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Die digitale Reifeprüfung

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Die Digitalisierung macht vor keiner Branche halt und jedes Unternehmen ist gefordert, die passende Digitalstrategie erfolgreich umzusetzen. Je nach digitalem Reifegrad des Unternehmens werden diese Vorhaben aber von unterschiedlichen Akteuren getrieben. Wir unterscheiden drei Phasen.

Der geübte Teilnehmer der Best of Swiss Web Awards verbindet das Angenehme (= Auszeichnungen abholen für seine Projekte) mit dem Nützlichen (= fachlicher Austausch mit seinen Peers). Ihr Kolumnist hat beides getan und sich mit seinen Gspänli über den Status des digitalen Schaffens in den jeweiligen Unternehmen unterhalten. Mit der Einsicht, dass die Digitalisierung in drei Phasen erfolgt, anhand derer man gleichzeitig den Reifegrad eines Unternehmens ablesen kann.

#1 Unter dem Radar

In der ersten Phase, die mehrheitlich Geschichte ist, operiert die Digitalabteilung – wenn es denn eine gibt – weitgehend unter dem Radar. Je nach Branche sind die dafür zuständigen Personen an unterschiedlichen Enden des Organigramms aufgehängt. Konkret werden mit überschaubaren Ressourcen Websites realisiert, Apps entwickelt und Social-Media-Engagements erprobt. Die daraus resultierenden Erfolge oder Misserfolge werden von der obersten Geschäftsleitung bestenfalls zur Kenntnis genommen.

#2 Digitalisierungs-Jekami

Ganz anders in Phase zwei, in der sich aktuell das Gros der Unternehmen befindet. Jetzt ist die Wichtigkeit des Themas voll erkannt und jeder CEO fürchtet sich davor, mit seinem Unternehmen die Vorlage für die nächste Worst-Practice-Fallstudie à la Kodak zu werden oder wie die Hotellerie- und Musikbranche digital disrumpiert zu werden. Die Budgets steigen proportional zur Visibilität des Themas.

Doch was ist die richtige Digitalisierungsstrategie? Gewisse strategische Imperative sind schnell erkannt, weil sie gleichermassen die Kundenbindung fördern und potenziell enorme Kosteneinsparungen bringen. Etwa der Aufbau von Online- und Mobile-Touchpoints im Banking, die Einführung von Self-Scanning im Detailhandel oder der Verkauf von Mobile-Tickets im ÖV. Andere Vorhaben sind für die Marktführer viel riskanter: Sollen Banken eigene Blockchain-Currencies lancieren? Lohnt sich das Investment in Digital Commerce im Detailhandel (oder bleiben Lebensmittel die einzige Kategorie, die man lieber physisch shoppt)? Und sollen ÖV-Transportunternehmen intermodale Mobilitätsplattformen aufbauen?

Jetzt ist guter Rat teuer und jeder wähnt sich als Digitalisierungsexperte. Das Erarbeiten der Digitalstrategie wird zum Jekami – und das kann teuer werden. Denn oft ist nur ein schmaler Grat zwischen Hype und Trend, wie prominente digitale Fehlschläge aus der ferneren (das Millionengrab "You" von Bank Vontobel) oder jüngeren Vergangenheit (hat hier jemand Siroop gerufen?) zeigen.

#3 Professionalisieren hilft beim Studieren

Phase drei ist gekennzeichnet durch zunehmende Professionalisierung. So wie sich heute niemand mehr vom Barbier seine Knochen schienen lässt, so lassen Unternehmen in der Regel nur Spezialisten an ein Thema ran. Ergo ist es der CFO, der die Finanzen verantwortet und nicht der Facility Manager. So gesehen ist es begrüssenswert, wenn immer mehr Unternehmen die Rolle des Chief Digital Officers schaffen und ihn direkt an den CEO rapportieren lassen. Auch wenn Kritiker zuweilen zu Recht argumentieren, dass es sich dabei nur um ein digitales Feigenblatt handle.

Fazit: Die Digitalisierung ist ein anspruchsvolles Früchtchen. Man sollte es nicht ohne digitale Reifeprüfung kaufen.

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