CVA-Präsident im Interview

Warum das Crypto Valley die Krise überstehen wird

Uhr | Aktualisiert

Die Coronakrise stellt auch die Kryptobranche vor neue Herausforderungen. Über die daraus entstehenden Chancen für Schweizer Unternehmen, den Handel von Kryptowährungen und die Zukunft des Finanzplatzes Schweiz spricht Daniel Haudenschild, Präsident der Crypto Valley Association, im Interview.

Daniel Haudenschild, CEO von Sibex & Präsident der Crypto Valley Association. (Source: zVg)
Daniel Haudenschild, CEO von Sibex & Präsident der Crypto Valley Association. (Source: zVg)

Sie sind jetzt seit über einem Jahr Präsident der Zuger Crypto ­Valley Association (CVA). Welche Projekte haben Sie in dieser Zeit bereits angegangen?

Daniel Haudenschild: Als wir die CVA nach dem ganzen Hype Cycle übernommen haben, war es für uns extrem wichtig, sie erst einmal in ruhiges Fahrwasser zu verlegen. Und dazu gehört auch, eine finanzielle Basis zu schaffen. Mit der letztjährigen Crypto Valley Conference in Zug machten wir einen relativ grossen Verlust. Die Konferenz war sehr gut besucht und organisiert, allerdings mit sehr hohen Kosten verbunden. Nach dem ICO-Hype im Krypto-Winter fliessen die Gelder nicht mehr so einfach. Dementsprechend haben wir begonnen, zu planen, wie wir die Crypto Valley Conference kostensenkend durchführen können.

 

Wie haben Sie das gemacht?

Wir haben die HSLU mit ihrem neuem Campus Zug-Rotkreuz als Konferenzort ins Visier genommen. Dadurch haben wir die geplanten Kosten von 1,2 Millionen runter auf 400 000 gebracht. Und das mit der ungefähr gleichen Anzahl von Mitpartizipenten, zirka 750. Die Planung liegt jetzt natürlich auf Eis.

 

Gab es weitere Herausforderungen?

Wir zogen unsere IT-Infrastruktur hoch. Wir sind eine Association, ein Netzwerk, an dem die Leute teilnehmen können. Dafür starteten wir mit Hivebrite eine neue Plattform. Die neue Website ist viel interaktiver, beinhaltet alle unsere Mitglieder und es gibt aktuelle Themen wie die Hilfe zur Coronavirus-Problematik. Wir sind mit dieser neuen Plattform glücklich. Das hat uns in dieser Coronazeit sehr geholfen, denn wir müssen uns auf die IT stützen, wenn wir keine Meet-ups haben. Die Working Groups, die Organe der Firma, funktionieren sehr gut und haben einen guten Output. Dieser Output beeinflusst die Ansichten von Regulatoren, nicht nur in der Schweiz, sondern auch international. Das trägt zum Fundament der Schweiz als Standort für die Kryptobranche bei.

 

Was macht die CVA aktuell?

Als Kryptounternehmen ist es immer schwierig. Wir haben 700 KMUs und Start-ups in unserem Bereich. Wir sind sehr besorgt, dass die Investoren nicht so schnell wieder in die Schweiz zurückkommen, wenn wir hier das Geld verheizen. Wir sehen, dass sich die Kryptobranche eher asychnron zum Finanzmarkt entwickelt und eigentlich ein Industriesegment ist, das wir in der Schweiz halten müssen. Es ist wichtig, dass diese KMUs Unterstützung bekommen. Damit sie nicht Leute entlassen müssen, weiter an ihren Projekten arbeiten können und das nicht unbedingt auf Kosten der Investoren. Deshalb sind wir mit dem Bund und den Kantonen, besonders Zug und Schwyz, intensiv im Gespräch, was wir noch machen können.

 

Vor ihrem Antritt gab es Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Crypto Valley Association, wie ist es heute?

