Interview mit Michaela Gasser

Warum die neue CEO von Adesso Schweiz auf Vertrauen und Integrität setzt

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Michaela Gasser steht seit Anfang 2026 an der Spitze von Adesso Schweiz. Im Interview spricht sie über ihre ersten ­Wochen als frischgebackene CEO, ihre Ziele für das Unternehmen und welche Rolle KI dabei spielt.

Michaela Gasser, CEO, Adesso Schweiz. (Source: zVg)
Michaela Gasser, CEO, Adesso Schweiz. (Source: zVg)

Sie sind seit Anfang des Jahres CEO bei Adesso Schweiz. Was hat Sie in diesen ersten Monaten am meisten überrascht?

Michaela Gasser: Tatsächlich hatte ich gleich am ersten Tag zwei grössere Herausforderungen auf dem Tisch, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Trotzdem war es nicht komplett neu für mich, "in charge" zu sein, da ich das Jahr zuvor bereits mit meinem Vorgänger Hansjörg Süess mitgelaufen bin und mich gut vorbereiten konnte. Der grösste Unterschied ist wohl der Perspektivenwechsel: Als CEO spüre ich jetzt die volle Wirkung meiner Rolle. Jede Tätigkeit und jede Aussage beeinflussen die Firmenkultur stärker, als ich es vorher erlebt habe. Ich bin jemand, der das Herz auf der Zunge trägt, und muss jetzt manchmal überlegen, wie ich etwas sage – die Wirkung meiner Worte ist einfach grösser. Überrascht hat mich auch, wie stark die eigene Haltung multipliziert wird: Jede Entscheidung und jede Priorisierung sendet Signale in der Organisation. Gleichzeitig hat mich das Vertrauen und die Offenheit der Mitarbeitenden extrem gefreut. Besonders berührt hat mich die Rückmeldung einer Mitarbeiterin, die sagte, sie und ihre Kolleginnen seien stolz, in einem Unternehmen zu arbeiten, das von einer weiblichen CEO geführt wird. Das realisiere ich erst jetzt wirklich und es motiviert mich zusätzlich. Die ersten zwei Monate waren intensiv, aber auch sehr spannend und bereichernd.

Wie hat sich denn die Dynamik zwischen Ihnen und Ihren Mitarbeitenden verändert, seit Sie CEO sind?

Mit jeder Führungsstufe wird es ein Stück weit einsamer – das habe ich schon in der Geschäftsleitung gespürt. Trotzdem bin ich immer noch die Gleiche und möchte ansprechbar sein. Mir ist es wichtig, den Kontakt zur Basis nicht zu verlieren und die Stimmung so gut es geht direkt mitzubekommen, statt nur gefiltert über das Executive Board. Mir ist aber bewusst, dass das nicht immer möglich ist. Glücklicherweise habe ich enge Vertraute, die mir offen und auch kritisch Feedback geben. Diese Kultur der Offenheit ist entscheidend, damit ich relevante Themen frühzeitig erfasse und handeln kann. Bei 500 Mitarbeitenden ist es mit etwas Mühe nämlich durchaus noch möglich, nahe an der Basis zu bleiben.

Was hat Sie in die IT-Branche geführt?

Ich habe in Augsburg Wirtschaftswissenschaften studiert, und Java-Programmierung gehörte im Grundstudium zu den Pflichtfächern. So kam ich zum ersten Mal mit der IT in Berührung. Meine Schwerpunkte legte ich im Hauptstudium aber auf Personalmanagement, Arbeitspsychologie sowie Produktion und Logistik, was auch sehr IT-lastig war. Und dann kam ein Jobangebot aus Zürich von einem IT-Personalvermittler – meinem Einstiegsjob in die IT-Branche. Zwei Jahre später wechselte ich zu Born Informatik, der heutigen Adesso, und fand hier irgendwie mein "Zuhause". Über die Jahre habe ich meine Leidenschaft für diese Branche behalten, da sie einfach immer in Bewegung ist und deshalb nie langweilig wird. Ich habe die IT-Branche also ursprünglich nicht gesucht, aber ich bin gekommen und geblieben.

Was war Ihre erste Entscheidung als frischgebackene CEO, bei der Sie gespürt haben: Jetzt prägt meine Handschrift dieses Unternehmen?

