So reagiert die IT

Jetzt kommen die Corona-Apps für Unternehmen

Uhr | Aktualisiert
von Rodolphe Koller und Übersetzung: Oliver Schneider

Derzeit kommen mehrere Anwendungen auf den Markt, die eine kontinuierliche Beurteilung des Gesundheitszustands der Mitarbeiter ermöglichen. Das soll die Angestellten beruhigen und die Unternehmungsführung erleichtern. Diese Instrumente operieren auf heiklem Terrain und sollten nicht leichtfertig eingesetzt werden.

Die von PwC entwickelte Check-in-Lösung. (Source: PwC)
Die von PwC entwickelte Check-in-Lösung. (Source: PwC)

Beantworten Sie ein paar Fragen auf Ihrem Smartphone, und die App Ihres Unternehmens wird Ihnen sagen, ob es nicht besser wäre, im Homeoffice zu arbeiten – was vor ein paar Monaten noch seltsam klang, könnte bald normal sein. Mobile Anwendungen könnten bald von Unternehmen mit dem Ziel eingesetzt werden, den Mitarbeitern die Gewissheit zu geben, dass ihre Kollegen gesund sind, und zu verhindern, dass sich das Coronavirus in Büros ausbreitet.

In diesem Zusammenhang stellte die französische Bank Crédit Agricole vor kurzem ihren Plan für eine Rückkehr an den Arbeitsplatz vor. Eine mit dem IT-Dienstleister Onepoint zusammen entwickelte COPASS-Anwendung ermöglicht es den Mitarbeitern der Bank, ihre Gesundheit zu überwachen. Auf der Grundlage eines Fragebogens liefert die Anwendung dem Mitarbeiter einen QR-Code, dessen Farbe das vom Unternehmen festgelegte Vorgehen bestimmt: Homeoffice, alternative Arbeitszeiten, Screening-Test, oder anderes.

"COPASS wird eines der Instrumente sein, die zur wirtschaftlichen Erholung beitragen, indem es einem Unternehmen ermöglicht, seine Arbeitsorganisation unter Berücksichtigung der persönlichen Situation jedes einzelnen Mitarbeiters zu steuern, und so den Schutz der Mitarbeiter zu verbessern", erklärt Serge Magdeleine, Verantwortlicher für digitale Transformation und IT bei der Crédit-Agricole-Gruppe.

Die COPASS-App der Crédit Agricole. (Source: Crédit Agricole)

Auch in der Schweiz

Auch einige Schweizer Softwarehersteller beabsichtigen, diese neue - hoffentlich vorübergehende - Marktnische zu nutzen. Das Waadtländer Unternehmen Medikal Link Services, das auf Anwendungen für den Gesundheitssektor und insbesondere die häusliche Pflege spezialisiert ist, bietet seit Mitte April eine Lösung für Unternehmen an, die ihnen bei der Rückkehr zur Normalität helfen soll. Der Anbieter hat seine Web-Plattform so angepasst, dass Organisationen damit Informationen über den Gesundheitszustand ihrer Mitarbeiter sammeln können.

Täglich beantworten die Mitarbeiter einige Fragen zu ihrem Gesundheitszustand, basierend auf den Empfehlungen des BAG. Wenn sie kein Risiko darstellen, erhalten sie dann ein "Zertifikat über das Recht auf Arbeit" auf ihr Smartphone. "Die Anwendung garantiert Geschäftskontinuität nach dem Ende des Lockdowns, sichert die Mitarbeiter bei der Rückkehr an ihren Arbeitsplatz und demonstriert die Verantwortung der Arbeitgeber gegenüber ihren Mitarbeitern", sagt der Anbieter.

Das gleiche Bedürfnis gab auch dem Zürcher Start-up Beekeeper Impulse. Das Jungunternehmen erweiterte die Funktionalität seiner Collaboration-App, um Organisationen und ihren Mitarbeitern im Aussendienst bei der Bewältigung der Covid-19-Krise zu helfen.

Neben der Übermittlung von Ratschlägen und anderen Mitteilungen (Gesundheitsrichtlinien oder Änderungen der Arbeitszeiten) bietet das Krisen-Kit von Beekeeper Formulare, mit denen man sich über die Gesundheit der Beschäftigten erkundigen kann. Und das mit einigem Erfolg, denn das Unternehmen verzeichnet seit Beginn der Krise einen sprunghaften Anstieg seiner Nutzer in den Bereichen Gesundheit (+85 Prozent), Logistik (+56 Prozent) oder Bauwesen (+45 Prozent).

Die Work.com-Lösung verfügt jetzt über Funktionalitäten für die Personalverwaltung in der Krise. (Source: Salesforce)

Salesforce und PwC

Auch die grossen Hersteller sind aktiv. Salesforce stellte gerade eine Reihe spezieller Covid-Funktionen vor, die in seine HR-Lösung "Work.com" integriert sind. Das erweiterte Angebot umfasst ein Tool zur Orchestrierung der Rückkehr von Teams ins Büro und - was am wichtigsten ist - für die "Employee Wellness". Dabei handelt es sich um eine Lösung, mit der man Umfragen zum Gesundheitszustand der Mitarbeiter erstellen und diese Daten als Entscheidungshilfe für die Rückkehr an den Arbeitsplatz nutzen kann.

