"Metacrimes"

Wie Interpol Kriminalität im Metaverse bekämpfen will

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von Tanja Mettauer und msc

Cybergauner treiben überall ihr Unwesen – auch im Metaverse. Interpol hat die zunehmende Kriminalität im Metaverse untersucht und zeigt auf, wo die Gefahren in der Virtual Reality lauern und wie Strafverfolgungsbehörden sie bekämpfen können.

(Source: chandlervid85 / Freepik.com)
(Source: chandlervid85 / Freepik.com)

Das Metaverse mag noch in seinen Kinderschuhen stecken, aber Cyberkriminelle treiben dort schon seit längerem ihr Unwesen. Betrugsfälle, Handel mit gefälschten Kunstwerken oder sexuelle Belästigung zählen zu den Gefahren, die im Metaverse lauern – wie Sie hier lesen können. Die Internationale kriminalpolizeiliche Organisation Interpol gab deshalb bereits im Jahr 2022 bekannt, dass sie eine Expertengruppe gründe, die sich mit dem Metaverse beschäftige. Die Arbeit dieser Expertengruppe trug nun Früchte. Im Januar hat Interpol ein Whitepaper veröffentlicht, in dem die Organisation die Gefahren des Metaverse darlegt und sein Potenzial als Instrument für die Strafverfolgungsbehörden aufzeigt. 

Im Whitepaper warnt Interpol etwa vor der explosionsartigen Zunahme von Straftaten in Virtual-Reality-Umgebungen. Die Organisation empfiehlt deshalb unter anderem, dass Strafverfolgungsbehörden ihre virtuelle Präsenz im Metaverse ausbauen sollen. So könnten Betroffene Delikte einfacher melden – auch solche, bei denen es sich um sogenannte "Metacrimes" handle. 

Die verschiedenen "Metacrimes" 

Weil das Metaverse Kriminellen nun Möglichkeiten eröffne, neue Arten von Verbrechen zu begehen, fasst Interpol diese virtuellen Verbrechen unter "Metacrimes" (Metakriminalität) zusammen. Einige Strafverfolgungsbehörden hätten bereits Verbrechen gemeldet, bei denen das Metaverse im Zentrum gewesen sei – gerade im Zusammenhang mit Finanzdelikten. 

In Grossbritannien machte jedoch kürzlich der Fall einer virtuellen Vergewaltigung Schlagzeilen. Anfang des Jahres berichtete die britische "Dailymail", dass die britische Polizei einen entsprechenden Vorfall untersuche. Eine Gruppe von Usern habe demnach in einem VR-Spiel den Avatar eines Mädchens unter 16 Jahren attackiert und sich an ihm vergangen. Das Mädchen sei zwar körperlich unverletzt, Untersuchungen hätten jedoch gezeigt, dass die Teenagerin dasselbe psychische und emotionale Trauma erlitten habe, wie jemand, der in der realen Welt vergewaltigt worden sei.  

Für eine bessere "Metacrime"-Übersicht hat Interpol verschiedene Verbrechenstypen definiert: 

  • Identitätsdelikte: z.B. Identitätsdiebstahl, Verletzung der Privatsphäre
  • Finanzdelikte: z.B. Finanzbetrug, Phishing 
  • Eigentumsdelikte: z.B. Überfall eines Avatars, virtueller Einbruchdiebstahl
  • Intellektuelle Verbrechen im Bereich des geistigen Eigentums: z.B. Urheberrechtsverletzung, Fälschungen
  • Sexuelle Straftaten und Körperverletzung: z.B. Ausbeutung, Missbrauch
  • Verbrechen an Kindern: z.B. sexuelle Belästigung, Kindesmissbrauch
  • Cyberkriminalität: z.B. Datenklau, Ransomware
  • Handlungen, die Angst machen oder seelisches Leid verursachen: z.B. Belästigung, Stalking
  • Terrorismus: z.B. Terrorismusfinanzierung, Radikalisierung und Indoktrinierung 
  • Verbrechen gegen die öffentliche Sicherheit: z.B. Falschinformationen, Propagandaverbreitung 

