Das EPD bringt Spitälern und Pflegeheimen mehr Kosten und wenig Nutzen
Für Spitäler und Pflegeheime ist die Anbindung ans elektronische Patientendossier Pflicht. Doch das Vorhaben ist aufwändig, wie eine BAG-Umfrage zeigt. Im Betrieb bleibt die Kostenbilanz negativ und die Nutzung gering.
Eigentlich sind Gesundheitseinrichtungen dem elektronischen Patientendossier (EPD) gegenüber wohlgesinnt - zumindest was das Konzept angeht. In der Praxis sieht es etwas anders aus, wie etwa zuletzt das E-Health-Barometer 2026 zeigte. Demnach bemängelten Leistungserbringer den mit dem EPD verbundenen Mehraufwand.
Einen Aspekt dieses Mehraufwands nahm das Bundesamt für Gesundheit (BAG) genauer unter die Lupe. Es liess - übrigens auf Empfehlung der Finanzkontrolle - stationäre Gesundheitseinrichtungen befragen, um mehr über deren Anbindungs- und Betriebskosten für das EPD zu erfahren. Mittlerweile veröffentlichte das BAG nicht nur die beiden Studien, sondern auch einen Synthesebericht sowie die von der Steuergruppe zusammengefassten wichtigsten Erkenntnisse (PDF).
Schleppende Einführung
Die sogenannten "gesetzlich verpflichteten Leistungserbringer mit stationärem Leistungsauftrag" (darunter Spitäler, Spezial-Kliniken, Geburtshäuser oder Pflegeeinrichtungen) sollten sich spätestens seit 2022 obligatorisch einer Stammgemeinschaft anschliessen, um das EPD nutzen und anbieten zu können - zumindest theoretisch. In der Praxis verlaufe die Umsetzung dieser Richtlinie jedoch "schleppend", wie die Steuergruppe bemerkt. Im Oktober 2025 seien 95 Prozent der Spitäler und 76 Prozent der Pflegeeinrichtungen angebunden gewesen, schreiben die Forschenden unter Berufung auf eine Obsan-Studie. Wer nicht mitmachte, begründe dies laut dem E-Health-Batometer "insbesondere mit der fehlenden Finanzierung der stark variablen Kosten für den Aufbau und Betrieb lokaler EPD-Infrastrukturen und der geringen Nachfrage nach dem EPD", fassen sie zusammen.
Doch auch wer das EPD einführen will, hat mitunter einen langen Weg vor sich, wie aus den Ergebnissen der ersten Studie hervorgeht: Demnach dauerten die Projekte zur Anbindung im Schnitt zwei Jahre. Etwas mehr als die Hälfte der Initialkosten entfiel auf IT-Beschaffungen, wobei Software stärker ins Gewicht fiel als Hardware. Hinzu kamen einmalige Aufwände für externe Beratung, insbesondere für IT- und Prozessberatung. Für elektronische Identitäten und Zertifikate fielen maximal etwa ein Zehntel der Kosten an.
Die Forschenden befragten die 130 an der ersten Studie teilnehmenden Gesundheitseinrichtungen auch nach ihren wichtigsten Learnings während der Anbindung. Zu den häufigsten genannten Aussagen gehören:
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Die EPD-Anbindung sollte nicht nur als IT-Projekt verstanden werden. "Das Vorhaben braucht die Aufmerksamkeit der Direktion."
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Der Anbindungsprozess ist ressourcenintensiv und mit einem hohen Schulungsaufwand verbunden.
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Eine externe Projektbegleitung und die Koordination mit anderen Einrichtungen wirken unterstützend und steigern die Prozessqualität.
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Die Wahl der Stammgemeinschaft ist strategisch bedeutsam und sollte frühzeitig erfolgen, da spätere Wechsel aufwendig sind.
