Editorial

Pop-up mit Pop-up bekämpfen

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Joël Orizet, Redaktor, Netzwoche (Source: Netzmedien)
Joël Orizet, Redaktor, Netzwoche (Source: Netzmedien)

Endlich mal ein Pop-up, das nicht die Nutzer nervt, sondern Facebook. Der Datenkonzern scheint sich sogar davor zu fürchten. Und nun ergreift er die Flucht nach vorn. Mit ganzseitigen Zeitungsinseraten (!) und Onlinekampagnen wirbt sich Facebook regelrecht in Rage – und droht auch mit dem Rechtsweg. Das alles nur, weil Apple den iOS-Nutzern mehr Datenschutz verspricht.

Noch in diesem Frühjahr soll jede iOS-App die Nutzerinnen und Nutzer vor die Wahl stellen. Und zwar bei jedem Erststart einer App. Dann soll ein Fenster aufpoppen, auf dem in fetten Buchstaben so etwas steht wie: "Facebook bittet um Erlaubnis, Sie zu tracken – über alle möglichen Apps und Websites hinweg." Weiter unten bekommt Facebook ein klein wenig Platz, um in einer kleineren Schriftart Argumente für die Zustimmung der User vorzubringen. Dort sollte also stehen: "Dies ermöglicht Facebook, Ihnen personalisierte Werbung zuzuspielen." Vermutlich heisst es aber eher: "Dies bietet Ihnen die bestmögliche Ad-Experience" – oder so etwas in der Art. Jedenfalls stehen zwei Möglichkeiten zur Wahl. Option eins: die App bitten, nicht zu tracken. Option zwei: Tracking erlauben.

Es liegt auf der Hand, dass sich nur ein kleiner Bruchteil der Nutzerinnen und Nutzer auf Option zwei einlassen wird. Und das könnte Facebook einen Strich durch die Rechnung machen. In nur einem Jahr könnte der Konzern aufgrund des Pop-ups 8 Milliarden US-Dollar an Umsatz einbüssen, berichtet das Wirtschaftsmagazin "Forbes". Das wären 9,3 Prozent von Facebooks Jahresumsatz 2020.

Facebook reagierte feindselig – zumindest scheinbar. "Mark ­Zuckerberg attackiert Apple so scharf wie nie zuvor", las man in den Medien. Wer aber eine fiese Fehde wie die zwischen Oracle-Gründer Larry Ellison und SAP oder jene zwischen Donald Trump und Jeff Bezos erwartet hatte, wurde bitter enttäuscht. Denn Zuckerbergs vermeintliche Attacke war nichts weiter als ein Wimmern. "Apple mag behaupten, dass sie das alles tun, um den Leuten zu helfen – aber sie verfolgen ganz klar ihre eigenen Wettbewerbsinteressen", sagte er in einer Telefonkonferenz mit Analysten. Die passende Antwort auf das Argument steht im Urban Dictionary und lautet: No Shit Sherlock.

Wenn der Facebook-Chef ohnehin kein Problem mit dem Steinwurf im Glashaus hat, könnte er immerhin auf den Tisch hauen und seinem Erzfeind Heuchelei vorwerfen. Denn der iPhone-Hersteller ist in puncto Datenschutz nicht ganz so sauber, wie er sich gern gibt. Die Datenschutz-Labels, die Apple Ende 2020 im App-Store einführte, sind oftmals irreführend, wie eine Recherche der "Washington Post" zeigt. Viele Apps im App Store sammeln wesentlich mehr Daten, als sie vorgeben. Und Apple überprüft das alles nicht.

Doch statt zu stänkern, will Facebook Pop-up mit Pop-up bekämpfen. Auf dem Onlinenetzwerk erscheinen bald bildschirmfüllende Anzeigen. Dort macht Facebook einen auf Fürsprecher der Benachteiligten. Im Sinne von: Hilf mit, coronageplagte Kleinunternehmen zu unterstützen, die auf personalisierte Werbeinhalte angewiesen sind, um ihre Kunden zu erreichen.

Ob das Facebook hilft, bleibt abzuwarten. Doch schon heute lässt sich getrost bezweifeln, dass der Datenkonzern aufgrund des Apple-Pop-ups den Schirm zumacht. Wer weiss: Vielleicht finden clevere Facebook-Juristen und -Entwickler noch rechtzeitig ein technisches Schlupfloch, um weiterhin Nutzer zu tracken – und gleichzeitig gepflegt Privacy-Washing zu betreiben. Dann hätte Facebook beides im Sack: den Fünfer und das Datenschutz-Weggli.

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