Verbandsnachrichten von Asut

Digitale Souveränität: Selbst­bestimmung und globale Vernetzung

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von Mischa Vajda, Asut

Die geopolitischen Verschiebungen stellen nicht nur Staaten, sondern auch Unternehmen und die ICT-Branche vor grund­legende Fragen. Handelskonflikte, technologische Abhängigkeiten und zunehmende Cyberbedrohungen führen weltweit zu einer Neubewertung digitaler Infrastrukturen. Auch die Schweiz steht vor der Herausforderung, ihre Position zu definieren.

Mischa Vajda, Leiter Kommunikation, Asut. (Source: zVg)
Mischa Vajda, Leiter Kommunikation, Asut. (Source: zVg)

Am Swiss Telecommunication Summit Ende Juni stand ein Begriff im Zentrum der Diskussionen und Referate: digitale Souveränität. Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik sowie Wissenschaft unterhielten sich darüber, was digitale Souveränität überhaupt bedeutet. Geht es um möglichst weitgehende technologische Unabhängigkeit? Um nationale Cloud-Infrastrukturen? Oder gar um eine Art digitales Réduit, das die Schweiz vor äus­seren Einflüssen schützen soll?

Siim Sikkut, Managing Partner, Digital Nation

Siim Sikkut, Managing Partner, Digital Nation (Source: zVg)


Häufig wird digitale Souveränität mit technologischer Eigenständigkeit gleichgesetzt. Tatsächlich geht es jedoch um weit mehr. Für Siim Sikkut, Managing Partner bei Digital Nation, müssen gerade kleine Länder bei der Frage des Aufbaus eigener technologischer Fähigkeiten besonders pragmatisch sein, denn: "Technologische Selbstversorgung ist keine realistische Option. Die Chance der Schweiz liegt darin, in ausgewählten Bereichen Spitzenleistungen zu erbringen, die auch für andere von Bedeutung sind – und auf dieser Grundlage nützliche gegenseitige Abhängigkeiten aufzubauen."

Im Zentrum steht also die Fähigkeit der Schweiz, ihre digitale Handlungsfähigkeit zu sichern, ohne sich von internationalen Innovationsströmen abzukoppeln. Also um die bewusste Steuerung von Abhängigkeiten und die Selbstbestimmung – etwa darüber, wo Daten verarbeitet werden, wer darauf Zugriff hat und wie kritische Systeme betrieben werden.

Balance aus eigener Fähigkeit und Zusammenarbeit

Gerade in einer Zeit zunehmender geopolitischer Spannungen gewinnt diese Fähigkeit an Bedeutung. Digitale Infrastrukturen sind längst zu einem unverzichtbaren Bestandteil moderner Gesellschaften geworden. Gleichzeitig wächst der regulatorische Druck, auch Lieferketten sind betroffen, und die Bedrohung durch Cyberangriffe nimmt kontinuierlich zu. Wer in diesen Bereichen die Kontrolle verliert, riskiert nicht nur wirtschaftliche Nachteile, sondern auch Einschränkungen der eigenen Handlungsfähigkeit. Digitale Souveränität wird damit zu einer strategischen Voraussetzung für Sicherheit, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit.

­Barbara Schaffner, Nationalrätin

­Barbara Schaffner, Nationalrätin (Source: zVg)


Dabei ist Souveränität keineswegs gleichbedeutend mit Abschottung. Vielmehr entsteht sie aus der Balance zwischen eigenen Fähigkeiten und internationaler Zusammenarbeit. Nationalrätin Barbara Schaffner bringt diesen Gedanken auf den Punkt: "Wir beziehen die Zutaten, müssen aber die Fähigkeit haben, selbst zu kochen." Diese Perspektive verdeutlicht, dass es nicht darum geht, sämtliche Technologien eigenständig zu entwickeln. Entscheidend ist vielmehr, über genügend Wissen, Kompetenzen und Alternativen zu verfügen, um technologische Entscheidungen eigenständig treffen zu können.

Am Swiss Telecommunication Summit erschienen hierfür drei Voraussetzungen als besonders zentral: Erstens braucht ein Land eigene Kompetenzen und Infrastrukturen in Schlüsselbereichen wie Telekommunikation, Cloud-Diensten, Datenverarbeitung und Cybersicherheit. Zweitens braucht es eine Governance. Abhängigkeiten müssen verstanden, bewertet und aktiv gesteuert werden können. Und drittens braucht es die Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Kein Staat kann sämtliche Technologien allein entwickeln oder betreiben. Entscheidend ist daher, auch bei internationalen Partnerschaften jederzeit handlungsfähig zu bleiben.

