Im Gespräch mit Roland Ingold, CIO, Pax

"2015 wird für uns das Startjahr der Digitalisierung"

Uhr | Aktualisiert
von George Sarpong

Im Vergleich zu einer Zurich oder Swiss Life ist Pax ein kleiner Versicherer. Dennoch gilt das Unternehmen als hoch­­innovativ. Für seine Leistungen im Bereich IT erhielt Pax Ende des vergangenen Jahres einen Innovationspreis. Roland Ingold, Leiter IT bei den Pax Versicherungen, erklärt im Interview, wie sich Pax diesen Award verdiente. Ausserdem gibt Ingold Einblick in die digitale Roadmap seines Unternehmens.

(Quelle: Netzmedien)
(Quelle: Netzmedien)

Pax hat den Innovationspreis der Schweizer Versicherungs­branche erhalten. Weshalb?

Roland Ingold: Für den Verkauf unserer Versicherungsprodukte arbeiten wir mit unabhängigen Brokern zusammen. Ihnen wollten wir eine Verkaufsapplikation für Beratungsgespräche anbieten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die App kein CRM-System im eigentlichen Sinne ist. Mit unserer App kann der Berater seine Kunden über Ver­sicherungs­produkte informieren. Darüber hinaus bietet sie unseren Partnern einen weiteren Mehrwert. Als Whitebox-Lösung ­können sie die Anwendung nach ihrem Corporate Design gestalten.

Wie kamen Sie auf die Idee, eine App zu entwickeln?

Unsere Vertriebsmitarbeiter wünschten sich ein Tool für die Beratung. Die Anwendungen liessen wir vom Softwarehaus Finelay entwickeln. Derzeit testen wir die App mit ersten Pilotbrokern. Deren Feedback wird in die Weiterentwicklung der App einfliessen. Diese wird aber getrennt von unserer IT-Infrastruktur betrieben.

Gab es auf dem Markt keine vernünftige Standardlösung zu ­kaufen?

Wir hatten uns auf dem Markt umgesehen, aber nichts gefunden, was unseren Bedürfnissen entsprach. Das dürfte auch an unserem geschäftlichen Fokus auf den Versicherungsbereich Leben mit der privaten und beruflichen Vorsorge liegen. Deshalb haben wir uns für eine eigenständige Lösung entschieden. Diese Einzigartigkeit führte auch zur Prämierung der App.

Welche Bedeutung hat dieser Preis für Sie?

Der Preis freut uns sehr. Pax durchläuft momentan einen Wandel. Wir haben unsere Marke einem Rebranding unterzogen und modernisiert. Dieser Verjüngungsprozess drückt sich auch in neuen IT-Lösungen wie dieser App aus. Hierfür ausgezeichnet zu werden, zeigt auch, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden und unsere Innovationskraft auch nach aussen ausstrahlt.

Welche Bedeutung hat die IT für die Versicherungsbranche?

IT ist für uns als Versicherer ein zentraler Bestandteil des Unternehmens. Wir haben keinen Bereich, der ohne IT auskommen würde. Das wirkt sich auch auf unsere digitale Roadmap aus.

Wie sieht die digitale Roadmap von Pax aus?

Wir wollen unsere Prozesse näher an unsere Stakeholder heranrücken. Das sind zum einen unsere Partner im Vertrieb, unsere Kunden und nicht zuletzt auch unsere Mitarbeiter. Hierfür haben wir verschiedene Projekte geplant oder in Angriff genommen. Dieses Jahr wollen wir prüfen – auch im Hinblick auf die angekündigte Abschaltung von ISDN durch Swisscom –, ob und wie wir unsere Telefonanlage durch ein System für Unified Communication and Collaboration, kurz UCC, ersetzen können. Ich glaube, dass sich dadurch weitere Kanäle erschliessen könnten, wie wir in Zukunft mit unseren Partnern zusammenarbeiten. Das könnten etwa Videokonferenzen sein, bei denen man Dokumente online bespricht.

