Editorial

Durchatmen, abkühlen, entspannen!

Uhr | Aktualisiert
(Source: Netzmedien)
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Digitale Gespenster gehen um in der Schweiz und verbreiten Angst und Schrecken. Mit den Temperaturen erhitzen sich auch die Gemüter, so scheint es. E-Mails an die Redaktion warnen vor "unvorstellbaren und tötlichen [sic!] Gefahren" durch 5G. Gegen die halbstaat­liche elektronische Identität von Swisssign zieht die "Allianz gegen private E-ID" mit dem Referendum ins Feld. Die Online-Stimmabgabe per ­E-Voting ist nach dem Rückzieher des Kantons Genf als Provider und dem misslungenen Sicherheitstest der Post ein Scherbenhaufen. Die Digitalisierung der Arbeitswelt, einst ein Versprechen des technologischen Fortschritts, wird heute mit Jobvernichtung, Ausbeutung der Arbeitnehmer und Machtübernahme der Roboter gleichgesetzt. Auf der anderen Seite warnen Politiker und Unternehmer mit drastischen Worten, dass die Schweiz im internationalen Wettlauf um einen Platz an der digitalen Sonne den Anschluss verliere. Wohlstand, Sicherheit und Gesundheit stünden auf dem Spiel, so tönt es an Veranstaltungen landauf, landab. Man fühlt sich überfordert, abgehängt, ausgespäht und atemlos.

All diese Befürchtungen sind natürlich nicht aus der Luft gegriffen. In ihrem Kern stecken reale Probleme und Ängste, die wir ernst nehmen sollten. Für den Durchbruch von 5G braucht es das Vertrauen der Bevölkerung. Die E-ID braucht breite Unterstützung und vor allem ein Höchstmass an Sicherheit. Das Gleiche gilt für das E-Voting. Denn es geht hier um mehr als die Digitalisierung eines Verwaltungsprozesses. Es geht um einen fundamentalen Vorgang unserer Demokratie. Die Entwicklung des Arbeitsmarktes und die Wirkungen der Automatisierung sollten aufmerksam beobachtet werden, um sozialen Ungleichheiten frühzeitig entgegensteuern zu können. Und die digitale Fitness der Schweizer Wirtschaft muss auf der Agenda ganz oben stehen. Wie gut unsere Start-ups gedeihen, Firmen Fachkräfte finden und sich Geschäftsideen entfalten können, ist für die Zukunft entscheidend.

Alle diese Themen werden 2019 weiter die Stimmung in den Konferenzsälen anheizen. Im Herbst stehen schliesslich eidgenössische Wahlen an. Was es deshalb braucht, sind Kompromissbereitschaft, Dialog, einen nüchternen Blick auf die Licht- und Schattenseiten der digitalen Transformation und Vertrauen in die Fähigkeit der Schweiz, sich neu zu erfinden. Und wir brauchen Zeit, um durchzuatmen, abzukühlen und zu entspannen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, einen erholsamen Sommer. Die nächste Ausgabe der "Netzwoche" erscheint am 28. August.

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