Geopolitik als Modernisierungsturbo
In einer Welt, die zunehmend von digitalen Abhängigkeiten, geopolitischen Machtspielen und Krisen geprägt ist, hat das Thema und die Diskussion um eine unabhängige ICT-Infrastruktur an Bedeutung gewonnen. Wo früher Effizienz und Skalierbarkeit die einzigen Entscheidungskriterien waren, tritt heute die geopolitische Resilienz an deren Stelle.
Dass über die Hälfte (56 Prozent) der im Rahmen unserer neuen Studie befragten Schweizer Unternehmen die aktuelle Weltlage zum Anlass nimmt, durch gezielte Investitionen in Swiss-Made-Lösungen eine höhere technologische Handlungsfähigkeit zu erreichen, markiert eine Zeitenwende. Dieser Trend ist keine kurzfristige Reaktion auf tagespolitische Ereignisse, sondern der Beginn einer neuen digitalen Strategieausrichtung, bei der die Souveränität über die eigene Daten- und Prozesslandschaft zum zentralen Wettbewerbsfaktor wird.
Technologische Handlungsfähigkeit bedeutet in diesem Kontext weit mehr als nur die Hochverfügbarkeit von Systemen. Es ist die Absicherung gegen die Risiken der Abhängigkeit und die wachsende Gefahr technologischer Erpressbarkeit. Unternehmen erkennen zunehmend, dass die Abhängigkeit von aussereuropäischen Hyperscalern und proprietären Softwaremonopolen im Ernstfall die gesamte Businesskontinuität gefährden kann. Wenn 53 Prozent der Befragten digitale Souveränität mittlerweile als sicherheitspolitische Notwendigkeit einstufen, zeigt dies, dass der Schutz der digitalen Wertschöpfungskette auf der Managementebene als Risikothema angekommen ist.
Spannend ist auch die Diskrepanz zwischen den erkannten Risiken und dem tatsächlichen Handlungsspielraum. Während ein knappes Drittel der Unternehmen zwar die Gefahren sieht, aber aufgrund von Abhängigkeiten an bestehenden globalen Plattformen festhält, zeigt sich bei den Vorreitern ein klarer Trend zur Modularisierung. Rund 15 Prozent der befragten Unternehmen haben das Thema der Geopolitik bereits zum primären Treiber für Investitionen in unabhängige ICT-Strukturen gemacht. Diese Unternehmen bauen ihre ICT-Landschaften um, setzen auf offene Standards und entkoppeln kritische Funktionen von monolithischen Anbietern. Ziel dieser Neugestaltung ist eine Architektur, die flexibel genug ist, um auf globale Verwerfungen reagieren zu können, ohne den operativen Betrieb zu gefährden.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Schweiz ihre digitale Neutralität neu definiert. Es geht dabei nicht um eine Abkehr von globalen Märkten, sondern um eine digitale Neutralität durch bewusste Selbstbestimmung und Neuausrichtung der ICT-Strategie. Wer seine technologische Basis im Griff hat, bleibt auch in politisch stürmischen Zeiten manövrierfähig. Die Neugestaltung einer souveränen ICT-Infrastruktur ist kein rein technisches Projekt, sondern die Ausrichtung der Strategie auf eine langfristige Unabhängigkeit und Innovationsfähigkeit.
Ricardo Ribeiro, Leiter Informatik, Gibb Berufsfachschule Bern
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