Vorteile, Herausforderungen und Potenzial des Metaverse

Für die Strafverfolgungsbehörden zeigt Interpol diverse Anwendungsfälle auf, unter anderem Vorteile sowie mit dem Metaverse verbundene Herausforderungen. So könne das Metaverse etwa für Ausbildung, Training und Simulation eingesetzt werden. Strafverfolgungsbehörden könnten beispielsweise in simulierte Hochstresssituationen versetzt werden, um so ihre Krisenmanagement-Fähigkeiten zu verbessern. 

Auch für die operative Koordinierung und Unterstützung bei der Polizeiarbeit an vorderster Front sieht Interpol grosses Potenzial. Des Weiteren könnten Beamte in virtuell nachgestellten Tatorten ihre Untersuchungen fortsetzen, resp. ihr Personal besser schulen. 

Vorteile in der Nutzung des Metaverse sieht Interpol in folgenden Punkten: 

  • Immersives Lernen und Wissensspeicherung: Der immersive Charakter des Metaverse spreche mehrere Sinne an, simuliere Stress und die Unvorhersehbarkeit von realen Situationen, weshalb sich Beamte das Gelernte besser merken könnten. 
  • Skalierbarkeit und Anpassungsfähigkeit: Behörden können Trainings einfach an veränderte Gegebenheiten anpassen und den Beamten zur Verfügung stellen. 
  • Ressourceneffizienz: Mit virtuellen Schulungen und Untersuchungen können Kosten gespart werden. 
  • Globale Zusammenarbeit: Das Metaverse erlaube die globale Zusammenarbeit der Strafverfolgungsbehörden. 

Herausforderungen sieht Interpol in diesen Bereichen: 

  • Technologische und infrastrukturelle Anforderungen
  • Datenschutz und ethische Fragen
  • Rechtliche und juristische Unklarheiten
  • Cybersecurity-Bedrohungen

Potenzial verortet die Expertengruppe in zwei Hinsichten: 

  • Integration mit künstlicher Intelligenz: Die Zukunft des Metaverse in der Strafverfolgung umfasse die Integration von KI, um dynamische und reaktionsschnelle Trainingsszenarien zu kreieren. Zudem sieht Interpol Potenzial im Bereich Predictive Policing. 
  • Ausgedehnte virtuelle Einsätze: Strafverfolgungsbehörden könnten den Umfang ihrer Einsätze innerhalb des Metaverse ausdehnen, was zu einer grösseren Vielfalt von Anwendungsfällen führen könne. 

Forensik und Ermittlungen im Metaverse

Mit der zunehmenden Nutzung werde das Metaverse zu einer sehr wichtigen Quelle für Daten und Beweise für Ermittlerinnen und Ermittler. Daher sollten sich Strafverfolgungsbehörden vorbereiten, um: 

  • auf Daten von VR-Headsets und haptischen Geräten zuzugreifen;
  • Beweise aus der Metaverse-Infrastruktur zu sichern;
  • Daten von Drittanbietern von Metaverse-Diensten zu beschaffen;
  • Ersthelfer, Forensiker und das gesamte Strafrechtssystem zu schulen.

Governance im Metaverse 

Das Metaverse werfe angesichts seiner potenziellen Auswirkungen auf die Gesellschaft eine Vielzahl von Fragen hinsichtlich Governance und Politik auf. Deshalb sei ein ganzheitlicher Ansatz notwendig, der verschiedene Interessengruppen und eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit einschliesse, zentral. Nur so könnten die Strafverfolgungsbehörden wirksam auf die Meta-Kriminalität reagieren. 

Die Machenschaften von Cyberkriminellen zeigen nicht nur in der virtuellen Welt ihre Folgen. In Liechtenstein haben Hacker vermutlich ein Lichtsignal manipuliert und so den Verkehr lahmgelegt, wie Sie hier lesen können

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