Welche Schwierigkeiten sehen Sie bei der Umsetzung der Strategie?

Bleiben wir beim Beispiel UCC. Wir müssen zunächst evaluieren, wie wir ein System aufbauen, das einen Mehrwert für unsere geschäftlichen Abläufe schafft. Die technischen Hürden sind hierbei aber das kleinere Problem. Die grössere Herausforderung wird der kulturelle Wandel im Arbeitsalltag unserer Mitarbeiter sein. Dieser wird Zeit brauchen.

Wie meinen Sie das?

Viele von uns nutzen als Privatanwender Skype. Die VoIP-­Technik ist also bekannt. Aber im Unternehmen verwenden wir unsere klassischen Festnetztelefone. Wir müssen versuchen, unseren Mitarbeitern den Mehrwert eines UCC-Systems für ihre tägliche Arbeit zu vermitteln.

Wie wollen Sie diese kulturellen Herausforderungen angehen?

Es ergibt keinen Sinn, ihnen einfach ein Gerät auf den Schreibtisch zu stellen und sie in einem Meeting im Umgang damit zu schulen. Stattdessen werden wir unseren Mitarbeitern die Vorteile anhand konkreter Beispiele aufzeigen. Es ist an uns, die Anwender «gluschtig zu machen», die Technik für ihre jeweiligen Bedürfnisse einzusetzen. Es wird aber Zeit brauchen, bis das Team den Mehrwert von UCC verinnerlicht haben wird.

Wie sieht Ihre Mobile-Strategie aus?

2015 wird für uns das Startjahr der Digitalisierung. Der Bereich Mobile ist daher nur Teil einer gesamtübergreifenden Strategie, die sich auf alle Bereiche unseres Unternehmens auswirken wird.

Wie sieht Ihr Plan aus?

Wir haben eine Projektlandkarte für die Jahre 2014 bis 2016 erarbeitet. Hierzu zählen etwa die Bereiche Ablösung unserer Host-Lösung in der privaten Vorsorge und Zentralisierung unserer Kundendaten als Basis für weitere Digitalisierungsschritte wie Selfservices und UCC. Ich weiss aber nicht, ob wir mit der Digitalisierung jemals fertig werden, da wir uns in der IT in einem steten Wandel befinden. Wobei der Innovationsdruck nicht nur von aussen, etwa durch neue Technologien kommt, sondern auch von innen durch die Mitarbeiter, die als Enduser neue Technologien mitbringen.

Sie sprechen den BYOD-Trend an. Wie sieht hier Ihre Strategie aus?

Unsere Mitarbeiter wollen ihre eigenen Geräte einsetzen. Wir fördern diese Entwicklung nicht aktiv, verbieten sie aber auch nicht. Das wäre auch ein falsches Signal. Denn der Einsatz privater Geräte im Unternehmen widerspiegelt auch eine Verbundenheit der Mitarbeiter zum Unternehmen. Schliesslich haben sie diese Devices aus der eigenen Tasche bezahlt. Viele Mitarbeiter nutzen ihre privaten Smartphones, um unterwegs E-Mails zu beantworten. Andere arbeiten zwischendurch im Homeoffice und von unterwegs aus. Allerdings hatten wir keine wirkliche Mobile-Strategie, bis wir uns im Herbst des letzten Jahres mit dem Thema auseinandersetzten.

Wie sind Sie vorgegangen?

Wir überlegten uns, welche Prozesse wir anpassen müssen. Reicht ein Webinterface über Citrix aus, oder welche Funktionalitäten müssen direkt auf Mobile Devices verfügbar sein, und wie sieht es mit der Sicherheit aus? Wir führten letztes Jahr die MDM-Lösung Mobile Iron ein, um die mobilen Applikationen und Unternehmensdaten in einem Container abzusichern. Daten werden zudem verschlüsselt auf Servern bei uns im Haus gespeichert. Dies geschieht nach hohen Standards, wie sie etwa im E-Banking gebräuchlich sind.

