Cloud Use Cases Day

Warum viele Unternehmen mit der Digitalisierung überfordert sind

Uhr | Aktualisiert

Cloud next level! So warb die Fachhochschule Nordwestschweiz für den 6. Cloud Use Cases Day in Olten. Doch nicht alle Firmen erreichen mit der Cloud das nächste Level. Der Event zeigte, warum viele mit der Digitalisierung überfordert sind.

Ringier-CIO Marcus Dauck am Cloud Use Cases Day der FHNW in Olten (Source: Mendez Fotografie)
Ringier-CIO Marcus Dauck am Cloud Use Cases Day der FHNW in Olten (Source: Mendez Fotografie)

Die Cloud ist heute allgegenwärtig. Sie ist ein Kernelement der digitalen Transformation und beeinflusst Unternehmen nachhaltig. Während einige Firmen stark von Cloud Computing profitieren, gelingt es anderen nicht, grossen Nutzen aus der Technologie zu ziehen. Warum? Diese Frage klärte der 6. Cloud Use Cases Day, der am 13. März in Olten stattfand.

Das Innovationstempo ist horrend

Nach einer Begrüssung durch Stella Gatziu Grivas, Dozentin am Institut für Wirtschaftsinformatik der FHNW und Organisatorin der Veranstaltung, stieg Kai Reinhardt auf die Bühne. "Es brodelt in den Unternehmen", sagte der Professor von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. "Sie wissen, dass stürmische Zeiten auf sie zukommen." Er sprach damit die Herausforderungen an, die die digitale Transformation mit sich bringt - "viele Firmen sind mit ihnen überfordert".

Quelle: Folie: "Die Entwicklung der Cloud. Eine Zusammenstellung" von Stella Gatziu Grivas, FHNW.

Reinhardt zeigte am Beispiel des von Ex-BMW-Managern gegründeten Autoherstellers Byton auf, wie schnell die Digitalisierung die Wirtschaft umkrempelt. Die chinesische Firma gibt es erst seit September 2017. Sie setzte sich zum Ziel, ein "Smartphone auf Rädern" zu bauen - ähnlich wie Tesla. "Aber eigentlich ist das kein Auto, sondern eine vernetzte Plattform, die einfach fährt", sagte Reinhardt. "Autos bauen und verkaufen, das ist ein auslaufendes Geschäftsmodell", sagte Byton-CEO Carsten Breitfeld.

2018 stellte Byton einen Prototyp vor. Die Entwicklung des Elektro-SUV dauerte gerade mal 2 Jahre - und Ende 2019 soll schon die Serienproduktion starten. Ziel: 300'000 Stück pro Jahr produzieren und möglichst schnell in die USA und nach Europa expandieren. "BMW hätte das Auto auch haben können - der Vorstand lehnte die Idee aber ab", sagte Reinhardt.

Es fehlt an Digitalisierungs-Know-how

"Die Digitalisierung gefährdet das Geschäftsmodell fast jedes Unternehmens", fuhr Reinhardt fort. "Sie hat vor allem Einfluss auf die Innovation und die Mitarbeiter." Vielen Unternehmen fehle heute das Know-how, um ihr Geschäftsmodell zu digitalisieren - obwohl sie das dringend tun sollten.

Ein Grund dafür sei, dass die Qualifikation der Mitarbeiter oft nicht ausreiche, um die digitale Transformation erfolgreich zu gestalten. Auch das Top-Management sei in vielen Unternehmen immer noch nicht digital unterwegs. Dabei sei das ein entscheidender Faktor, um auch in Zukunft zu überleben.

Diese Situation habe zu einer Produktivitätslücke geführt, einem Gap zwischen operativer Produktivität und technologischem Wandel. Das Wachstum der Produktivität stagniere seit 2010, sagte Reinhardt. Obwohl die Technologie immer besser und effizienter werde.

Ein Hoch auf die Millennials

"Die Menschen sind vom digitalen Sturm überfordert", fuhr Reinhardt fort. Rund 70 Prozent von ihnen litten unter FOMO - der "Fear of missing out". Die Angst, etwas im digitalen Bereich zu verpassen, sei lähmend.

"Es gibt aber Menschen, die mit der Digitalisierung besser umgehen können als andere", sagte Reinhardt. Die meisten Millennials zum Beispiel. Die Babyboomer würden diese nicht selten als faul und narzistisch abstempeln. Das sei ein Fehler und habe viel mit Angst zu tun. Denn etwas sei belegt: Je älter die Mitarbeiter, desto weniger digitalisiert das Unternehmen.

Digitalisierung schafft neue Arbeitswelten

Unternehmen müssten umdenken: Gefragt seien heute Autonomie statt Kontrolle, Selbstverwirklichung statt Prestige, Potenzial statt Qualifikation, Gemeinschaften statt Abteilungen und Lebenseffizienz statt Work-Life-Balance.

Früher seien Unternehmen noch reaktiv organisiert gewesen, dann seien sie agil geworden, in Zukunft sollen sie integrativ sein, sagte Reinhardt. Starre Organisationsstrukturen sollten fast hierarchielosen "Cloud-Organisation" Platz machen, die auf Ökosystemen und Netzwerken aufbauen.

Als Beispiel nannte Reinhardt die schwedische IT-Firma Netlight Consulting. Sie setze auf Rollen und Verantwortungen statt auf Hierarchien, und die Kommunikation der Mitarbeiter geschehe über 1500 Slack Channels. Das mache die Entscheidungsprozesse effizient und die meisten Mitarbeiter glücklich. Für Ordnung sorge ein gemeinsames Wertesystem.

