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"Die Bereitschaft, in IT zu investieren, war nie höher als heute"

Uhr | Aktualisiert
von George Sarpong

Wie fusioniert man IT-Organisationen und jahrzehntealte Architekturen zweier Versicherer? Das erläutert Armin Suter, ­Leiter der Informatik von Helvetia Versicherungen Schweiz. Ausserdem erklärt er, weshalb heute die beste Zeit ist, CIO zu sein.

(Quelle: Netzmedien)
(Quelle: Netzmedien)

Helvetia hat im Herbst 2014 Nationale Suisse übernommen. Wie haben Sie die IT-Abteilungen damals vorgefunden?

Armin Suter: Nach dem Zusammenschluss gab es zwei IT-Organisationen. In beiden agierten hochmotivierte Mitarbeiter, welche die internen Kunden hervorragend betreuten. Allerdings existierten auch zwei unterschiedliche IT-Landschaften und organisatorische Strukturen. Ich musste also beide Welten zusammenführen.

Wo fingen Sie an?

Nach dem Zusammenschluss entwickelten wir zuerst eine Roadmap für die Integration. Wir setzten zuerst jene Massnahmen um, die es uns erlaubten, rasch mit dem Verkauf von Produkten starten zu können. Hierzu zählte etwa die Migration und Vereinheitlichung aller Kundeninformationen.

Was waren die grössten Baustellen?

Die Migration der Daten im Bereich Nichtleben etwa. Wir mussten rund eine halbe Million Verträge mit allen anhängenden Daten migrieren. Hierzu mussten wir zunächst automatisierte Migrationsprozesse entwickeln. Insgesamt dauerte es dann mehrere Tage, um die Daten zu migrieren. Inzwischen ist diese grosse Herausforderung bewältigt, aber es gibt noch Baustellen.

Diese wären?

Die Datenmigration im Lebensgeschäft, die wir dieses Jahr schrittweise durchführen. Einen ersten grossen Schritt unternahmen wir im März, die weiteren folgen im Laufe dieses Jahres. Eine weitere Baustelle ist der Rückbau der IT-Systeme von Nationale Suisse. Dieser muss schrittweise erfolgen. Eine Landschaft, die über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Einige Applikationen stammen teilweise noch aus den 1980er-Jahren und wurden laufend weiterentwickelt. Diese komplexen Systeme können wir nicht einfach über Nacht abstellen und ausmustern.

Das klingt, als hätten Sie die IT-Systeme der Nationale Suisse durch die Helvetia-Systeme ersetzt.

Der Grundsatz war, die Integration so schnell wie möglich durchzuziehen. Aus diesem Grund setzten wir auf bestehende Helvetia-Systeme, auch wenn es vergleichbare bei der Nationale Suisse gab. Ausserdem wollten wir einen Flickenteppich an Lösungen vermeiden. Wir übernahmen aber Lösungen, die bei Nationale Suisse in ihrer Form einzigartig waren. Hierzu zählt der Onlineversicherer Smile direct. Dessen eigene Lösung wird nun von uns weiterentwickelt. Dann gab es Speziallösungen etwa in den Bereichen Kunst- sowie Unfall- und Krankenversicherungen.

Wo stehen Sie heute in Bezug auf die organisatorische Integration?

Wir schlossen die Integration zu Beginn dieses Jahres ab. Dabei wurden einerseits Mitarbeitende der Nationale ­Suisse IT in die vier bestehenden IT-Ressorts von Helvetia integriert. Zusätzlich wurden zwei neue IT-Ressorts gebildet. Das eine umfasst die Architektur und IT-Prozesse, um diese Bereiche über alle IT-Ressorts hinweg zu verstärken. Das andere ist für die Entwicklung von Grossprojekten zuständig. Darin bündeln wir Know-how, um Projekte zeitnah und effizient durchziehen zu können.

Welche kulturellen Unterschiede gibt es, und wie gehen Sie mit diesen um?

