kosten zu reduzieren, in einer schwierigen Lage. Insgesamt hat das dazu geführt, dass nicht mehr viel Raum für Innovation und Kreativität blieb. Auf der anderen Seite bietet die Start-up-Welt gerade das: wirkliche Freude beim Firmenaufbau, bei der Entwicklung von neuen Produkten und Dienstleistungen, der Beantwortung von Kundenbedürfnissen auf neuen Wegen.

Sie sagen, Sie fühlen heute in der Fintech-Branche eine Aufbruchstimmung wie damals, als die Webwirtschaft ihren Anfang nahm. Woher rührt dieses Gefühl?

Vor 20 Jahren studierte ich in San Francisco an der Haas School of Business der University of California und arbeitete danach bei der Fintech-Firma Tandem Computers – sie wurde von Compaq aufgekauft und ist jetzt Teil von HP. Im Nachbarort wurde gerade Yahoo gegründet. Die Atmosphäre war einzigartig!

Inwiefern?

Es war eine Atmosphäre voller Optimismus und Innovationskraft, da das Internet quasi vor unseren Augen entwickelt wurde. Dieses Gefühl hatte ich 20 Jahre später 2014 in London wieder, als ich diverse Start-up-Events im Fintech-Bereich besuchte. Diesmal wollte ich auch dabei sein, und deshalb rief ich den Fintech Circle ins Leben.

Welche Ziele verfolgt der Fintech Circle?

Wir sind eine globale Community, bestehend aus 14'000 Unternehmern, Investoren, vielen Mitarbeitern aus der Finanzbranche und internationalen Fintech-Experten. Ich leite auch das Fintech-Circle-Angel-Netzwerk, die erste private Investorengruppe, die sich nur auf Fintech-Firmen spezialisiert hat, da unsere Angels-Experten in diesem Bereich sind und deshalb "Smart Capital" bereitstellen können.

Mit Unterstützung all dieser Experten haben Sie "The Fintech Book" veröffentlicht. Was unterscheidet Ihr Buch von ähnlichen Fachtiteln, wie etwa "The end of Banking" von Jonathan McMillan?

"The Fintech Book" soll ein Standardwerk sein, das die Struktur und die Geschäftsmodelle der Branche weltweit erklärt. Nach dieser Lektüre kann man Trends und Innovationen in der Fintech viel leichter verstehen und einordnen, beziehungsweise auch selbst eigene Fintech-Strategien erfolgreich entwickeln und umsetzen. Ausserdem ist "The Fintech Book" das einzige Buch zu diesem Thema weltweit, das auf dem Crowdsourcing-Prinzip beruht. Unsere Autoren wurden unter den besten 190 Bewerbern aus 27 Ländern ausgesucht, da ihr Wissen und ihre Erfahrung äusserst wertvoll für unsere Leser sind.

Weshalb brauchte es die Crowd?

Der Bereich Fintech ist derart komplex und vielschichtig, dass kein einzelner Autor Fachwissen und Erfahrung in allen Bereichen haben kann. Mein Co-Autor Janos Barberis und ich entwickelten das Buchkonzept mit dem Ziel, ein Werk zu schaffen, das von Praktikern für Praktiker geschrieben wurde und bei dem das Lesen selbst nicht nur lehrreich ist, sondern auch Spass machen soll. Am Ende des Buches bilden wir auch ein Verzeichnis aller Autoren ab, sodass jeder Leser die Möglichkeit hat, mit ihnen in Kontakt zu treten. Zusätzlich zum Buch laden wir die Leser ein, unserer Fintech-Circle-Gruppe auf Linkedin beizutreten.

Bleiben wir bei Ihrem Buch. Welches Kapitel sollten Fintech-Interessierte unbedingt lesen?

Ich würde sagen, das hängt vom Profil des jeweiligen Lesers ab. Mitarbeiter von Banken, Versicherungen oder IT-Unternehmen, insbesondere jene, die an den Finanzsektor verkaufen, sollten das ganze Buch lesen, um die Veränderungen der Finanzindustrie zu verstehen. Im Buch werden die Veränderungen, die auch die eigene Karriere und die Zukunft ihrer Arbeitgeber betreffen, näher analysiert. Investoren finden sicher das Kapitel zum Thema "Capital and Investments" sehr interessant. Strategen können einiges über weltweite Fintech-Hubs lernen und sich Ideen holen, wie man diese Entwicklungen auch im eigenen Land fördern kann. Jungunternehmer können von Erfolgsgeschichten anderer Fintech-Gründer lernen. Wir beschreiben, wie diese ihre Start-ups weltweit erfolgreich etabliert haben.