Führungskräfte müssten umdenken und neue Zielsysteme entwickeln. "Kill your idols - jetzt!", forderte Reinhardt. Seine Empfehlung: Mit kleinen Workshops und Initiativen den Mindset verändern, und dann auf den Erfolgen aufbauen.

Datenbasierte Entscheidungen statt klassische Stellenprofile

Über Kompetenzprofile sprach auch Johanna Anzengruber von der Fachhochschule Oberösterreich. Sie erklärte, wie es möglich ist, Kompetenzen aktiv zu managen. Die Entscheidung, wer in einem Unternehmen was mache, sollte immer auf der Auswertung von Daten beruhen, sagte Anzengruber.

Die Digitalisierung habe neue Arbeits- und Geschäftsmodelle und damit auch neue Anforderungen an die Mitarbeiter hervorgebracht. Das klassische Kompetenzmanagement in Unternehmen sei bis jetzt aber ein Top-Down-Prozess, der nicht richtig funktioniere. "Unternehmen sammeln seit Jahren Kompetenzdaten über ihre Mitarbeiter", sagte Anzengruber. "Sie machen mit den Daten aber viel zu wenig."

Anzengruber riet Unternehmen, Arbeit als viele kleine Aufgaben zu betrachten. Und sich dann zu fragen, welche der Aufgaben wirklich wichtig seien und wer sie erfüllen könne. Auch in Projekten sollten Firmen aufgabenbasiert vorgehen. Welche Fähigkeiten braucht es im Projekt, um handlungsfähig zu sein? Das sei die entscheidende Frage.

So nutzt Ringier die Cloud

Einen spannenden Vortrag hielt auch Ringier-CIO Marcus Dauck. Er brachte das Publikum gleich zu Beginn zum Lachen. Mit folgender Aussage: "Unser Business besteht darin, Shitstorms zu erzeugen."

Ringier habe wie fast alle Medien den Fehler gemacht, online alle Inhalte gratis anzubieten. Das Kerngeschäft des Familienunternehmens sei lange der Druck von Printerzeugnissen gewesen. Dann seien die digitalen Geräte gekommen, AR, VR - und mittlerweile produziere und verkaufe man sogar 360-Grad-Videokampagnen.

Ringier entschied sich im Jahr 2010, die Cloud einzusetzen und startete mit der G Suite von Google. "Obwohl wir dazumals noch nicht genau wussten, was sie uns bringt", so Dauck. Heute sei der Nutzen offensichtlich. Die Cloud funktioniere mit allen Betriebssystemen, sei plattformunabhängig und jederzeit und überall verfügbar. Ringier konnte die Cloud zudem nutzen, ohne gleich ein umfangreiches Refactoring der Legacy-IT machen zu müssen. Für Videokonferenzen nutze Ringier seit 2014 Google Hangouts.

Übrigens: Google lancierte am 12. März seine Schweizer Public Cloud, wie Sie hier nachlesen können. Aber was verbirgt sich eigentlich hinter dem Begriff? Marco Mannoni, Cloud Consultant von Baggenstos IT Services, beantwortet diese Frage in einem Fachbeitrag.

2016 habe man entschieden, kein Rechenzentrum mehr betreiben zu wollen. Ringier verlagerte danach einen Teil seiner IT zu AWS in die Cloud, unter anderem sein CRM-System. Statt Exchange-Server nutze man nun Office 365, und Bestellprozesse wickle man seit 2017 ebenfalls über eine Cloud-Lösung ab. "Auch Slack konnte ich nicht verhindern", scherzte Gauck.

Die Cloud habe aber auch Nachteile. Sie fordere neue IT-Skills und Mitarbeiterschulungen, und das Change Management sei komplexer geworden. Cloud-Services würden sich zudem schnell verändern, die Organisation von Ringier aber nicht. Auch die zentrale Governance von SaaS-Lösungen sei schwierig. Mit der Cloud gewinne man zwar Flexibilität, die Tool-Vielfalt führe aber auch zu einem Effizienzverlust, sagte Dauck.

Tracks und Neuausrichtung

Am Nachmittag fanden am Cloud Use Cases Day diverse Tracks statt. Zum Thema Multi-Clouds referierten Steven Henzen, Lead Innovation & Technology bei T-Systems Schweiz, und Baltisar Oswald, Head of Cloud von den SBB.

Weitere Referenten waren Bert Frei, Chief Customer Officer von DTI, Peter Simon, Team Head Web & Digital Solutions von Sika und Peter Angehrn, CTO von DTI. Ihr Thema: Digitale Transformation über Grenzen hinweg.

Ebenfalls vor Ort war Mario Walker, Lead Architect of Enterprise Solution Architecture von Swisscom. Er sprach über Paradigmenwechsel zu sicheren und ausgereiften Cloud-Dienstleistungen. Die Abschlusspräsentation hielt Philipp Ziegler, CEO von MSM Research.

Nach der sechsten Durchführung werden die Organisatoren den Event nun neu ausrichten: Am 18.3.2020 findet der erste "Transformation Cases Day" in Olten statt. Die Cloud werde dabei nach wie vor eine Rolle spielen, jedoch in einem breiteren Kontext, sagt Kathrin Hubli vom Institut für Wirtschaftsinformatik der FHNW. Weitere Details werde die Fachhochschule zu gegebener Zeit publizieren.

Webcode
DPF8_130135

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