Focus: Arbeitswelt 5.0

Auf dem Weg zur agentischen Organisation

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von Andrea Belliger, IKF

KI-Agenten planen, entscheiden und handeln zunehmend autonom. Entscheidungen entstehen im Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Das eröffnet enorme Chancen und zwingt gleichzeitig zu einer Frage, die viele Organisationen noch nicht gestellt haben: Wer entscheidet hier eigentlich was?

Andrea Belliger, Professorin und Direktorin des Institut für Kommunika­tion & Führung (IKF). (Source: zVg)
Andrea Belliger, Professorin und Direktorin des Institut für Kommunika­tion & Führung (IKF). (Source: zVg)

Stellen Sie sich ein Schweizer Service-Team vor. Zuerst hilft KI mit Vorschlägen – dann kommen die Antworten immer schneller. Dann übernimmt KI: Sie priorisiert Tickets, fordert Daten an, schlägt Lösungen vor. Eines Tages fragt der Teamleiter: "Wer entscheidet hier eigentlich noch, wir oder die KI?" Dieser Moment markiert den Übergang. Von Assistenz zu agentischer Intelligenz. Von Werkzeugen zu Systemen, die Prozesse aktiv mitgestalten.

Merkmale agentischer Organisationen

Nicht der KI-Einsatz allein zählt, sondern ihre Rolle als System mit eigenem Handlungsraum. Im Service: Anfragen werden selbstständig priorisiert; bei den Lieferketten: reagiert dynamisch auf Veränderungen; im Marketing: optimiert Kampa­gnen in Echtzeit. Mensch und KI teilen sich Entscheidungen, mit klarer Verantwortung beim Menschen. Zumindest theoretisch. 

Die AI-Maturity-Studie 2026 von TI&M und HSLU zeigt: Die meisten Firmen nutzen KI für Effizienz, Texte oder Suchen. Pioniere gehen weiter. Basel-Stadt etwa investiert 7 Millionen Franken in KI-Plattformen, die Workflows unterstützen. Doch echte Entscheidungsdelegation bleibt die Ausnahme. Viele Organisationen testen, aber nur wenige vertrauen. Hier liegt das eigentliche Problem. Organisationen sind darauf ausgelegt, Entscheidungen zu kontrollieren; agentische Systeme verteilen sie. Viele Unternehmen halten an Hierarchien und linearen Prozessen fest, während Entscheidungen längst dezentral entstehen. Die Steuerung hinkt hinterher. Die entscheidende Aufgabe lautet daher: Welche Entscheidungen dürfen Maschinen treffen und wo entscheidet der Mensch zwingend selbst? Wer diese Frage nicht beantwortet, produziert Unsicherheit. Und Risiken, die sich nicht mehr einfangen lassen.

Regulatorischer Rahmen: Chancen nutzen

Die Schweiz bietet durch Innovationskraft, Stabilität und Qualitätsfokus ideale Bedingungen. Doch agentische KI bringt eine neue Realität mit sich: Systeme handeln teilweise eigenständig und oft nicht vorhersehbar.

Der regulatorische Druck steigt. Der EU AI Act fordert Transparenz und menschliche Aufsicht bei Hochrisikosystemen (Art. 14). Auch in der Schweiz wird an entsprechenden Leitlinien gearbeitet. Der Bundesrat prüft bis Ende 2026 Regulierungen mit Fokus auf Transparenz, Datenschutz und Verantwortlichkeit. Regulierung wird damit zum Wettbewerbsfaktor: Wer Transparenz und Kontrolle früh inte­griert, kann schneller skalieren. Wer wartet, wird gebremst.

Führung neu erfinden: die drei Verschiebungen

Führungskräfte stehen vor einer neuen Realität: Sie führen keine Teams mehr, sondern hybride Entscheidungssysteme. Drei Verschiebungen sind zentral: Erstens die Orchestrierung:  Nicht mehr alles selbst steuern, sondern das Zusammenspiel von Mensch und KI gestalten. Zweitens den Rahmen setzen: Klare Entscheidungszonen definieren: Wer darf was und unter welchen Bedingungen? Drittens Vertrauen schaffen – durch Transparenz, Nachvollziehbarkeit und erklärbare Systeme.

Neue Rollen entstehen, etwa der AI-Agent-Manager oder Workflow-Orchestrator. Sie markieren den Beginn einer neuen Organisationslogik. Führung heisst künftig nicht mehr, top down zu steuern, sondern Systeme so zu gestalten, dass sie im Zusammenspiel von Menschen und Agenten verlässlich entscheiden.

Fazit: Der unsichtbare Wandel 

Die Technologie ist da. Die eigentliche Herausforderung ist organisatorisch. Agentische Organisationen erfordern ein neues Verständnis von Verantwortung, Zusammenarbeit und Führung. Wer diesen Wandel aktiv gestaltet, verschafft sich nachhaltige Wettbewerbsvorteile. Die Frage ist nicht, ob dieser Wandel kommt, sondern wer ihn gestaltet und wer von ihm gestaltet wird.
 

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