Wild Card von André Golliez

Datenkonten und Datenbildung für alle!

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Über zwei Milliarden Menschen generieren permanent personenbezogene Daten auf Suchmaschinen, sozialen Medien oder digitalen Marktplätzen. Doch in der Schweiz fehlen Infrastrukturen für die Steuerung und Kontrolle der Datenflüsse durch die betroffenen Personen.

Personenbezogene Daten sind wertvoll. Aber sie sind in der schönen neuen Digitalwelt nicht gleichmässig verteilt. Über zwei Milliarden Menschen generieren permanent personenbezogene Daten auf Suchmaschinen, sozialen Medien oder digitalen Marktplätzen. Die Kontrolle und Weiternutzung dieser Daten geben sie dabei an die globalen Internetplattformen ab. Damit verfügen diese über eine fast unvorstellbare wirtschaftliche und politische Macht, die bisher kaum einer staatlichen Regulierung unterworfen ist. Einzig der chinesischen Regierung ist es gelungen, die Entwicklung grosser datenbasierter Plattformen unter staatlicher Kontrolle zu halten und für eine umfassende Überwachung aller Bürger zu nutzen. Die dazu eingesetzten Technologien sind ein Exportschlager und ermöglichen es anderen autoritären Staaten dem chinesischen Vorbild in der Überwachung ihrer Bürgerinnen und Bürger zu folgen.

Im nationalen, regionalen und lokalen Rahmen bewegen sich in den stärker regulierten Bereichen wie öffentliche Verwaltung, Finanzen, Gesundheit oder Bildung Unternehmen und Organisationen, die nicht aus dem Internet heraus entstanden sind. Diese verfügen im Vergleich zu den globalen Internetplattformen zwar über wesentlich weniger, dafür aber meist gut strukturierte und streng kontrollierte Daten. Auch diese Daten werden zum grössten Teil von Privatpersonen als Kunden, Patienten oder Bürger generiert. Diese wissen aber in der Regel kaum, welche Daten über sie gesammelt werden, wo sich diese befinden, wie sie auf diese zugreifen und wie sie sie selbst weiternutzen können.

In der Schweiz fehlen Infrastrukturen für die Steuerung und Kontrolle der Datenflüsse durch die betroffenen Personen. Und es fehlt insbesondere eine staatlich anerkannten digitale Identität. Daher sind datenbasierten Innovationen hierzulande enge Grenzen gesetzt. Das Datenschutzgesetz schützt zwar das Individuum vor missbräuchlicher oder fehlerhafter Nutzung der Daten. Es befähigt aber nicht die betroffenen Personen, ihre Daten Firmen und Verwaltungen zur produktiven Weiternutzung zur Verfügung zu stellen und an den Ergebnissen dieser Nutzung angemessen zu partizipieren.

Der freie, selbstbestimmte und vertrauenswürdige Datenaustausch zwischen Privatpersonen, Unternehmen und Verwaltungen ist für die Entwicklung eines erfolgreichen digitalen Ökosystems in der Schweiz in den nächsten Jahren entscheidend. Im Zentrum muss dabei die einzelne Person stehen, da sie der einzige natürliche und legitime "Integrationspunkt" aller personenbezogener Datenströme ist. Die Hoheit und Kontrolle über die Zusammenführung, Verknüpfung und Weiternutzung dieser Daten muss daher beim Individuum liegen. Gesetzliche Regelungen, wie das Recht auf Datenübertragbarkeit, sind erste Schritte in die richtige Richtung.

Es braucht darüber hinaus aber technische Infrastrukturen, die das Individuum im Zugang, in der Kontrolle und in der Nutzung seiner Daten über die Grenzen aller Unternehmen und Verwaltungen hinweg unterstützen. Es braucht offene Schnittstellen zu allen Systemen, die personenbezogene Daten führen, und gesicherte Datenzugriffsmechnismen auf Basis der digitalen Identität. Es braucht persönliche Datenkonten für die sichere Speicherung und öffentliche Datendrehscheiben für den vertrauenswürdigen Austausch der Daten zwischen Personen, Firmen und Verwaltung. Und es braucht die Vermittlung der technischen Kenntnisse und Fertigkeiten, damit die Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz ihre Daten wertschöpfend nutzen können. Kurz: Es braucht Datenkonten und Datenbildung für alle!

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