Arbeitswelt 4.0

Wie die Schweiz ihre digitale Kluft überwindet

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Die Arbeitswelt hat sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Mobilfunk, geteilte Arbeitsplätze und Automatisierung verändern Unternehmen und ihre Mitarbeitenden. Forscherin Sarah Genner spricht im Interview über Zonen, digitale Klüfte und richtiges Management.

Forscherin Sarah Genner.
Forscherin Sarah Genner.

Sie haben vor Kurzem in der NZZ eine neue "Arbeitswelt 4.0" konstatiert. Wie sieht diese Welt aus Sicht der Schweizer Unternehmen aus?

Sarah Genner: Grosse Bereiche der Wirtschaftswelt gehen davon aus, dass wir uns in der vierten Welle der Industrialisierung befinden, daher das Kürzel 4.0. Geprägt ist die vierte Welle durch die digitale Transformation verschiedener Wirtschaftszweige durch Webtechnolo­gien. Bereits die dritte Welle ab den 1960er-Jahren war geprägt durch IT und Elektronik. So neu ist "die" Digitalisierung im Prinzip nicht. Das Web, mobile Geräte und Cloud Computing haben jedoch ganz neue Möglichkeiten des mobil-flexiblen Arbeitens geschaffen. Weitere Schlagworte der Arbeitswelt 4.0 sind etwa Big Data, künstliche Intelligenz, Algorithmen und Internet der Dinge.

Was verändert sich für die Mitarbeitenden?

Die Möglichkeiten, zeitlich und örtlich unabhängig zu arbeiten und neue Kollaborationsräume zu schaffen, haben stark zugenommen. Das bringt neue Freiheiten, geht aber auch mit Risiken der ständigen digitalen Erreichbarkeit, technologischer Beschleunigung und einer Informationsüberflutung einher. Es braucht in diesem Rahmen mehr Selbststeuerungskompetenzen und Zielorientierung. Wer raschen Wandel mag und sich gerne neu erfindet, erlebt jetzt eine spannende Zeit, für andere Persönlichkeits­typen, die mehr Stabilität und Sicherheit brauchen, kann es schwierig werden.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in diesem Kontext? ­Können Sie das an einem Beispiel aufzeigen?

Viele Firmen heben derzeit feste Arbeitsplätze auf, weil ihre Mitarbeitenden über Smartphone und Laptop verfügen. Sie schaffen Zonen: Begegnungszonen, Zonen für ruhiges Arbeiten, Telefonzonen. Viele sitzen nicht mehr im gleichen Büro wie ihr Team oder ihre Vorgesetzten. Das bedeutet je nachdem mehr zeitliche und räumliche Flexibilität, aber auch mehr Selbstmanagement. Für introvertierte Persönlichkeitstypen gelten mobile Arbeitsplätze in der Firma als belastend, für extravertierte eher beflügelnd.

Wie verändert sich die Arbeitswelt durch die Digitalisierung und was bedeutet das für uns. Mehr Infos finden Sie im Arbeitswelten-Dossier der Netzwoche.

Technologie prägt unseren Alltag und unsere Arbeitsweise schon seit Langem. Warum ändert sich erst jetzt auch die Arbeitswelt so grundlegend?

Wenn man die Geschichte der Industrialisierung anschaut, hat sich immer wieder viel geändert. Die Automatisierung geht auf Webstühle mit Lochkarten um 1800 zurück, die Dampfkraft, Fliessbänder und Elektronik haben zu starken Umwälzungen der Arbeitswelt und einer Urbanisierung geführt. Aktuell sind es insbesondere Webtechnologien und mobile Geräte, die unseren Lebens- und Arbeitsstil prägen. Wir können nahezu immer und überall online sein und auf private wie berufliche Kontakte und Dokumente zugreifen. Digitaltechnologien generieren zudem massenhaft Daten und die Nutzung und Kommerzialisierung von Daten führt ebenfalls zu Veränderungen.