PwC entwickelte innerhalb weniger Wochen eine Check-in-Plattform. Die Lösung besteht aus zwei Komponenten: Einem System zur Verfolgung von Kontakten zwischen Mitarbeitern innerhalb des Büros und einer mobilen App zur Erfassung von Informationen über deren Gesundheitszustand. Die Daten über die Gesundheit und Bewegungen der Mitarbeiter sollen Organisationen in die Lage versetzen, potenzielle Probleme bei der Produktivität anzugehen, erklärt IDC in einem Bericht zur Initiative.

Schützen und/oder kontrollieren

Zusammen mit anderen Massnahmen sollen all diese Anwendungen eine reibungslose Rückkehr an den Arbeitsplatz ermöglichen. Sie zielen zum einen darauf ab, die Arbeitnehmer bezüglich ihrer Gesundheit und der ihrer Kollegen zu beruhigen. Zum anderen soll der Arbeitgeber in die Lage versetzt werden, die Rückkehr an den Arbeitsplatz besser zu organisieren.

Diese Ansätze werden jedoch nicht funktionieren oder sogar negative Auswirkungen haben, wenn die Mitarbeiter das Gefühl haben, dass sie überwacht werden. Organisationen müssen daher besonders transparent sein, was ihre Absichten (Schutz, Kapazitätsüberwachung, Produktivitätsmessung) betrifft und wie sie die erhobenen Informationen nutzen werden. So unterstreicht PwC die Notwendigkeit eines angemessenen Change Managements während der Umsetzung. Und die Crédit Agricole empfiehlt, dass die Nutzung ihrer App auf einem Vertrauenspakt zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmern und Gewerkschaften basieren sollte.

Ein heikles Terrain

Unabhängig von der Zustimmung der Mitarbeiter bewegen sich diese Anwendungen angesichts der extremen Sensibilität von Gesundheitsdaten auf einem risikoreichen Terrain. Sylvain Métille, ein auf Datenschutz spezialisierter Jurist, stellt mehrere Einschränkungen und Probleme bei diesen Instrumenten fest. Dazu gehören zum Beispiel die Legitimität und Verhältnismässigkeit der vom Arbeitgeber angeforderten Informationen im Hinblick auf ihr Ziel.

Skeptisch ist der Experte auch hinsichtlich der Anonymität der bereitgestellten Daten. Beispielsweise fragt die Lösung von Medikal Link nach der Telefonnummer des Mitarbeiters, und die PwC-App fordert den Mitarbeiter auf, Informationen über seine Geschäftsabteilung und die nächstgelegene Stadt anzugeben. Das macht es in einigen Fällen leicht, den betreffenden Mitarbeiter zu identifizieren.

Sylvain Métille äussert auch hinsichtlich der freien Zustimmung des Arbeitnehmers, die App nicht zu verwenden, einen Vorbehalt. Dies scheint unvereinbar mit der Tatsache zu sein, dass der Arbeitnehmer sein digitales Gesundheitszeugnis vorlegen muss, um das Recht auf Arbeit zu erhalten. "Angesichts dessen, was auf dem Spiel steht, ist die Freiheit der Zustimmung nicht gewährleistet. Es müsste dazu ein überwiegendes privates oder öffentliches Interesse bestehen", erklärt der Anwalt. "Ein öffentliches Interesse scheint schwer vorstellbar, da die Massnahmen in den Schutzkonzepten ausreichend sein sollten (abgesehen von einigen wenigen sehr speziellen Fällen)".

Sorgfalt, Transparenz und Partizipation

Man kann davon ausgehen, dass diese Anwendungen zur Bewertung von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit nicht leichtfertig eingesetzt werden dürfen. Transparenz und Sorgfalt sind dabei für Führungskräfte und IT-Manager wichtig, ebenso wie die Einbindung der Mitarbeiter - und die Gleichbehandlung derjenigen, die diese Anwendungen nicht wollen. Angesichts des derzeitigen Eiltempos sind diese Dinge nicht unbedingt einfach umzusetzen.

Andererseits, und vorausgesetzt, die Organisation gibt sich die Zeit und die Mittel dazu, könnten diese Werkzeuge eine Gelegenheit sein, mit einem offeneren Design zu experimentieren, bei dem die Mitarbeiter die für sie bestimmte Anwendung mitgestalten. Dies wäre auch eine Möglichkeit, weitere Positionen und Meinungen zu ethischen Fragen zu finden. "Die Kombination verschiedener Denkweisen und Perspektiven führt zu einer ausgewogeneren und massvolleren Art und Weise zu entscheiden, ob Daten gesammelt werden sollten, wie sie verwendet werden sollten und mit wem sie geteilt werden sollen", sagt Clougherty Jones, Senior Analyst bei Gartner.

Auf eine ähnliche Weise wie die Gesundheits-Apps sollen verschiedene Technologien dafür sorgen, dass Social Distancing auch am Arbeitsplatz respektiert wird. Lesen Sie hier mehr zum Thema.

Webcode
DPF8_178818

Kommentare

« Mehr