Ihr Unternehmen migriert derzeit Vertragsdaten von einem Mainframe auf ein SAP-System. Wie sieht dieses Projekt genau aus?

Momentan arbeiten wir mit einem selbst entwickelten Host-System des französischen Anbieters Bull. Dieses System wollen wir auf eine moderne SAP-Plattform migrieren. Diese entwickeln wir ebenfalls selbst.

Pax ist ein eher kleiner Versicherer mit rund 300 Mitarbeitern. Das muss doch unheimlich teuer werden, wenn Sie das alles selbst entwickeln. Wieso kaufen Sie diese Leistungen nicht ein?

Wir evaluierten mehrere Jahre lang Systeme und mussten feststellen, dass, gerade weil wir kein grosses Versicherungsunternehmen sind, viele der sich am Markt befindlichen Lösungen überdimensioniert sind. Pax entwickelt zudem seit vielen Jahren viele eigene Softwarelösungen, unter anderem auf SAP. Das liegt auch daran, dass es praktisch keine Standardlösungen für Lebensversicherungen gibt. Ein Grund ist, dass der Versicherungssektor von der Finma reguliert wird und es keine Lösung spezifisch für die Schweiz gibt. Ein weiterer Grund ist, dass wir die Entwicklung von IT-Lösungen für die private und berufliche Vorsorge als Kernkompetenz unserer IT-Abteilung ansehen. Wir legen Wert darauf, dass wir aus eigener Kraft agil Software entwickeln können, um unseren Mitarbeiter und Partnern neue Dienste anbieten zu können. Dahinter steckt auch sehr viel Prozess-Know-how. Dieses Wissen kann man auch als einen Vermögenswert für Pax ansehen. Hierfür müssen wir das Business kennen. Schliesslich versteht niemand unser Unternehmen so gut wie wir selbst.

Welche Folgen wird diese Migration für Ihre Mitarbeiter haben, insbesondere für die Mainframe-Spezialisten?

Die Architekturen stammen teilweise noch aus den 1980er-Jahren. Die Ablöse dieser Systeme ist ein grosser Schritt für uns, denn mit dem Systemwechsel geht auch ein Generationenwechsel einher. Wir durchleben nicht nur einen technischen, sondern auch einen kulturellen Wandel. Das merken wir auch bei der Rekrutierung neuer Mitarbeiter.

Spüren Sie hierbei den Fachkräftemangel?

Es ist nicht einfach, neue Mitarbeiter zu rekrutieren, aber möglich. Pax wird als Unternehmen wahrgenommen, das sich bewegt. Wir können spannende IT-Projekte anbieten, was uns attraktiv macht. Dennoch erhalten wir wenige Bewerbungen von Schweizer Kandidaten. Hingegen klopfen viele Bewerber aus Deutschland an unsere Türe.

Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Wir sind als Entwickler auf SAPs Programmiersprache Abap hierzulande eher Exoten. Ausserdem besitzt SAP in der Lehre in Deutschland einen höheren Stellenwert. So zählt an einigen deutschen Fachhochschulen SAP zum Kernbestandteil eines Informatikstudiums.

Ist denn auch Analytics/Big Data ein Thema, wenn Sie schon ein Data Warehouse für SAP aufbauen?

Das greift ineinander. Wir wollen aus unseren Datenbeständen rasch wichtige Unternehmenskennziffern ableiten. Diese sollen der Geschäftsleitung helfen, Entscheide auf einer hochwertigen Faktenbasis zu treffen. Wir wollen unseren Vertrieb mit mehr Informationen als heute versorgen und darüber hinaus neue Erkenntnisse aus den bestehenden Informationen gewinnen.

Ihre Informationen werden somit noch wertvoller. Wie sichern Sie Ihre Daten?