Meine erste prägende Entscheidung als CEO war die Neuausrichtung der Targets der Geschäftsleitung. Früher waren die Ziele stark Unit-getrieben, jetzt haben wir sie auf übergreifende, industrie- und branchenspezifische Ziele ausgerichtet. Damit wollen wir die Zusammenarbeit innerhalb der Adesso Group stärken und sicherstellen, dass die Kundenbedürfnisse im Vordergrund stehen – unabhängig davon, aus welcher Einheit die Leistungen kommen. Ich bin überzeugt, dass dies der grösste Hebel ist, um Wachstum zu fördern und Diskussionen wie "mein Kunde, dein Kunde" zu vermeiden. Gleichzeitig haben wir die interne Eventkultur überdacht und auf die Grösse und Bedürfnisse der Firma angepasst, um gemeinsame Erlebnisse zu schaffen, die das Team verbinden.

Welche menschliche Eigenschaft ist für Sie in einer Führungsrolle am wichtigsten, und wie zeigen Sie diese konkret im Alltag?

Integrität ist für mich die Grundlage wirksamer Führung. Vertrauen und Empathie bilden dabei zentrale Pfeiler. Nur in einem Umfeld, das von Vertrauen geprägt ist, entstehen echtes Commitment, Offenheit und nachhaltige Leistung. Integrität bedeutet für mich, Werte nicht nur zu formulieren, sondern sie konsequent vorzuleben – gerade dann, wenn Entscheidungen anspruchsvoll oder unbequem sind. Ein ausgeprägter Sinn für Fairness gehört für mich ebenso dazu. Erfolge sollten dort sichtbar werden, wo sie erarbeitet wurden. Führung heisst nicht, selbst im Rampenlicht zu stehen, sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Teams ihr Potenzial entfalten können. Bei Projekterfolgen gebe ich daher bewusst jenen die Bühne, die mit ihrem Einsatz und ihrer Kompetenz massgeblich zum Ergebnis beigetragen haben.

Sie folgen bei Adesso Schweiz einer langjährigen Führungs­persönlichkeit. Was wollen Sie bewusst anders machen als Ihr Vorgänger Hansjörg Süess?

Wir ticken in ganz vielen Punkten sehr ähnlich. Aber ich glaube, Hansjörg ist noch ein bisschen zahlengetriebener als ich. Ich bin zwar als Wirtschaftswissenschaftlerin ebenfalls bei den Zahlen zuhause, aber eben nicht nur. Mir ist auch wichtig, den Mitarbeitenden einen Purpose zu geben, gerade auch jungen Leuten: Was treibt sie an, was motiviert sie, wenn sie am Morgen aufstehen – ein reines Umsatzziel vermutlich weniger. Heute braucht es da etwas mehr Inhalt und Perspektive, um gerade auch die Gen Z zu gewinnen und zu halten. Mitarbeitenden sind heute Sinn, Kultur und Zugehörigkeit oft wichtiger als reine Lohnerhöhungen. Wer sich nicht wohlfühlt oder keine Sinnhaftigkeit in der eigenen Arbeit sieht, bleibt langfristig auch nicht – gerade bei Projekten, die nicht immer "sexy" sind. Deshalb wollen wir unsere Mission klarer formulieren und stärker in die Strategie integrieren. Vieles davon ist bereits in unserer Kultur und Geschichte verankert – Vertrauenskultur, Wertschätzung, Gemeinschaft, etwa auch durch unsere Eventkultur. Durch das starke Wachstum wurde das jedoch teilweise etwas verwässert oder ist für neue Mitarbeitende nicht mehr greifbar genug. Unser Ziel ist es, diesen Kern wieder sichtbarer zu machen und bewusst zu stärken, damit alle spüren: Hier bin ich am richtigen Ort.

Im gemeinsamen Interview mit Hansjörg Süess im vergangenen August sprachen Sie von drei konkreten Zielen für Ihre ­ersten 12 bis 18 Monate als Adesso-CEO. Haben sich diese seither verändert? Was ist Ihr absolutes Top-Ziel für dieses Jahr für das Unternehmen? 

An den drei strategischen Zielen hat sich im Kern nichts geändert: fokussiertes Wachstum mit Profitabilität, eine klare Positionierung im Schweizer Markt und operative Exzellenz. Entscheidend ist, dass wir echten Mehrwert schaffen und als starker, klar profilierter Partner wahrgenommen werden – nicht als "Gemischtwarenladen", sondern mit erkennbarem Fokus. Verändert hat sich vor allem die Geschwindigkeit. Die Marktdynamik, insbesondere rund um KI und regulatorische Anforderungen, ist deutlich gestiegen. Nachdem wir stark in KI investiert haben, geht es nun darum, diese Investitionen in konkrete, skalierbare Projekte zu überführen. Unser Ziel ist Wachstum – aber so, dass Qualität, Governance und Lieferfähigkeit jederzeit auf höchstem Niveau bleiben. Nachhaltigkeit geht vor kurzfristigen Opportunitäten.