Wir haben ein Crypto Valley übernommen, das sehr viel aus Hype bestand. Hype besteht immer aus 60 bis 70 Prozent gute Nachrichten und 20 bis 30 Prozent nicht so gute Nachrichten. Sobald wir einen guten Vorstand zusammengebracht haben und der ein bisschen in Lauftakt gekommen ist, gab es nichts mehr zu tun. Damit sind dann auch die Konflikte verschwunden. Wir haben auch keine Skandale gehabt. Es gab zwar Firmen, die an Skandalen beteiligt waren, aber gegen solche Mitglieder können wir uns eigentlich nur abgrenzen und sie von der Website herunternehmen. Wir sind ein offener Verband sind, wo wirklich jeder ein Mitglied werden kann.

 

Warum sollten Unternehmer heute der Crypto Valley Association beitreten?

Wir haben das älteste und stärkste Ökosystem in der Blockchain-Branche. Jeder ist seit 2011 irgendwann einmal über unsere Website gestolpert. Wir haben alle Akteure in einem System, wo man sie suchen und mit ihnen reden kann. Wenn in der Coronakrise der Kontakt zu Investoren eingeschränkt ist, dann gibt es hier die richtigen Mittel für Kryptofirmen in der Schweiz.

 

Wie steht es aktuell um die Schweizer Kryptoszene?

In der Schweiz ist ein Grossteil der Kryptobewegung Teil der finanziellen Infrastruktur. Wenn die Weltwirtschaft aufgrund des Coronavirus einbricht, sieht man es im Aktienmarkt, im Ölmarkt, in allen Märkten. Und auch im Bitcoin-Markt – aber auch die stärkste Erholung fand im Bitcoin-Markt statt. Wir sind an einem Wendepunkt, wo finanzielle Werte durch Kryptologie unterstützt werden und Vertrauen geschaffen wird. Klassische Werte sind eher unberechenbar im Gegensatz zur Kryptologie. Deshalb sollte die Schweiz in diesem Sektor mitmischen, denn wir waren schon in den letzten 700 Jahren gut im Bank- und Finanzwesen. In Zukunft wird der Privatbankier vielleicht nicht mehr mit dem Kunden Zigarre rauchen, sondern einen Doktor in Computer Science haben.

 

Also sehen Sie schon wieder optimistisch in die Zukunft?

Absolut. Es wird einfach anders sein. Wir werden nicht mehr frische Ananas aus Brasilien haben, weil es gefährlich ist und sich nicht auszahlt. Die Supplychain ist extrem betroffen. Aber es wird neue Supplychains geben, bei denen Herkunft eine Rolle spielen wird. Und das könnte auch gut für die Krypto-Branche sein.

 

Haben Sie den Einfluss der Coronakrise in der Krypto­Branche gespürt?

Wir spüren es natürlich, wie alle. Sehr viele Projekte stecken in der Fundraising-Phase. Wenn die Venture Capitalists die Gelder nicht mehr freimachen und viele Sektoren betroffen sind, dann könnten sich viele Investoren eine Pause nehmen, um zu schauen, wie sich das Ganze entwickelt. Im Gegenzug gibt es andere Auswirkungen. Man sieht zum Beispiel, wie Working-from-Home-Protokolle äusserst populär geworden und fast an der Überlastungsgrenze sind. Ich sehe von meinem Homeoffice aus fast nur Lieferwagen. Es hat sich wirklich etwas geändert.

 

Und was bedeutet das für Ihre Branche?

Die Krypto-Branche hat sich eigentlich recht gut unter den Umständen bewegt. Ich glaube, Krypto im Allgemeinen wird sich azyklisch bewegen und vielleicht einer von den ersten Sektoren sein, der sich erholt. Wir bei Sibex haben Büros in Hongkong und es ist alles halb so wild, wie es beschrieben wird. Die Märkte dort sind wieder voll und China wird einer der Ersten sein, die sich aus der Krise erholen. Asien macht 60 bis 70 Prozent vom Krypto-Markt aus.

 

Welche Auswirkungen hat das aktuell auf die Finanzierungslage?