Wieso brauchen wir überhaupt disruptive Fintech-Start-ups? Was ist falsch an traditionellen Finanzinstituten?

Disruptive Start-ups sind die Antwort auf nicht erfüllte Kundenbedürfnisse. Bahnbrechende Neuerungen entstehen aber oft nur dann, wenn man das Geschäftsmodell, das Produkt oder den Service ganz infrage stellt. Henry Ford sagte ja, wenn er seine Kunden damals gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie sicher bessere Pferdekutschen gesagt, denn das Auto war ja noch nicht erfunden.

Wie lässt sich dieses Bild auf Banken übertragen?

Etablierte Finanzunternehmen merken oft gar nicht, dass ihre Kunden heutzutage offen dafür sind, jungen Firmen mit neuen Produkten, Services oder Apps eine Chance zu geben. Diese Kunden sind heutzutage durch die Technikriesen wie Apple, Google, Facebook, Amazon oder Paypal bessere Kundenservices gewohnt.

Weshalb kommen von den traditionellen Finanzinstituten wenige Innovationen im Fintech-Bereich?

Innerhalb einer grossen Organisation wird man leicht abgelenkt von den vielfältigen Zielen, der internen Politik und den verschiedenen Gremien, die alle wichtigen Entscheidungen genehmigen müssen. Ich bin sicher, dass viele innovative Mitarbeiter sich nicht ganz entfalten können. Hingegen kann eine Fintech-Firma agil und fokussiert eine bestimmte Kundengruppe adressieren und Lösungen für Nischen anbieten.

Entwickeln sich Fintech-Unternehmen analog zu Banken, die "to big to fail" sind? Oder werden wir endlich mehr Wettbewerb im Finanzsektor erleben?

Fintech-Firmen beleben den Finanzsektor eindeutig durch mehr Wettbewerb, zum Vorteil der Kunden.

Fintech-Firmen fordern ihrerseits weniger Regulierung. Wie sehen Sie das?

Ich finde, dass die Regulierung proportional zum Riskio erfolgen sollte.

Wie meinen Sie das?

Eine Fintech-Firma mit 10 Mitarbeitern und 50 Kunden sollte nicht den gleichen Anforderungen unterliegen müssen wie eine Bank mit 10'000 Mitarbeitern, die global agiert. Aufsichtsbehörden sind daher gefordert, eng mit Fintech-Firmen zusammenzuarbeiten, um Rahmenbedingungen für die Regulierung von Innovationen im Fintech-Bereich zu schaffen.

Wie sieht es hier mit der sozialen Verantwortung aus? Schliesslich ist das Ziel vieler Fintech-Start-ups, bestehende Modelle zu zerstören.

Innovation wird immer dazu führen, dass Altes verloren geht, weil man auf neue, innovative Entwicklungen setzt. Die Automatisierung vieler Bereiche im Bankenwesen wird einerseits zu Jobverlusten führen. Andererseits werden aber auch ständig neue Jobs geschaffen. Ein Student, der heute mit der Uni beginnt, wird sich nach seinem Studium auf Jobs bewerben können, die es noch gar nicht gab, als er anfing. Das ist auch eine grosse Chance für Unternehmertypen und Leute, die nie aufhören wollen, zu lernen und sich gerne neuen Herausforderungen stellen. Darüber hinaus bietet die Fintech auch einen rein sozialen Aspekt. Darüber schreiben wir auch in unserem Buch im Kapitel "Emerging Markets and Social Impact". Wir behandeln darin die Frage, wie man den 2,5 Milliarden Menschen weltweit helfen kann, die kein Bankkonto haben und somit vom traditionellen Finanzwesen ausgeschlossen sind. Fintech bietet da viele Lösungen durch Mobile Banking.

Welches ist aus Ihrer Sicht der momentan attraktivste Fintech-Standort der Welt?

Ich bin Österreicherin, die seit 20 Jahren in London lebt. London hat eine globale Vorreiterrolle im Fintech-Bereich übernommen und viele europäische Länder müssen aufholen. Schliesslich ist Fintech die Zukunft des Finanzwesens. Kontinentaleuropa und seine Finanzstandorte haben genauso das Potenzial, eine globale Führungsrolle im Fintech-Bereich zu spielen.

Wie können die Finanzstandorte auf dem europäischen Kontinent dies schaffen?

Ganz wichtig ist, dass alle Akteure im Land an einem Strang ziehen: die Politiker, die Aufsichtsbehörden, die Start-ups, die etablierten Finanzinstitutionen und die Investoren. Man muss in das lokale Ökosystem investieren, um den Transfer von Ideen, Kapital und Zusammenarbeit zu fördern.