Wir haben sehr viele Ähnlichkeiten, was unsere Werte angeht, wie etwa das Vertrauen. Wir mussten die Mitarbeiter von Nationale Suisse vor allem mit unseren Abläufen vertraut machen. Darüber hinaus organisierten wir Team-Events, damit sich die Mitarbeiter beider Versicherungen besser kennenlernen können. Auch die Prozesse waren ähnlich. Es gab in beiden Firmen bereits Ansätze moderner Entwicklungsmethoden wie Scrum oder Kanban. Derzeit entwickeln wir ein Framework für alle Methoden. Wir wollen ein Baukastensystem entwickeln, um künftig rasch auf neue Anforderungen reagieren zu können.

Die Helvetia hat ein Trainee-Programm für IT-Fachkräfte ­gestartet. Weshalb?

IT-Absolventen sind am Markt begehrt und kommen rasch in der Wirtschaft unter. Das betrifft Profile in den Bereichen Business Engineering, Software Engineering, Projektleitung und Solution Architecture. Das Programm ist eine Massnahme, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Wir stehen hier in einer starken Konkurrenz zu anderen Firmen, aber auch zu anderen Branchen. Helvetia hat schon seit einigen Jahren ein Trainee-Programm. Dieses dehnten wir nun auf die IT aus, um den Nachwuchs in unserem Bereich zu fördern. Die Trainees durchlaufen verschiedene Stationen. Das ist auch abhängig von der Eignung der Kandidaten.

Was sind das für Kandidaten?

Oft sind das Personen, die eine Lehre im Versicherungsbereich durchliefen und anschliessend ein IT-Studium gemacht haben. Das sind Werdegänge, die für uns besonders interessant sind. Diesen Fachkräften wollen wir einen Einstieg anbieten und sie als neue Kollegen gewinnen. Hierfür coachen wir die Trainees und zeigen ihnen ihre Stärken und Schwächen auf. Das hilft ihnen, den geeigneten Bereich zu finden, in dem wir sie nach dem Trainee-Programm einsetzen können.

Wie lange dauert es, um eine IT-Stelle neu zu besetzen?

Das dauert im Schnitt einige Monate. Wir haben den Vorteil, dass wir in zwei Wirtschaftsräumen rekrutieren können. Einmal am Standort St. Gallen mit seinen Einzugsgebieten Bodenseeraum und Vorarlberg. Zum anderen haben wir Basel als Hauptsitz des Schweiz-Geschäfts. Das Einzugsgebiet strahlt aus bis nach Frankreich, Deutschland und Österreich. In der Nordwestschweiz, wo der Grenzübertritt zwischen der Schweiz und dem Elsass beziehungsweise dem Südbadischen leicht ist, gelingt es uns allerdings einfacher als in der Ostschweiz, Fachkräfte zu rekrutieren.

Was macht die Helvetia noch, um dem Fachkräftemangel entgegen­zuwirken?

Wir gehen raus und besuchen Events, um den Menschen vor Ort die Attraktivität der Versicherungsbranche aufzuzeigen. Wichtig ist für uns, auch die internen Mitarbeiter zu fördern. Hierauf zielen viele unserer Massnahmen ab. Das machen wir etwa, indem wir eigene Ausbildungsgänge anbieten und die externe Weiterbildung fördern. Wir wollen lieber gute Mitarbeiter halten, als neue gewinnen.

Sie haben nach dem Zusammenschluss von Helvetia und ­Nationale Suisse die Leitung der IT übernommen. Zuvor verantworteten Sie die Finanzen bei Nationale Suisse. Haben Sie den Schritt schon bereut?

Ich brachte ja zusätzlich zu meiner Erfahrung im Finanzbereich einen IT-Background mit. Mir wurde damals schnell bewusst, dass jetzt die spannendste Zeit ist, um in der IT zu arbeiten.

Weshalb?

Es gibt aktuell einen regelrechten Hype in der Digitalisierung. Die Bereitschaft der obersten Unternehmensorgane, in IT zu investieren, war wohl nie höher als heute. Das Business hat die Vorteile und den Gewinn erkannt, den die IT dem Business ermöglicht. Während noch vor wenigen Jahren in der IT gespart wurde, erhalten wir heute die Mittel, um die Digitalisierung der Geschäftsprozesse voranzutreiben.