Welche Formen von Organisation und Führung braucht eine ­Arbeitswelt 4.0?

Das ist umstritten. Einige betonen, dass gute Führung im analogen wie im digitalen Zeitalter gleich geblieben ist: klare Zielvorgaben, Prioritäten setzen, Vorbild sein, Partizipation von Mitarbeitenden, Wertschätzung, fordern und fördern. Für andere stellt die Digitalisierung alles auf den Kopf. Sie entlehnen der Softwarebranche Projektmanagementmethoden wie Scrum oder Führungsmodelle wie Holacracy. Persönlich sehe ich im digitalen Wandel schon einen besonderen Appell an Führungskräfte, Prioritäten zu setzen, der Informationsflut entgegenzutreten, Identifikation mit dem Job, dem Team, der Organisation zu schaffen. Dafür braucht es eine starke Auseinandersetzung mit der Sinnhaftigkeit der Arbeit. Wer ganz modern ist, spricht von "Purpose".

Brauchen Schweizer Firmen eine neue Unternehmenskultur?

Das kann man vermutlich nicht so allgemein beantworten. Manchen täte ein bisschen mehr Offenheit gegenüber neuen Technologien, Arbeitsformen und Geschäftsmodellen gut. Andere übertreiben es mit allzu viel Agilität und permanenter Umstrukturierung.

Es geht ein Graben durch die Gesellschaft, zwischen solchen, die im Umgang mit digitaler Technik versiert sind, und solchen, die damit Mühe haben. Welche Auswirkungen hat diese digitale Kluft auf die Arbeitswelt?

Man spricht auch von "digitaler Diversität". Das kann für die Zusammenarbeit schwierig werden. Ich habe es selbst erlebt vor zehn Jahren, als in meiner damaliger Firma ein älterer Mitarbeiter entlassen werden musste, weil er sich weigerte, gewisse Software zu nutzen, weil er den Beruf noch analog gelernt hatte. Als die jüngeren, deutlich schlechter bezahlten Mitarbeitenden seinen Job machen mussten, begannen sie sich zu wehren.

Wie lässt sich diese Kluft überwinden?

Weiterbildung, lebenslanges Lernen oder – wenn möglich – auch Führungskräfte, die berücksichtigen, dass nicht alle alles können müssen und Teams entsprechend zusammensetzen.

Forscher sind sich uneins, ob Digitalisierung und Automatisierung Jobs vernichten, verändern oder neu schaffen. Wie sehen Sie das?

Alle drei Punkte stimmen. Automatisierungswellen haben in der Industriegeschichte immer Jobs vernichtet. Gleichzeitig sind an anderen Stellen unter dem Strich jeweils mehr Jobs geschaffen worden. Historisch gesehen hat mehr Technik jeweils eine höhere Nachfrage nach Arbeit geschaffen, zu höherer Produktivität und höheren Löhnen geführt, aber auch zu einer immer ungleicheren Verteilung der Gewinne geführt. Diese zunehmende Ungleichverteilung beschäftigt mich mehr als die potenzielle Arbeitslosigkeit durch Digitalisierung. In der Schweiz sind in den letzten zehn Jahren mehr als 10 Prozent mehr Vollzeitstellen entstanden.

Was müssen Unternehmen und Politik tun, um die Risiken der ­Arbeitswelt 4.0 zu bewältigen?

Das grösste Risiko wäre, dass wir als Volkswirtschaft technologisch abgehängt würden. Daher sind Investitionen in Bildung, Weiterbildung und Innovation zentral. Der Lehrplan 21 wurde um das Fach Medien und Informatik erweitert. An der Pädagogischen Hochschule Zürich sind wir unter Hochdruck daran, Lehrpersonen entsprechend aus- und weiterzubilden. Andere Risiken wie Informationsüberlastung und andere gesundheitliche Auswirkungen sollten in Firmen thematisiert und wenn möglich Massnahmen dagegen ergriffen werden.

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