Interview mit Markus Kaufmann, Abraxas Informatik

"Die Netzwoche war Kondensationspunkt der 'Vaporware' der New Economy"

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Markus Kaufmann, der heute Leiter Kommunikation und Marketing von Abraxas Informatik ist, befasst sich seit 1998 ­professionell mit ICT. Seine Sicht auf 20 Jahre Netzwoche und die ICT-Branche im Interview.

Markus Kaufmann, der heute Leiter Kommunikation und Marketing von Abraxas Informatik. (Source: zVg)
Markus Kaufmann, der heute Leiter Kommunikation und Marketing von Abraxas Informatik. (Source: zVg)

Wie haben Sie die Entwicklung der ICT-Branche in den vergangenen 20 Jahren erlebt?

Markus Kaufmann: Die ICT war früher eine Domäne ausschliesslich für Mathematiker, Naturwissenschaftler und Ingenieure. Das änderte sich ab 2000, nachdem seit Mitte der 1990er-Jahre mit den Zeiten der "New Economy" immer mehr junge Internetfirmen mit teils fantastischen Ideen – von nerdig bis ulkig – angetreten waren, die Welt zu verändern. Nicht nur wegen des Y2K-Bugs war die Jahrtausendwende für die ICT-Branche so etwas wie der Urknall für ihre Strahlkraft. Damals wurde die ICT erstmals in der Öffentlichkeit und auch in der Wirtschaftswelt so richtig wahrgenommen. Plötzlich interessierten sich Betriebswirtschafter, Finanzer und Analysten und auch viele Fantasten für ICT. Als die Dotcom-Blase dann platzte, machten sich die übriggebliebenen New-Economy-Unternehmen daran, zu beweisen, dass sie mehr als "Vaporware" produzierten, also mehr als Dampfplauderer waren – was einigen auch gelang.

Was waren für Sie Highlights und prägende Ereignisse in der ICT der vergangenen 20 Jahre?

Das Platzen der Dotcom-Blase war sehr einschneidend. Zudem glaube ich, dass die Zerschlagung der Monopolistin PTT 1998 in Post und Swisscom ein prägender Faktor für den ICT-Boom in der Schweiz war. Zusammen mit der Liberalisierung des Telekommarktes trieb dies die rasante Entwicklung der Schweizer Datennetze und der Mobilität, die mit der Erfindung des Smartphones endgültig viel Fahrt aufnahm. Dadurch beschleunigte sich die Informatisierung massiv, die ja bereits in den 1950er-Jahren begonnen hatte. Die seither fortschreitende Digitalisierung von Informationsverarbeitung, Geschäftsprozessen, Cloud, XaaS und die Interoperabilität haben die ICT ebenfalls stark geprägt. Heute durchdringt ICT die gesamte Wirtschaft und Gesellschaft.

Wie haben Sie die Lancierung der Netzwoche im Jahr 2000 erlebt?

Netzwoche-Verleger Heinrich Meyer und ich kennen uns seit unserer gemeinsamen Zürcher Studienzeit in den späten 1980er-Jahren. So verfolgte ich auch die Geschichte der Netzwoche von Beginn an. Ich sah es als mutigen Schritt an, als Heinrich mit seinen ehemaligen Compagnons Thomas Brenzikofer und Matthias Zehnder die Netzwoche lancierten (siehe Interview mit Heinrich Meyer, Seite 16, Anm. d. Red.). Schon damals tummelten sich in einer sehr lebendigen ICT-Medien-Szene nicht zu wenige Mitbewerber. Zu Beginn erschien mir die Netzwoche so wie ein Kondensa­tionspunkt für all die "Vaporware" der New Economy. An ihrem Anfang besetzte sie diese Nische erfolgreich. Die Netzwoche positionierte sich damals aber schon als Publikation, die primär die Anforderungen des Business an die Technologie thematisierte und nicht umgekehrt.

Was denken Sie über die Entwicklung der Netzwoche seit ihrer Gründung?

In der Netzwoche ging und geht es um die Schweizer ICT-Branche aus einer Business-Sicht, also mehr um Fachlichkeit und unternehmerische Sicht auf IT-Themen, statt um den "deep dive" in die Technologie. Die Netzwoche hat sich zu einer Konstante entwickelt und ihre Eigenständigkeit bewahrt. Sie hat auch einen anderen publizistisch-handwerklichen Anspruch in eine vormals eher hemdsärmelige Branche gebracht. Damit spricht die Netzwoche Entscheider in den Unternehmen an. Und die Netzwoche hat den Beweis auch erbracht, dass ihr Geschäftsmodell funktioniert. "Chapeau!"

Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung der ICT-Branche?

Die Konsumerisierung wird weiter massiv zunehmen, auch dank IoT und AI. Anwendungen im Business-Kontext werden ebenso "tubelisicher" werden (müssen) wie Applikationen für den privaten Gebrauch. Warum sollte es auch anders sein? Zudem ist es bald wieder an der Zeit für den nächsten "Big Bang"-Effekt wie jenen, den das iPhone damals auslöste. Ich erwarte eine Innovation mit einer solchen Wirkung in den nächsten drei bis vier Jahren. Gut möglich, dass ein von der Coronakrise befeuerter Digitalisierungs-Boost über kurz oder lang solche Neuerungen hervorbringt.

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