Wild Card von Rino Borini

Open-Banking - eine Frage der Vorstellungskraft

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Die Zinsdifferenz zwischen ausgeliehenen und erhaltenen Geldern ist so tief wie nie. Die Margen im Anlagegeschäft sind unter Druck. Daher müssen Banken ihre Einnahmequellen diversifizieren und in neue Ertragsmodelle investieren. Open Banking ist der Schlüssel dazu.

(Source: Barbara Hess - pictura.ch)
(Source: Barbara Hess - pictura.ch)

Spätestens seit der Einführung der zweiten EU-Zahlungsdienste­richtlinie PSD2 im September 2019 ist das Thema Open Banking in aller Munde. Dabei geht es um eine signifikante Veränderung mit dem Umgang von Kundendaten und Vertriebsschnittstellen. Der offene Zugang zu Kunden- und Transaktionsdaten für dritte Parteien läutet damit einen unaufhaltsamen Paradigmenwechsel ein.

Die Öffnung der Kundenschnittstelle bietet neue Möglichkeiten für Innovationen, Erträge und Wertschöpfung. Und es geht viel weiter als nur eine Multibanking-Lösung, also die Aggregation von mehreren Bankbeziehungen auf einer Plattform oder die Verbindung eines KMU-Bankkontos mit einem Online-Buchhaltungssystem. Das sind erste Anwendungsfälle am Fus­se der digitalen Transformation. Open Banking bietet weit mehr Möglichkeiten.

Anwendungsfälle à gogo

Stellen Sie sich vor, Sie stehen im Supermarkt an der Self-Checkout-Kasse und können nicht bezahlen. Der Grund: Die Weinflasche im Warenkorb verlangt eine Altersprüfung durch das Aufsichtspersonal. Wie wäre es, wenn die Altersprüfung automatisch beim Bezahlvorgang mit Twint oder der Debitkarte erfolgt? Sprich, Sie scannen alle Produkte inklusive Weinflasche und die Altersprüfung erfolgt automatisch beim Bezahlvorgang. Denn Altersinformationen können Banken mittels einer Schnittstelle direkt an die Händler weitergeben.

Oder wie jedes Jahr erfassen Sie für die Steuererklärung ihre diversen Bank- und Wertpapierpositionen. Stellen Sie sich vor, dass per Knopfdruck alle Informationen von den verschiedenen Finanzdienstleistern in Ihre Steuererklärung eingelesen werden, inklusive beispielsweise bezahlte Hypothekarzinsen oder Spendengelder. Banken können eine Schnittstelle mit Konto- und Depotinformationen den verschiedenen Steuererklärungssoftwares zur Verfügung stellen.

Ein anderes Beispiel: Regelmässig kaufen Sie online ein. In der Regel belasten Sie Ihre Kreditkarte. Wie wäre es, anstatt Ihre Kreditkarte zu zücken, direkt über eine gesicherte Verbindung Ihr Bankkonto zu belasten? Und was wäre, wenn Ihre Banking-App Ihnen vorausschauende Tipps rund um Ihre Finanzen schickt? Dazu haben Sie Ihre Banking-App autorisiert, auf alle anderen Finanzinstitute zugreifen zu können. Dank intelligenter Algorithmen liefert Ihnen nun die App vorausschauende Empfehlungen für Ihre Finanz- und Budgetplanung. Per Push sagt Ihnen die App, ob sie beispielsweise gerade zu viel Geld ausgeben und möglicherweise Ihren Zahlungsverpflichtungen Ende des Monats nicht nachkommen können, oder die App teilt Ihnen mit, dass auf einem Ihrer Bankkontos ein regelmässiger Zahlungseingang nicht erfolgte.

Echte Kundenzentrierung

Open-Banking bedeutet also eine 360-Grad-Sicht auf den Kunden. Es geht darum, an jedem denkbaren Accesspoint mit jeder Interaktion in jedem Lebensumfeld Produkte und Services zu entwickeln, die ein Kundenproblem lösen und eine Kundenbegeisterung auslösen. Die Technologie wandert in den Hintergrund. Das Zauberwort dafür heisst Shy-Tech.

Die Zukunft gehört denjenigen Finanzinstituten, die kundenzentriert und datenbasiert handeln und an einem offenen Ökosystem partizipieren. Die grosse Herausforderung liegt in unseren Köpfen: Auswirkungen von Technologien werden nämlich kurzfristig überschätzt, aber langfristig unterschätzt. Kluge Finanzinstitute ergreifen daher jetzt die Initiative und stellen die strategischen Weichen für den Transformationsprozess - vorausschauend.

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