Günstige Lösungen mit Nachteilen
Bei der konkreten Umsetzung der gesetzlich vorgeschriebenen Anbindungspflicht haben Gesundheitseinrichtungen einen Handlungsspielraum. Die Mehrheit der Befragten (88 Prozent der Spitäler und 97 Prozent der Pflegeheime) entschied sich für eine Webportal-Lösung, wie aus der Zusammenfassung hervorgeht. Die Lösung sei einfach, kostengünstig und reiche angesichts der geringen Anzahl eröffneter EPDs in der Bevölkerung aus, argumentierten die Befragten.
Dass diese günstige Anbindungslösung auch Nachteile mit sich bringt, zeigt sich im Alltag: Die Frage, ob sie im täglichen Betrieb das EPD aktiv nutzten, bejahten Organisationen mit Portallösungen nämlich im Schnitt viermal weniger oft (4 Prozent) als jene mit sogenannten Tiefenintegrationen mit automatisiertem EPD-Zugriff über das Primärsystem (18 Prozent), schreibt die Steuergruppe. Sie merkt aber auch an, dass insgesamt nur rund 5 Prozent der befragten stationären Leistungserbringer das EPD aktiv nutzten.
Deutlich höhere Kosten für Spitäler
Bei den laufenden Kosten bilden laut der Steuergruppe die jährlichen Mitgliedergebühren an die Stammgemeinschaften den grössten Block, gefolgt von Personalaufwand sowie IT-Kosten für Wartung und Weiterentwicklung der Schnittstellen.
Die Kosten unterscheiden sich deutlich nach Einrichtungstyp und technischer Anbindungsform. Spitäler meldeten dreifach höhere einmalige und vier- bis siebenfach höhere wiederkehrende Aufwände als Pflegeheime. Eine Tiefenintegration verursachte bei Spitälern beinahe doppelt so hohe Initialkosten wie eine Portallösung. Im Betrieb sei die Portallösung bei Spitälern gleicher Grösse 24 Prozent günstiger gewesen. Die Steuergruppe hält fest, dass kleine Spitäler und kleine Pflegeheime im Verhältnis zu ihren Ressourcen stärker belastet würden. Grössere Einrichtungen profitierten dagegen von Skaleneffekten.
Die konkreten Kosten beziffern die Forschenden in Prozentwerten gemessen an den vom Bund ausgewiesenen jährlichen Gesamtkosten von Spitälern und Pflegeheimen: Demnach macht die Anbindung mittels Tiefenintegration einmalig knapp 0,6 Prozent und jährlich wiederkehrend knapp 0,2 Prozent der Gesamtkosten pro Bett aus. Die Anbindung mittels einer Portallösung kostete einmalig knapp 0,3 Prozent sowie im Betrieb abhängig von der Grösse der Einrichtung knapp 0,1 Prozent bis 0,4 Prozent der Gesamtkosten pro Bett.
Unbefriedigend
Als generelle Hindernisse für die EPD-Einführung nannten die befragten Einrichtungen unter anderem hohe Schulungsaufwände, fehlende Interoperabilität mit Primärsystemen, zusätzliche Lizenzkosten für Authentifizierungen sowie Unsicherheiten bei Datenschutz und Cybersicherheit.
Auch die geringe Verbreitung des EPD im ambulanten Bereich wirke sich negativ auf die Nutzung aus. Unterstützend seien dagegen externe Projektbegleitung, die Koordination mit anderen Einrichtungen, kleine EPD-Teams mit Systemkompetenz sowie E-Learning-Angebote und technischer Support der Stammgemeinschaften.
Unter dem Strich fällt die Steuergruppe ein ernüchterndes Fazit: Stationäre Leistungserbringer betrachteten das EPD zum aktuellen Zeitpunkt als unbefriedigend. Die laufenden Kosten seien zwar deutlich geringer als die einmaligen Anbindungskosten. Dennoch weise das Produkt aus ihrer Sicht eine negative Kosten-Nutzen-Bilanz auf.
Die Projektgruppe hinter den Studien stellt übrigens klar, dass sich ihre Befunde nicht ohne weiteres generalisieren liessen. Auch weist die Projektsteuergruppe auf die aktuell stattfindende Konsolidierung unter den Stammgemeinschaften hin. So gab unlängst die Post bekannt, ihre EPD-Plattform einzustellen, wie Sie hier lesen können.
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