Wo spüren Sie bei Ihren Kunden derzeit den grössten Druck?

Der Druck entsteht vor allem durch Kostensenkungsziele und den Anspruch, die Effizienz zu steigern – bei gleichzeitig ernüchternden Fortschritten im KI-Einsatz. Viele Unternehmen befinden sich noch im Experimentiermodus und setzen KI vor allem als Tool auf bestehende Prozesse auf. Das bringt zwar inkrementelle Verbesserungen, schöpft das Potenzial jedoch nicht aus. Der entscheidende Hebel liegt im strukturellen Neudenken von Prozessen: KI sollte nicht nur einzelne Schritte optimieren, sondern ganze Abläufe hinterfragen und gegebenenfalls deutlich verschlanken. Wir unterstützen unsere Kunden dabei, diesen Wandel umzusetzen, indem wir IT agiler, resilienter und zukunftsfähiger machen. Entscheidend ist dabei der konkrete Nutzen: Effizienzsteigerung, verbesserte Prozesse und messbarer Erfolg für den Kunden – nicht nur Anpassungen an den Systemen. Erst durch dieses konsequente Redesign werden nachhaltige Effizienzgewinne möglich.

Wo würden Sie als CEO bewusst Nein sagen, auch wenn der Markt oder Kunden vielleicht in eine andere Richtung drängen? 

Grundsätzlich sage ich bei Projekten ohne nachhaltige Wertschöpfung klar Nein – ebenso bei reinen Trendthemen ohne Business-Fundament. Wir rennen nicht jedem kurzfristigen Hype hinterher. Und wir gehen auch keine Kompromisse ein, die zulasten von Compliance, Qualität oder Ethik gehen. Bei Adesso gilt: Können wir ein Projekt nicht mit unserer grundsätzlichen Haltung vereinbaren, sehen keinen klaren Kundennutzen oder keinen echten Erfolg, nehmen wir Abstand davon. Entscheidend ist, dass am Ende des Tages irgendwo ein Mehrwert entsteht. Und wenn wir dann etwas machen, machen wir es richtig und nachhaltig.

Wie stellen Sie sicher, dass Governance-Regeln bei Adesso Schweiz nicht nur auf dem Papier existieren, sondern im Alltag wirklich gelebt werden?

Governance funktioniert nur, wenn sie Teil der Kultur ist, nicht nur Teil eines Handbuchs. Bei uns bedeutet das klare Verantwortlichkeiten, transparente Entscheidungsprozesse, messbare KPIs und regelmässige Reviews auf Management- und Projektebene nach ISO-Standard. Ganz entscheidend ist dabei, dass Führungskräfte als Vorbilder vorangehen: Wenn sie Governance ernst nehmen, tut es die gesamte Organisation ebenfalls. Konkret setzen wir Governance im Engineering-Ansatz um, etwa durch verpflichtende Architektur-Reviews als Quality Gates, Security-by-Design-Prinzipien, dokumentierte Entscheidungsmodelle und transparente Eskalationsmechanismen. Damit Governance wirklich wirkt, verankern wir sie nicht nur in Policies, sondern auch messbar in KPIs.

Welche Technologie wird Ihrer Meinung nach im Schweizer Markt derzeit überschätzt? 

Überschätzt wird meiner Meinung nach oft generative KI als Plug-and-Play-Lösung. Viele glauben, man könne die Technologie einfach integrieren und dann läufts. Doch es geht halt nicht einfach so per Knopfdruck, GenAI einzusetzen. In der Praxis unterschätzen viele den Aufwand und die Komplexität: Datenqualität, Systemintegration und Change-Management sind entscheidend. Letztlich bleiben es nämlich Menschen, welche die Prozesse umsetzen und kontrollieren müssen. Viele Kunden sind daher enttäuscht, weil die erhoffte Kosteneffizienz einfach noch nicht erreicht wird.

Und was wird eher unterschätzt?

