Salesforce-Benioff interviewt Anthropic-CEO Dario Amodei
Die rasche wirtschaftliche Verbreitung von KI hat selbst Anthropic-Mitgründer und -CEO Dario Amodei überrascht. Im Gespräch mit Salesforce-Gründer und -CEO Marc Benioff erläutert er, wie die Branche mit Sicherheitsvorfällen umgehen sollte und weshalb Unternehmen das Potenzial heutiger Modelle noch kaum ausschöpfen.
Marc Benioff: Dario, du beschäftigst dich seit rund zehn Jahren intensiv mit KI. Zuletzt hast du dich unter anderem mit dem Entwicklungstempo und der Sicherheit der Technologie beschäftigt. Wie beurteilst du den aktuellen Zustand der KI-Branche?
Dario Amodei: Ich glaube, das lässt sich am einfachsten mit einer Analogie erklären. Stellen wir uns vor, man leitet einen Hersteller von Autos und bei einem Konkurrenten kommt es zu einem Sicherheitsvorfall – etwa weil mit den Bremsen oder bei der Produktion etwas schiefgeht. Gleichzeitig glaubt man, selbst die beste Sicherheitsbilanz der Branche zu haben. Natürlich ist es verlockend, den Konkurrenten anzugreifen und zu sagen: "Die anderen sind unsicher, wir sind sicher." Der verantwortungsvollere Ansatz besteht meiner Meinung nach aber darin, zunächst die eigene Bilanz zu überprüfen. Vielleicht hatten wir keinen grossen, öffentlichkeitswirksamen Vorfall, aber perfekt sind wir sicherlich auch nicht. Wir sollten deshalb unsere eigenen Praktiken verbessern, uns erneut zu Transparenz verpflichten und mehr in Sicherheit investieren. Anschliessend sollten wir die gesamte Branche zusammenbringen und uns fragen: Welche Standards können wir für alle etablieren? Wie können wir das Sicherheitsniveau der gesamten Branche verbessern? Und schliesslich braucht es auch eine internationale Komponente.
Das ist im Wesentlichen der dreistufige Plan, den ich in meinem Essay beschrieben habe. Zum ersten Schritt haben wir uns als Anthropic bereits verpflichtet. Über die weiteren Schritte wollen wir mit dem Rest der Branche in einen Dialog treten. So sollte man die Branche voranbringen: indem man mit gutem Beispiel vorangeht und anerkennt, dass sich jeder immer weiter verbessern kann.
Benioff: Was hat dich in den vergangenen zehn Jahren am meisten überrascht?
Amodei: Das Tempo des Fortschritts – und zwar nicht nur bei der Technologie, sondern auch auf wirtschaftlicher Ebene. Gemeinsam mit einigen meiner Mitgründer habe ich die "Scaling Laws for Neural Language Models" formuliert. Sie besagen, dass KI-Modelle immer intelligenter werden, je mehr Rechenleistung man in sie investiert. Wir hatten deshalb eine Vorstellung davon, wie leistungsfähig diese Modelle werden könnten. Was wir aber nicht richtig eingeschätzt haben, war, dass daraus so schnell wachsende Unternehmen und all diese Produkte entstehen würden – einschliesslich der Produkte, an denen wir gemeinsam arbeiten – und wie schnell KI zu einem zentralen Bestandteil dessen werden würde, was weltweit geschieht. Wir sehen gerade neue Dinge wie MCP, Cowork und Cloud Skills. Die Menschen beginnen erst, sie einzusetzen, und trotzdem werden sie sehr schnell angenommen, weil ihr wirtschaftlicher Wert so gross ist. Mich hat überrascht, dass ein solches Tempo in der Geschäftswelt überhaupt möglich ist.
Benioff: Wir müssen dieses enorme Entwicklungstempo im Auge behalten. Gleichzeitig sehen wir inzwischen bemerkenswerte neue Interfaces und Möglichkeiten, den Wert von Unternehmensdaten zu erschliessen. Was sollten Unternehmen jetzt konkret tun?
Amodei: Wenn ich mir anschaue, wie weit die Technologie bereits ist und wie stark sie tatsächlich verbreitet ist, sehe ich eine enorme Lücke. Selbst wenn wir die technologische Entwicklung heute einfrieren würden – was wir natürlich nicht tun, die Modelle verbessern sich weiter –, würden wir vielleicht erst 5 oder 10 Prozent des möglichen Werts dieser Technologie nutzen. Ein Beispiel betrifft unsere eigene Zusammenarbeit mit Salesforce. Unser Chief Commercial Officer verwendet Salesforce mit Claude. Er kann Claude auf Basis der Salesforce-Daten fragen: Welches sind unsere zehn grössten Abschlüsse in dieser Woche? Bei welchen zehn Geschäften ist das Verlustrisiko am höchsten? Welche Muster zeigen sich dabei und wie können wir diese Geschäfte gewinnen? Claude ermöglicht ihm, die vorhandenen Informationen im Dialog auszuwerten.
Benioff: Die Technologie ist also bereits wesentlich weiter, als ihre tatsächliche Nutzung in den Unternehmen vermuten lässt?
Amodei: Ja. Der Anteil der Menschen, die diese Möglichkeiten bereits gesehen und verstanden haben, ist noch klein im Vergleich zu all jenen, die davon profitieren könnten. Es gibt noch sehr viel Potenzial für eine weitere Verbreitung. Wir wollen den Menschen zeigen, welche Möglichkeiten diese Technologie für die Zukunft eröffnet. Dabei ist die Metadatenschicht entscheidend. KI braucht diese Verankerung in den Daten. Darüber haben wir oft gesprochen: Es gibt die Applikations- und semantische Ebene, die KI mit ihren zunehmenden intelligenten Fähigkeiten, die agentische Ebene, bei deren Entwicklung Salesforce eine wichtige Rolle gespielt hat, und nun diese neue Interface-Ebene. Diese Ebenen kommen jetzt zusammen.
Mehr zur Zusammenarbeit von Salesforce und Anthropic lesen Sie im Netzwoche-Beitrag über die Lancierung von Claudeforce.
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