Editorial

Gebremste Kryptoeuphorie

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Marcel Urech, Redaktor
Marcel Urech, Redaktor

Die Schweiz hat es geschafft. Sie ist zum Hotspot der Krypto- und Blockchain-Industrie geworden und wird heute in einem Atemzug mit Singapur, Malta, Japan und Dubai genannt. Zu verdanken hat sie das einer sanften Regulierung, tiefen Steuern und attraktiven politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Auch das clevere Standortmarketing des Kantons Zug trug seinen Teil dazu bei.

Die Kryptoeuphorie kann aber nicht überdecken, dass die Indus­trie vor grossen Herausforderungen steht. Alle machen Blockchains, aber miteinander kompatibel sind sie nicht. Unterschiedliche Auffassungen über die Entwicklung resultieren oft in einem Hard Fork, wie das bei Bitcoin und Bitcoin Cash der Fall war. Das entspricht zwar dem Open-Source-Prinzip, führt aber auch zu inkompatiblen Netzwerken und Verwirrung in der Branche.

Auch die Einstiegshürden sind noch immer sehr hoch. Wer schon einmal versucht hat, Kryptowährungen von Coinbase gebührenfrei auf einen Hardware-Wallet zu verschieben, kann über die miese Usability ein Liedchen singen. Auch die mangelnde IT-Sicherheit und die Omnipräsenz von Scammern und Cyberbetrügern schaden der ­Branche.

Und es gibt noch ein weiteres Problem: Blockchain-Technologien skalieren nach wie vor schlecht. Deutlich schlechter als viele Datenbanklösungen, die jahrelang etabliert sind. Die Community arbeitet allerdings mit Hochdruck daran, dieses Problem zu lösen. An Innovationen mangelt es auf jeden Fall nicht. Entwicklungen wie Atomic Swaps, Lightning Network, Raiden, Segregated Witness, Side Chains und Sharding sind vielversprechend.

Immerhin zweifelt heute kaum mehr jemand daran, dass es für die Blockchain viele legitime Anwendungen gibt. Auch Initial Coin ­Offerings, die für Unternehmen ein attraktives Instrument sind, um Geld zu beschaffen, werden nicht so schnell verschwinden.

Die Grossbanken sind ebenfalls noch nicht auf den Kryptozug aufgesprungen. Dass viele Start-ups im Zuger Crypto Valley ins Fürstentum Liechtenstein ausweichen müssen, um Bankkonten zu eröffnen, zeigt, dass auch die Schweizer Kryptobranche noch einen steinigen Weg vor sich hat.

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