Wir bei Sibex bewegen uns mit unserer dezentralen Infrastruktur für Trading sehr azyklisch. Mit unserer Handelsplattform können wir davon profitieren, wenn viele Leute vor dem Rechner sitzen. Ich glaube, dass niemand in seinem ganzen Leben so einen Einfluss gespürt hat, und das ist natürlich sehr beunruhigend. Aber wir sehen dezentrales Handeln von Wertgegenständen als einen zukünftigen Eckpfeiler im Finanzsystem. Die zentralisierten Akteure, auch im Kryptobereich wie Kraken, haben das erkannt und haben alle ihre eigenen dezentralen Projekte gestartet.

 

Was unterscheidet Sibex von anderen Plattformen?

Wir sind das einzige in Betrieb stehende System, wo man 100 Prozent dezentral Bitcoin miteinander austauschen kann. Hier haben wir einen technischen Vorsprung vor anderen Plattformen. Zudem sind wir von Anfang an eine institutionelle Plattform gewesen und unsere Investoren kommen aus der ganzen Welt.

 

Was ist aus den grossen Hype-Projekten der letzten drei Jahren wie Tezos geworden?

Ich bin kein grosser Fan von Hype, weil es extrem ablenkend ist. Ich bin eher begeistert, wenn ich Leute sehe, die bei Projekten einfach konsistent Jahr auf Jahr weiter abliefern. Es gibt immer diese Hypeschicht, aber im Endeffekt schaffen sie Arbeitsplätze und bringen das Thema voran. Es ist ein Teil der Evolution.

 

Sie gaben nach Ihrem Antritt als CVA-Präsident im Februar 2019 der Netzwoche ein Interview. Dort beklagten Sie, dass die Schweizer Blockchain-Szene in Fraktionen geteilt ist. Hat sich seitdem daran etwas geändert?

Es war zu diesem Zeitpunkt wirklich so. Jeder, der in der Schweiz über Blockchain spricht, bringt das Thema weiter. Aber wir haben noch keine Diplome, noch keine Swiss-ID auf Blockchain-Basis, noch keine Supply Chains. Und trotzdem unterteilen wir uns zwischen Zürich und Zug, zwischen Luzern und Genf – das ist ja Blödsinn.

 

Im selben Interview sagten Sie, dass die Schweizer Kryptoszene massiv unterfinanziert ist. Ist das immer noch so, und von welchen Beträgen sprechen wir hier?

Es gibt Fördergelder für Schweizer, die eine Idee haben. Die Lücke entsteht in der Seed-Finanzierung zwischen 500 000 und 2,5 Millionen Franken und in der Series-A-Finanzierung. Vor allem die Series A ist schwierig, dort fliesst das Geld fast immer über London oder Palo Alto und nicht über die Schweiz. Das Problem existiert immer noch, das wird nicht so schnell verschwinden. Wie viele Incubators gibt es in der Schweiz? Die guten Ideen kommen nicht immer von denjenigen, die das Business voranbringen können.

 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Saeed Amidi von Plug and Play baut Firmen und investiert in Tausende von Start-ups. Wir haben einfach nicht genug solche Akteure in der Schweiz. Das ist nicht nur Geld, sondern auch Know-how. Die Amerikaner erkennen viel besser, was ein Start-up hat und was es braucht, um eine erfolgreiche Firma zu werden. Das müssen wir in der Schweiz lernen. Aber es dauert Jahre bis wir Firmen wie Plug and Play hier aufsetzen. Die finanzielle Situation hat sich im letzten Jahr leicht verbessert, aber jetzt muss man die Entwicklung der Coronakrise abwarten.

 

Was muss sich in der Schweiz ändern?

Man kann in der Schweiz kein Unicorn-Produkt zustande bringen. Man muss hier immer einen internationalen Fokus haben und weltweit denken. Viele Schweizer Start-ups sind auch von internationalen Leuten betrieben. Deshalb muss man offen sein und kann nicht dem Virus die Grenzen schliessen. In diesem Fall es extrem wichtig, dass der durchschnittliche Schweizer Bürger, wie zum Beispiel meine Eltern im Appenzell, auch versteht, dass der internationale Einfluss von Leuten, die hier arbeiten, die Schweiz bereichert.