Vertrauen, Resilienz und Innovation

Digitale Souveränität bewegt sich im Spannungsfeld von Vertrauen, Resilienz und Innovationsfähigkeit. Vertrauen entsteht durch transparente Governance-Strukturen, verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen und sichere In­frastrukturen. Resilienz wiederum bedeutet, auch in Krisensituationen oder bei geopolitischen Verwerfungen funktionsfähig zu bleiben. Dazu gehören robuste Systeme ebenso wie bewusst gestaltete und kontrollierte Abhängigkeiten. Gleichzeitig darf Souveränität nicht zum Innovationshemmnis werden. Neue Technologien entwickeln sich in immer kürzeren Zyklen. 

Wer sich abschottet, verliert den Anschluss an internationale Entwicklungen. Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb darin, Sicherheit und Offenheit miteinander zu verbinden. 

Traditionelle Stärken mit Innovationskraft verbinden

Im internationalen Vergleich verfügt die Schweiz über eine Reihe von Stärken, die den Ausbau ihrer digitalen Souveränität begünstigen. Dazu gehören stabile Institu­tionen, ein hohes gesellschaftliches Vertrauen, praxisnahe regulatorische Rahmenbedingungen sowie eine leistungsfähige digitale Infrastruktur.

Myriam Dunn Cavelty, ETH

Myriam Dunn Cavelty, ETH Zürich (Source: zVg)


Die Chance für die Schweiz liegt darin, ihre traditionellen Stärken gezielt mit technologischer Innovationskraft zu verbinden. Schweizer Qualität, hohe Sicherheitsstandards und ein pragmatischer Umgang mit neuen Technologien könnten dabei zu einem wichtigen Standortvorteil werden. Für Myriam Dunn Cavelty von der ETH Zürich liegt der Schlüssel in der Ausgewogenheit verschiedener Ansätze. Die richtige Mischung aus Open Source, Eingekauftem und selbst Gebautem sei entscheidend. Gleichzeitig betont sie: "Digitale Souveränität ist kein einmaliges Ziel, sondern ein fortlaufender Prozess, der ständig überprüft und angepasst werden muss."

Hebelwirkung aus Forschung, Verwaltung und Privatwirtschaft

Ein Blick nach Europa zeigt, dass digitale Souveränität zunehmend auch industriepolitisch gedacht wird. Programme zur Förderung strategischer Technologien, Investitionen in Halbleiter, Cloud-Infrastrukturen oder künstliche Intelligenz sollen die technologische Wettbewerbsfähigkeit stärken. Auch die Schweiz könnte von solchen Ansätzen profitieren. Dazu braucht es jedoch nicht nur politische Strategien, sondern auch mehr Risikobereitschaft und Investitionen in Innovation. Zudem ist Offenheit gefragt für Partnerschaften über Europa hinaus, sprich mit Unternehmen aus Amerika und Asien. Dunn Cavelty sieht insbesondere im Schweizer Know-how grosses Potenzial. Die Schweiz verfüge über exzellente Bildungs- und Forschungsinstitutionen sowie hochqualifizierte Fachkräfte. Nun gelte es, die verschiedenen Ökosysteme aus Forschung, Verwaltung und Privatwirtschaft stärker zu vernetzen, um eine maximale Hebelwirkung zu erzielen.

Die Fähigkeit der kontrollierten Offenheit

Letztlich ist digitale Souveränität kein Zustand, der einmal erreicht und danach dauerhaft gesichert wäre. Technologien entwickeln sich weiter, regulatorische Anforderungen verändern sich und geopolitische Rahmenbedingungen bleiben dynamisch. Entsprechend muss digitale Souveränität immer wieder neu hergestellt werden. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess der Anpassung und Weiterentwicklung. Was müsste also erreicht werden, damit wir von einer souveränen digitalen Nation sprechen können?

Christoph Aeschlimann, Swisscom

Christoph Aeschlimann, Group CEO, Swisscom (Source: zVg)


Christoph Aeschlimann, Group CEO von Swisscom, formuliert eine Vision für die Schweiz: "Mein Wunsch wäre, dass die Schweiz in zehn Jahren als souveräner digitaler Standort wahrgenommen wird – im Sinne von Vertrauen, Innovationskraft und Selbstbestimmung." Konkret würde dies bedeuten, dass kritische digitale Infrastrukturen und Daten unter verlässlicher Kontrolle stehen, Unternehmen sowie Behörden selbstbestimmt über ihre Systeme entscheiden können und die Schweiz gleichzeitig ein offener und attraktiver Innovationsstandort bleibt.

Damit zeichnet sich ein Verständnis von digitaler Souveränität ab, das weit über technische Fragen hinausgeht: Es geht nicht um Isolation, sondern um Gestaltungsfähigkeit; es geht nicht um vollständige Unabhängigkeit, sondern um bewusste Entscheidungen. Und letztlich geht es insbesondere um die Fähigkeit, in einer global vernetzten Welt offen zu bleiben, ohne die Kontrolle über die eigene digitale Zukunft aus der Hand zu geben.
 

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