Kolumne von Jürg Lindenmann

Durchwursteln statt Durchbruch

Uhr | Aktualisiert
von Jürg Lindenmann, Geschäftsführer, Health-IT

Im 61. Newsletter von E-Health Schweiz war zu lesen: "Mit einem schweizweiten EPD-Start auf Mitte April 2020 ist nicht zu rechnen." Viele Indikatoren und Rahmenbedingungen haben schon lange darauf hingedeutet. Heute besteht die Gefahr, dass sich die Einführung und Verbreitung des EPD genau deswegen noch weiter verzögert.

ürg Lindenmann, Geschäftsführer, Health-IT. (Source: ZVG)
ürg Lindenmann, Geschäftsführer, Health-IT. (Source: ZVG)

Bundesrat Ignazio Cassis ist schon mehrfach wie folgt zitiert worden: "Das elektronische Patientendossier ist eine so tiefgreifende Reform für das Gesundheitswesen wie die Neat für den Bahn- und Güterverkehr" – eine durchaus nicht übertriebene Einschätzung. Die Neat ist ein Vorzeigeprojekt, das weltweit Beachtung fand, da trotz einiger geologischer Widrigkeiten sowohl Termine und Qualität als auch die Kosten eingehalten wurden. Es ist also grundsätzlich möglich, bundesweite Infrastrukturvorhaben mit einem Gesamtnutzen für die Bevölkerung und die Wirtschaft erfolgreich umzusetzen.

Die mangelnde politische Verankerung rächt sich

Die politische Verankerung des EPD hatte von Beginn an den Makel, dass man die wahre Dimension und die für einen Erfolg zwingenden Investitionen, organisatorischen Grundlagen sowie den angestrebten Nutzen des Vorhabens nie wirklich offengelegt und diskutiert hat. Ein Gesetz, das vorgibt, eine schweizweite Patientendossier-Infrastruktur aufzubauen, die kein Preisschild hat, ist für die Politik eine willkommene Gelegenheit, um sich mit einem "Geschenk" an die Bevölkerung zu profilieren.

Dies ist wohl der Grund, weshalb die Vorlage 2015 mit ­"sowjetischem Abstimmungsergebnis" in beiden Kammern durchgewunken wurde. Nun, da sich diese vernachlässigten Aspekte in der Umsetzung zu manifestieren beginnen, ist die politische Verantwortung für das sich unter Umständen abzeichnende Debakel schon nicht mehr klar zuzuordnen. Und die diesbezügliche Diskussion – sprich: das Gerangel um die Verantwortung – zwischen Bund und Kantonen hat in den letzten Wochen zugenommen.

Wenn Juristen IT-Lösungen designen

Die Verordnungen zum EPDG versuchen, die Umsetzung des EPD bekanntlich bis auf das letzte technische und organisatorische Detail zu regeln. Das Requirements-Management zum EPD wurde von Juristen und nicht von IT-Business-Analysten durchgeführt. Demnach dürfen die technischen Umsetzungen aus Sicht der Autoren der Verordnungen nicht der Logik und den bewährten Verfahren des IT-Engineerings folgen, sondern müssen sich juristischen Dogmen unterordnen.

Als ein anschauliches Beispiel für eine solche Absurdität kann man die Vorgabe der BAG-Juristen nehmen: Der "technische User" (deshalb heisst er ja so) müsse für den automatischen Upload von Dokumenten aus den Spitalsystemen mit dem Namen einer im EPD regis­trierten Gesundheitsfachperson versehen sein, die sich dann für sämtliche Dokumenten-Uploads einer Institution – also etwa auch falsch zugeordnete – persönlich verantwortlich zeigt. Also bitte: Freiwillige vor! Von den damit jeweils nötigen Systemanpassungen inklusive Tests und Abnahmen bei personellen Fluktuationen gar nicht zur reden.

Das Einmaleins des Projektmanagements

Im ersten Semester Projektmanagement lernt man, dass erfolgreiches Projektmanagement auf den Erfolgsfaktoren fokussieren, phasieren und führen beruht. Das nationale Vorhaben EPD lässt bisher keines dieser Kriterien scharf erkennen, sondern beruht auf der Annahme der politischen Akteure, dass sich ohne Fokussierung und Phasierung mit ein wenig Koordination ein technisches und organisatorisches Grossprojekt dieser Dimension im Windschatten politischer, wolkiger Willensäusserungen umsetzen lässt. Dass dann noch laufend die Spielregeln für die umsetzenden (Stamm-)Gemeinschaften durch die Behörden geändert werden, ist den Erfolgschancen auch nicht gerade förderlich.

Fazit

Hätte man die Neat nach denselben politischen, organisatorischen und technischen Kriterien wie das EPD geplant und gebaut, so hätten wir wohl heute noch keinen Zentimeter Röhre im Gotthard. Eine wohl leider unwahrscheinliche Option im Sinne des Projekterfolgs wäre, dass jemand auf Bundesebene politisch die Führung und Verantwortung übernimmt, professionelles Projektmanagement anwendet und die technischen Lösungskonzepte vom juristischen Gängelband befreit.

Wahrscheinlicher ist wohl aber das Szenario, dass man sich jetzt, wie es in der Schweizer Gesundheitspolitik leider State of the Art ist, erst einmal durchwurstelt und dann weiter schaut und dann weiter wurstelt und dann weiter … ach ja: Eine neue Kommission könnte man dann auch noch schaffen – nur als Idee.

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