Wir halten unsere Daten in einem Rechenzentrum in unserem Gebäude vor. Dieses wird von unserem Outsourcing-Partner Steria betrieben, dessen Services nach ISO zertifiziert und von der Finma anerkannt sind. Die Informationen in unserem Rechenzentrum werden zwei Kilometer von hier entfernt in ein weiteres Datacenter bei den Industriewerken Basel gespiegelt. Ein drittes Rechenzentrum für den Notfall wird von Steria bei Urdorf betrieben und käme bei einem Disaster-Fall zum Einsatz. Einmal im Jahr testen wir unser System, um sicherzustellen, dass im Ernstfall alles wie geplant funktionieren wird.

Wie schützen Sie die Daten Ihrer Vertriebsmitarbeiter und ­Kunden?

Sicherheit ist für eine Versicherung elementar. Das schliesst die Datensicherheit mit ein. Wir setzen hierfür klassische Sicherheitstechniken wie Hardwareverschlüsselung, VPN oder Tokens ein. Mobile Geräte erfordern zusätzliche Sicherheitsfeatures, etwa Codes und Con­tainer mit denen wir die Daten gegen unerlaubte Zugriffe schützen.

Ein aktueller Megatrend in der IT lautet Social Media. Wie sehen Ihre Pläne in diesem Bereich aus?

Auf unserer digitalen Agenda haben aktuell andere Projekte Vorrang. Social Media ist aus unserer Sicht eher ein Thema für den Vertrieb. Auch wenn die zugrunde liegende Infrastruktur auf IT basiert. Generell überlegen wir uns derzeit, wie wir in Zukunft im Unternehmen digital kommunizieren. Momentan nutzt aber die Mehrheit unserer Mitarbeiter keine Social-Media-Systeme für die interne Kommunikation. Das mag auch daran liegen, dass die meisten Kollegen im selben Haus arbeiten und nicht weit gehen müssen, um miteinander direkt zu kommunizieren. Einen tatsächlichen Mehrwert sehe ich in der Zusammenarbeit über ein zukünftiges UCC-System.

Was gefällt Ihnen besonders gut an Ihrer Arbeit?

Als Leiter der IT bin ich sehr nah am Business. Pax durchläuft derzeit einen Wandel. Es macht mir Spass, in einem KMU etwas zu bewegen. Leider können wir nicht immer alle denkbaren Projekte in die Tat umsetzen. Dafür ist die Geschwindigkeit der Veränderungen in der IT auch zu hoch. Andererseits bietet diese Dynamik auch viele faszinierende Möglichkeiten.

Was genau fasziniert Sie an der Informatik?

IT steht niemals still. Ich arbeite seit 27 Jahren in der Informatik, und mir war noch niemals langweilig. Mit IT kann man sehr viel gestalten, besonders bei einem Dienstleister wie einer Versicherung. Ein anderer Aspekt ist die persönliche Zusammenarbeit mit den Stakeholdern im Unternehmen. Wir arbeiten, um den Kollegen ihre Arbeit zu erleichtern. Und obwohl ich hierfür viel mit Technik zu tun habe, bleibt IT für mich auch immer ein People-Business.

Persönlich

Roland Ingold verantwortet seit einem Jahr die Informatik des Versicherungsunter­nehmens Pax, Schweizerische
Lebensversicherungs-Gesellschaft. Sein Team mit 41 Mit­arbeitern fokussiert sich auf die Entwicklung eigener Softwarelösungen auf Basis von SAP. Die Anzahl der zu verwaltenden Clients im Unternehmen beträgt rund 300 ­Geräte, davon sind 100 Notebooks. Der diplomierte Wirtschaftsinformatiker und MBA arbeitet seit 27 Jahren in der IT. Vor seiner Zeit als CIO leitete Ingold die Entwicklung im Bereich Informatik ­Einzelversicherungen bei Pax. Weitere Stationen in der Kar­riere des Informatikers waren das Beratungshaus Pohn IT-Consulting, Nag Informatik und Edorex Informatik. Ingold ist verheiratet und hat einen Sohn. In seiner Freizeit ge­niesst er gutes Essen und liest gerne.

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