Digital Economic Forum 2019

Wie sich Mensch und Wirtschaft mit digitaler Technik neu erfinden

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Unmögliche Hamburger vom Roboterkoch, neue Gelenke aus dem 3-D-Drucker und eine automatisierte Finanzwelt. Die Digitalisierung erfasst mit steigendem Tempo immer mehr Lebensbereiche. Was das für Chancen bringt und wo die Fallstricke lauern, darüber tauschten sich die Teilnehmer des Digital Economic Forum 2019 aus.

Empa-Direktor Gian-Luca Bona: "Man soll den Ideen freien Lauf lassen aber auch immer kritisch hinterfragen: 'Was bringt das?'. (Source: Netzmedien)
Empa-Direktor Gian-Luca Bona: "Man soll den Ideen freien Lauf lassen aber auch immer kritisch hinterfragen: 'Was bringt das?'. (Source: Netzmedien)

Kommt durch die Digitalisierung eine Welt ohne Arbeit auf uns zu? Diese Frage stand im Zentrum des Digital Economic Forum 2019, das am 9. Mai im Zürcher Palais X-Tra über die Bühne ging. 230 Teilnehmer diskutierten laut Veranstalter über die Auswirkungen digitaler Technologien auf Jobs und Arbeitsalltag. Schnell rückten aber auch andere Fragen in den Fokus: Was macht die Digitalisierung mit uns? Welche Risiken birgt der technologische Fortschritt, ja die Entwicklung der Menschheit überhaupt? Und wie steht die Schweiz in dieser neuen Welt da?

Damian Müller: "Hören wir auf zuzusehen und agieren wir." (Source: Netzmedien)

Nachdem Gastgeber und CEO von Indema Thomas Zwahlen die Besucher begrüsst hatte, formulierte Damian Müller als erster Referent des DEF einige Antworten auf die letzte Frage. Der Ständerat aus dem Kanton Luzern gab sich überzeugt, dass die Schweiz gut aufgestellt sei, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Es gebe aber noch einige Baustellen, die fertiggestellt werden müssten. Die Politik sei hier ebenso gefragt wie die Unternehmen, damit etwa der Wandel der Berufswelt nicht Ungleichheit und soziale Spannungen nach sich ziehe. Neben der Förderung von Innovation und Forschung heisse das vor allem, zusammenzuarbeiten. So müsse Europa sich bei der Digitalisierung auf eine Strategie und Standards einigen, statt sie von anderswo zu übernehmen.

Marianne Wildi: "Am Schluss machen es die Menschen aus, nicht die Maschinen." (Source: Netzmedien)

Digitalisierung und Automatisierung sollen massenhaft Jobs vernichten. Was Studien prophezeihen und Arbeitnehmer befürchten, wird alles nicht so schlimm, sagt die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Lesen Sie hier mehr dazu.

Fragen um den Einsatz von KI in der Finanzbranche

Wie ein Schweizer Unternehmen die Herausforderungen der Digitalisierung angeht, zeigten zwei Vertreter von Six: Head Future Business Valerio Roncone und Head Client Service Management Tino Hellmund. Dass sich Six dem technologischen Wandel anpassen müsse, sei nicht grundsätzlich neu, sagte Roncone. Neu sei im Unterschied zu bisherigen Umbrüchen das Tempo, mit dem sich Konzepte änderten und neue Dienstleister auf den globalen Markt kämen. Beides habe ein Chaos erzeugt, in das Intermediäre wie Six wieder Ordnung bringen müssten. Hellmund stellte im Anschluss den Chatbot "Gianna" vor. Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) soll Gianna die B2B-Kommunikation bei repetitiven Anfragen effizienter machen und damit dem Bedürfnis jüngerer Generationen nach digitalen Kanälen entgegenkommen.

"In Zukunft braucht es noch drei Berufe: Psychiater, Priester und Gondolieri", sagte Claudio Hintermann. (Source: Netzmedien)

Über die Möglichkeiten und Grenzen der Automatisierung in der Bankenwelt, dem sogenannten "Robo-Banking" gab Marianne Wildi, CEO der Hypi Lenzburg, Auskunft. Maschinen würden dem Menschen heute zwar den Rhythmus vorgeben, den Bankern werde die Arbeit dadurch aber nicht so schnell ausgehen, sagte sie. Chatbots und Robo-Advisors steckten noch in den Kinderschuhen - und seien als ausschliessliche Lösungen gar nicht sinnvoll. Das Ziel sei eine selbstlernende KI, die den Menschen unterstütze, nicht ersetze. Das disruptive Potenzial der Technologie sei nichtsdestotrotz gross. Moderator Stefan Klapproth wollte wissen, wie die Hypi denn bei der Digitalisierung vorgehe. Wildi antwortete: "Erleben, ausprobieren, lernen, anwenden wenn wir es begreifen und sein lassen, wenn nicht."