Eher unterschätzt wird die Bedeutung von Datenqualität und Datenarchitektur – die Basis für jede KI-Lösung. Viele denken nicht daran, dass saubere Daten nötig sind, um KI überhaupt sinnvoll einsetzen zu können. Ohne eine solide Datenbasis und klare Datenschutzregelungen funktionieren Projekte nicht. Auch wenn man modernste Technologien hat, braucht es oft viel Aufhol- und Aufräumarbeit, bevor man KI-Lösungen produktiv nutzen kann. Ohne diese Grundlagen bleibt jede KI-Initiative Stückwerk.

Wie arbeitet Adesso Schweiz intern mit KI, und wo sehen Sie dabei den grössten Mehrwert für Mitarbeitende und Prozesse? 

Wir setzen KI vor allem in der Softwareentwicklung ein, wo Agenten mittlerweile feste Bestandteile der Teams sind. KI kommt auch im Proposal Management, im Wissensmanagement, beim Screening von Ausschreibungsplattformen und im HR zum Einsatz. Wir nutzen KI bei Alltagsaufgaben wie der Kandidatenevaluierung, dem Sortieren von E-Mails und Aufgaben, der Protokollerstellung oder der Erstellung von To-do-Listen. Dabei setzen wir die Technologie gezielt ein, um Mitarbeitende zu entlasten und administrative Aufgaben zu automatisieren. Einen Schwerpunkt legen wir zudem auf Schulungen: Mit rund 400 internen Kursen wollen wir das Bewusstsein schärfen, wie Mitarbeitende KI produktiv nutzen können. In der Softwareentwicklung pushen wir aktuell das Thema Vibe-Coding sehr stark. 

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Den grössten Hebel haben wir sicher im Proposal-Team erfahren. Mithilfe einer eigenentwickelten KI-Lösung werden unsere Angebote und Referenzen systematisch überprüft. Sie identifiziert unklare Formulierungen, weist auf potenzielle Punktverluste in der Bewertung hin und stellt sicher, dass sämtliche Kriterien vollständig adressiert sowie die relevanten Keywords sauber integriert sind. Während früher auch mit einer 90-prozentigen Offerte ein Zuschlag realistisch war, ist das Qualitätsniveau mittlerweile bei allen Anbietern deutlich gestiegen. Darüber hinaus analysiert unsere KI täglich die öffentlichen Ausschreibungsplattformen. Das spart uns rund anderthalb Stunden Arbeitszeit pro Tag und gibt gleichzeitig die Sicherheit, keine relevante Ausschreibung zu verpassen. In diesem Bereich arbeitet die KI inzwischen noch gründlicher und konsistenter als eine manuelle Prüfung.

KI verändert die Anforderungen an Daten, Rechenleistung und Infrastruktur massiv. Welche neuen Angebote oder Kompetenzen will Adesso Schweiz deshalb gezielt ausbauen?

Ganz neue Angebote entstehen weniger. Vielmehr möchten wir bestehende Kompetenzen gezielt ausbauen. Dazu gehören unter anderem KI-Engineering und Data-Governance-Frameworks sowie flexible, cloudnative Architekturansätze. Die Architekturen müssen so gestaltet sein, dass sie leistungsfähig, anpassbar und langfristig tragfähig sind – nicht nur für heute, sondern für die nächsten acht bis zehn Jahre. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass wir Prozesse grundsätzlich neu denken und auf KI ausrichten sollten. Das haben bislang nur wenige Unternehmen gemacht und genau darin liegt die nächste Stufe, bei der wir als Partner beratend tätig sein müssen. Deshalb ist es entscheidend, dass wir Branchen verstehen und die Geschäftsprozesse kennen. Was wir aber vor allem merken: Viele Unternehmen setzen zahlreiche KI-Tools ein, lassen die Prozesse dahinter aber unverändert. Man baut KI in bestehende Abläufe ein, ohne wirklich zu hinterfragen, ob es Schritt drei oder vier überhaupt noch braucht. Und genau hier braucht es einen klaren Perspektivenwechsel. Wir sprechen hier von einer strukturellen Transformation – im Entwicklungsprozess, im Betriebsmodell und letztlich auch beim Kunden selbst. Unsere Rolle sehen wir darin, diese Veränderung nicht nur strategisch zu begleiten, sondern auch konkret umzusetzen. 

Im Interview im August 2025 sprachen Sie davon, dass die Adesso Group beim Thema digitale Souveränität eine Führungsrolle anstrebt. Was bedeutet das konkret für Adesso Schweiz?