 

Ein anderes Thema ist Facebooks Kryptowährung Libra. Dort gab es zuletzt viele negative Nachrichten in Form von Firmen, die abgesprungen sind. Wie sehen Sie die Zukunft von Libra?

Ich finde es super, dass Libra in die Schweiz gekommen ist. Dass sich eine starke Firma mit so einer Reichweite entschlossen hat, eine Währung zu lancieren, und das mit Blockchain, ist ein riesiger Schritt vorwärts. Dadurch haben viele Leute das Thema zum ersten Mal ernst genommen. Eine Währung, die von einer einzelnen Firma kon­trolliert wird, könnte zu einer echten Gefahr für die nationalen Währungen werden. Das würde die Werkzeuge der Nationalbanken stark einschränken. Aber es sollte deshalb nicht zu einem regulatorischen Krieg kommen. Die Travel Rule der Financial Action Task Force gegen Geldwäsche, kurz FATF, zum Beispiel ist ein Einbremsmanöver. Das darf auf einem internationalen Geldmarkt eigentlich nicht mehr vorkommen. Finanzen sind wie Wasser, man kann sie nicht mit den Händen aufhalten.

 

Was wünschen Sie sich von den Schweizer Banken in Bezug auf die Kryptowährungen?

Die Schweizer Banken müssen entweder die Augen aufmachen und etwas unternehmen oder sie werden auf der Abfertigungsliste des Coronavirus landen. Wir sind jetzt in einem Negativzinsumfeld und es stellt sich die Frage, wo man sein Geld investiert. Kryptoanlagen sind schneller, anonymer und ich kann mein Geld damit immer bei mir haben. Wenn die Banken nicht die nötige Infrastruktur bauen, um ihren Kunden Digitalwährungen anzubieten, dann werden sie diese Kunden verlieren. Ich habe beim Krypto-Dollar keinen Geldverlust und keinen Negativzinssatz. Das muss man sich wirklich überlegen: Haben die grossen Banken mehr als einen Proof of Concept gemacht? Nicht, dass ich wüsste. Kann ich ein Kryptowährungskonto bei der Credit Suisse oder UBS haben? Nein, noch nicht. Bei anderen Banken kann ich das.

 

Als sie Swisscom Blockchain im Januar 2019 verliessen, wurde in der Schweizer Presse von "The Wolf of Müllerstrasse" geschrieben. Was halten sie von diesem Spitznamen?

Das war ein Scherz von einem meiner Co-Funders. Wir haben den Film The Wolf of Wall Street (2013) komisch gefunden und als Nebenprodukt ist ein Video entstanden. Natürlich war es nicht optimal, dass es weitergeleitet wurde. Das Video war für uns intern gedacht und nicht für die ganze Welt.

 

Wie blicken Sie auf ihre Zeit bei Swisscom Blockchain zurück?

In einer bodenständigen Firma wie der Swisscom ist das Thema Blockchain immer an der Grenze der Machbarkeit gewesen. Wir haben dort gute Arbeit geleistet und Swisscom Blockchain macht heute noch gute Projekte. Wir brauchen mehr solche Unternehmen. Wir sehen 2020 als Jahr der Infrastruktur für die Krypto-Branche, damit danach die grosse Adaption kommen kann.

 

Was sind die nächsten Herausforderungen für Sie?

Auf der Sibex-Seite sind wir sehr gut unterwegs. Wir wollen in den Derivate-Bereich hinein, weil wir Stable Currencys als Zukunft sehen. Und wir wollen den EFX-Handel auf unserer Plattform ermöglichen. Das ist eine technische Herausforderung für uns.

 

Zur Person

Daniel Haudenschild ist seit dem 1. Februar 2019 Präsident der Zuger Crypto Valley Association (CVA). Die CVA wurde nach eigenen Angaben im Januar 2017 gegründet, um als Non-Profit-Organisation die Entwicklung des Crypto Valley zum Ökosystem für Kryptotechnologien und -unternehmen zu koordinieren. Zudem ist Haudenschild seit Februar 2019 CEO der Peer-to-Peer-Krypto-Handelsplattform Sibex.

Webcode
DPF8_180434

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