Wie finden Unternehmen Spezialisten für ihre IT-Projekte? Was erwarten Mitarbeiter heute von ihrem Arbeitgeber und ihrem Arbeitsplatz? Antworten auf diese Fragen gab es an der Arbeitswelten-Konferenz von SwissICT.

Gedächtnistrainer Markus Hofmann zeigte dem Publikum, wie man sich Namen, Weltwunder und Einkaufslisten merkt. (Source: Netzmedien)

Claudio Hintermann, CEO von Abacus Research, berichtete dem Publikum von der Geschichte der Buchhaltung und seinen jüngsten Erfahrungen mit der US-Gastronomie. Beide Branchen hätten eine Gemeinsamkeit, sagte er: Sie liessen sich sehr gut klassifizieren und automatisieren. So gebe es bereits Restaurants, in denen Roboter personalisierte Mahlzeiten zubereiten könnten. Dadurch lasse sich nicht nur menschliche Arbeitskraft ersetzen, es führe auch dazu, dass sich die Produkte völlig veränderten. "Noch nie zuvor in der Weltgeschichte hat sich die Menschheit so schnell verändert", war Hintermann überzeugt. Zudem werde es immer schwieriger, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Das habe zur Folge, dass sich Unternehmen und sogar der Mensch neu erfinden müssten.

Jan Schilliger, Mitgründer des Browser-Start-ups Snowhaze, überraschte das Publikum mit einem am DEF durchgeführten WLAN-Hack. Es gelang den Hackern, sieben Session-Cookies und ein Passwort von Besuchern auszulesen. (Source: Netzmedien)

Technik für den Menschen

Neben Politik und Privatwirtschaft war auch die Wissenschaft am Digital Economic Forum vertreten. Gian-Luca Bona, Professor an beiden ETHs und Direktor der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) zeigte, wie Materialforschung und IT zusammen innovative Produke ermöglichen, etwa in der Medizintechnik oder in der Industrie. Damit solcher Fortschritt gelingen könne, brauche es laut Bona eine Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Institutionen. Es sei zudem wichtig, sich auf jene Projekte zu fokussieren, die ein Mehr an Freude und Lebensqualität bringen. "Wir müssen die Welt so entwickeln, dass wir allen Menschen ein gutes Leben ermöglichen können", sagte Bona.

Im Interview gibt Gian-Luca Bona Auskunft über aktuelle IT-Projekte der Empa, digitale Zwillinge und die Auswirkungen von Robotern auf die Berufswelt.

Robert Riener: "Es bringt Wirtschaft und Gesellschaft viel, wenn Menschen mit Behinderungen wieder ein normales Leben führen können. (Source: Netzmedien)

Um den Einsatz von Robotik in der Medizin drehte sich das Abschlussreferat des Tages. Robert Riener vom ETH-Institut für Sensomotorische Systeme räumte zunächst einmal mit den gängigen Vorstellungen über Roboter auf, die heute in der Öffentlichkeit kursieren. Bei dem Wort stellten sich Viele entweder den bösartigen "Terminator", oder den herzig-nutzlosen "Pepper" vor, sagte er. Die Realität in Chirurgie, Rehabilitation und Pflege sieht ganz anders aus, wie Riener anhand verschiedener Beispiele demonstrierte - vom intelligenten Bett bis zum Exoskelett für Menschen mit Gehbehinderungen. Robotik könne helfen, solche Menschen in ihrem Alltag zu unterstützen. Dies fördere die Akzeptanz von Robotern in der Gesellschaft. Viel wichtiger sei aber, dass Menschen mit Behinderungen dadurch ein normales Leben führen könnten.

Thomas Zwahlen lädt im Mai 2020 zum nächsten Digital Economic Forum. (Source: Netzmedien)

Kommt der Welt durch Technologie die Arbeit abhanden? Die Antwort auf diese Frage wird nur die Zukunft selbst geben können. Das Digital Economic Forum 2019 bot aber verschiedene Sicht- und Denkweisen, wohin die Reise gehen könnte. Das nächste DEF wird im Mai 2020 stattfinden, wie Gastgeber Thomas Zwahlen ankündigte, bevor der Tag mit einem Apéro ausklang.

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