Wie bewerten Sie in diesem Licht den Fintech-Standort Schweiz, etwa im Vergleich zu London?

Die Schweiz ist ein führender Finanzplatz mit tollen Fintech-Unternehmen. Es ist wichtig, dass diese unterstützt werden, Kapitalgeber finden und natürlich Kunden. Politiker müssen die Schweiz international noch viel stärker als bisher als Fintech-Hub bewerben und internationale Kooperationen eingehen. Um den Austausch zu fördern, haben wir über das Netzwerk "Fintech" schon oft Schweizer Vorstände und Topmanager zu unseren Fintech-Tours nach London eingeladen, um wertvolles Wissen und Kontakte zu vermitteln.

Mit Six und Swisscom haben zwei grosse Player Inkubatoren für Fintech-Start-ups lanciert. Reicht das denn nicht?

Das sind wichtige Schritte, um das Ökosystem aufzubauen. Der Six-Inkubator F10 ist auch bei uns in London bekannt. Ebenso der Six-Hackathon, der schon zweimal stattfand. Im letzten Jahr habe ich ihn auf Twitter von London aus mitverfolgt. Dieses Jahr wurde ich eingeladen, ein Jurymitglied zu sein und durfte mithelfen, die besten Fintech-Firmen auszuwählen.

Lassen Sie uns einen Blick in die Zukunft werfen: Welches ist aus Ihrer Sicht das nächste grosse Ding im Fintech-Umfeld?

Ich finde mehrere Bereiche derzeit sehr spannend: Etwa der Bereich Wealth-Tech, also die Modernisierung der Vermögensverwaltung und des Private Bankings. Hier beobachten wir momentan viel Innovation, aber auch sehr viel Nachholbedarf bei etablierten Unternehmen, sodass wir den Beratungsdienst Wealth-Tech-Practise gegründet haben. Weitere Trends sind die Monetarisierung von Daten und "unsichtbares Zahlen".

Was muss man sich darunter vorstellen?

In der Zukunft wird es immer wichtiger sein, dass Unternehmen die existierenden Daten zum Vorteil ihrer Kunden nutzen. Unsichtbares Zahlen beschreibt das Modell, das Uber für seinen Taxi-Dienst entwickelt hat, oder die Möglichkeit des Ratenzahlens von Amazon.

Inwieweit bestimmen diese Technikriesen die Fintech-Entwicklung?

Die Technikriesen wie Amazon, Google, Apple und Facebook sollte man nicht unterschätzen, die arbeiten alle schon lange an ihren Fintech-Strategien: Wie etwa Amazon, welches das Bezahlen von Waren auf Raten anbietet. Apple pusht seine Bezahllösung Applepay. Google bietet mit Wallet eine vergleichbare Lösung an. Überdies entwickelt auch Facebook Payment-Services.

Welche weiteren Trends zeichnen sich derzeit ab?

Die Blockchain nimmt Fahrt auf. Sie ist die Technologie, die Cryptocurrencies wie Bitcoin erst ermöglichte und sehr viele Anwendungen ermöglichen kann und zwar im gesamten Finanzsektor. Die Blockchain ist revolutionär und kann so bedeutend werden wie die Erfindung der Eisenbahn vor 200 Jahren oder des Internets vor mehr als 20 Jahren.

"The Fintech-Book"

Die Autoren Susanne Chishti und Janos Barberis zeigen in ihrem Werk "The Fintech Book" Hintergründe und Trends im Bereich Fintech auf. "The Fintech Book" soll ein Standardwerk sein für all jene, welche die Struktur und die Geschäftsmodelle der Branche verstehen wollen. Das Buch soll auch ein Leitfaden sein, um selbst Fintech-Strategien erfolgreich zu entwickeln und umzusetzen.

Susanne Chishti hat rund 15 Jahre bei Grossbanken wie der Deutschen Bank und Morgan Stanley und gearbeitet. Heute leitet sie den Fintech Circle, eine Expertengruppe im professionellen Social-Network Linkedin. Zudem organisiert sie Innovationsreisen für Manager und Entscheider in Londons Fintech-Branche.

Janos Barberis ist auf regulatorische Anforderungen in der Fintech-Branche spezialisiert. Überdies gründete er Fintech HK, einen Fintech-Accelerator, der junge Fintech-Unternehmen in Asien unterstützt. Barberis ist zudem Mitglied im Advisory Board des Fintech-Kommitees des World Economic Forums.

Die Fintech-Gruppe Fintech Circle lädt Interessierte auf Linkedin zur Teilnahme ein.

Die Autoren freuen sich auch über direkte Anfragen via Twitter:

@SusanneChishti

@JNBarberis

Webcode
9105

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