Digitale Souveränität ist für uns kein politisches Schlagwort, sondern ein zentrales Architekturprinzip moderner IT-Strategien. Es geht darum, Unternehmen handlungsfähig zu halten, sie unabhängig zu machen und ihnen die Möglichkeit zu geben, jederzeit Lieferanten wechseln zu können, ohne in Abhängigkeiten zu geraten. Adesso Schweiz verfolgt dabei die gleiche Führungsrolle wie die Gruppe. Wenn sich ein Unternehmen mit diesem Thema auseinandersetzt, ist es unser Anspruch, dass dann klar ist, dass es bei Adesso vorbeikommt, weil es uns als führenden Anbieter für digitale Souveränität wahrnimmt. Und das nicht nur technologisch, sondern auch, weil wir das Business verstehen und genau wissen, mit welchen Herausforderungen unsere Kunden konfrontiert sind. Ein Schwerpunkt liegt auf Multi-Cloud-Strategien mit Exit-Fähigkeit, transparenten Datenflüssen und vertrauenswürdigen Cloud-Optionen, um strategische Lock-in-Risiken zu minimieren. Am Ende geht es um Entscheidungsfreiheit – technisch wie regulatorisch – und darum, langfristig resiliente und zukunftsfähige Systemlandschaften aufzubauen.

Frauen an der Spitze eines IT-Unternehmens sind leider immer noch selten. Welche Hürden oder auch Chancen nehmen Sie als Frau in einer solchen Position besonders wahr?

Ich habe persönlich tatsächlich kaum Hürden gespürt – und darüber bin ich sehr froh. Ich weiss von anderen Frauen, dass nicht immer alles einfach war, aber ich habe mich in den letzten 25 Jahren nie unwohl gefühlt, auch nicht als einzige Frau in der Geschäftsleitung. Vielleicht liegt das an meiner positiven Grundhaltung: Ich habe Kolleginnen und Kollegen immer als Peers gesehen – unabhängig vom Geschlecht – und nie nach Unterschieden gesucht. Und sollte ich bei Adesso Differenzierungen wahrnehmen, würde ich das selbstverständlich nicht akzeptieren. Ich selbst habe nie geschlechterspezifische Auseinandersetzungen erlebt. Und dass es immer noch nicht selbstverständlich ist, als Frau die Verantwortung für ein so grosses IT-Unternehmen übernehmen zu dürfen, das realisiere ich erst jetzt nach und nach. Genau darin sehe ich die Chance: als Role Model zu zeigen, dass es keine geschlechterspezifischen Grenzen gibt – am Ende zählt der Mensch, der führt. Wenn ich damit andere Frauen ermutigen kann, selbstsicherer und mutiger zu sein, dann bin ich schon sehr glücklich.

Wenn Sie heute auf Ihre Karriere zurückblicken: Welche Erkenntnisse möchten Sie besonders jungen Frauen mitgeben, die eine Karriere in der IT-Branche anstreben?

Flexibel bleiben und Geduld haben. Viele junge Frauen starten mit klaren Karrierevorstellungen, verlieren dabei aber manchmal die Lockerheit und setzen sich selbst unter Druck. Mir hat geholfen, dass ich mich immer als Unternehmerin verstanden habe – nie nur als Angestellte – und mich darauf konzentriert habe, Leistung zu erbringen. Karriere entsteht nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt, auch indem man eine Rolle voll ausfüllt, bevor man den nächsten Schritt geht. Netzwerke sind zudem sehr wertvoll – unabhängig vom Geschlecht. Doch gerade auch explizite Frauennetzwerke in der IT erlebe ich als sehr unterstützend und wohlwollend. Mein Rat: ambitioniert bleiben, Leistung bringen, Geduld haben und die Freude an der Arbeit nicht verlieren.


Zur Person
Michaela Gasser ist seit ­Januar 2026 CEO von ­Adesso Schweiz. Sie startete ihre IT-Karriere vor über 20 Jahren und ist seit 2015 bei Adesso Schweiz tätig, unter anderem als Verantwortliche für die Branche Transport & Logistik, als Chief Sales ­Officer und als Deputy CEO. Michaela Gasser verfügt über einen Master of Science in Betriebswirtschaft der Universität Augsburg (DE). Sie ist verheiratet, Mutter von drei Söhnen und lebt im Raum Bern.
Quelle: Adesso

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