Mit welchen Digitalisierungsprojekten befasst sich die Helvetia?

Wir verfolgen insbesondere Projekte in drei Stossrichtungen: Online, Smart Data/Analytics und Automation. Im Onlinebereich entwickeln wir Selfservice-Lösungen für unsere Kunden und Vertriebspartner. Von der Offerte bis zum Abschluss, der Policenverwaltung und Schadensmeldung wollen wir möglichst alles digital abbilden. Unsere Angebote entwickeln wir im Responsive Design, damit sie auch auf Mobile Devices attraktiv und einfach zu bedienen sind.

Wie sieht es im Bereich Smart Data/Analytics aus?

Wir wollen Datenanalysen für verschiedene Felder nutzen. Hierzu zählen etwa das Pricing und die Betrugserkennung. Insbesondere hier sehen wir viel Potenzial für Analytik­lösungen. Wir kooperieren hierfür mit verschiedenen Partnern, und das immer häufiger. Die Kooperation mit externen Partnern hilft uns, Geschwindigkeit, Kapazität, Top-Know-how und Skalierbarkeit zu erreichen.

Wie sieht es in der Security aus?

Für uns geht Security Hand in Hand mit Smart Data/Analytics. Beide Bereiche helfen uns, Datenqualität und Datensicherheit sukzessive zu optimieren. Zum einen müssen wir die Daten unserer Kunden schützen. Analytik-Vorhaben sind stete Herausforderungen im Bereich der Datensicherheit und des Datenschutzes. Zum anderen spielt aber auch die Datenqualität eine wichtige Rolle. Die analytischen Schlussfolgerungen sind nur so gut wie die Basisdaten. Daher müssen diese sehr gut aufbereitet sein.

Inwieweit war die IT-Integration der Nationale Suisse Auslöser für Digitalisierungsprojekte?

Vor der Fusion rechneten sich gewisse Automatisierungsschritte für Helvetia alleine nicht. Die manuelle Datenverarbeitung war in manchen Bereichen schlicht kostengünstiger. Heute ist die Situation eine völlig andere. Durch den Zusammenschluss erhöhten sich die Anzahl der Kunden und die Grösse der Datenbestände. Dadurch rechnet es sich für uns, verschiedene Prozesse automatisch abzuarbeiten.

Nutzen Sie hierfür Cloud-Architekturen?

Wir arbeiten mit einem hybriden Cloud-System. Wir nutzen intensiv unsere Private-Cloud-Umgebung mit einem hohen Virtualisierungsgrad. Diese ergänzen wir vereinzelt mit SaaS-Lösungen aus der Public Cloud. Eine grosse Herausforderung ist der Schutz der Daten in der Public Cloud. Leider bieten die grossen Provider in der Schweiz keine eigenen Datacenter an. Wir können die Personendaten aber nicht im Ausland speichern. Deshalb können wir nicht den schnellen Weg gehen, den wir aus technischer Sicht gerne beschreiten würden.

Aber es gibt doch auch vergleichbare Angebote in der Schweiz?

Diese existieren zwar, nur sind sie finanziell unattraktiver und weniger weit entwickelt. Ich möchte kein Bashing betreiben, aber die Schweizer Anbieter können noch nicht mit Microsoft, Google oder AWS mithalten. Die operieren mit ganz anderen Skaleneffekten und bieten daher äusserst attraktive Preisstrukturen an. Ich gehe aber davon aus, dass sich die Schweizer Anbieter weiter etablieren werden und dadurch in Zukunft ähnlich attraktive Skaleneffekte erzielen können.

Wer treibt die Digitalisierung in der Helvetia voran, die IT oder das Business?

Wir sehen uns als gleichberechtigte Partner, schliesslich können wir die Digitalisierung nur gemeinsam voranbringen. Wer nach modernen agilen Methoden arbeitet, kann diese nicht nur im Business oder in der IT anwenden. Fachleute aus beiden Bereichen müssen kooperieren. Im Business besteht in den einzelnen Fachbereichen viel Know-how zu Technologien. Es wird von uns dennoch erwartet, dass wir neue Technologien aufzeigen und Lösungen anbieten. Inputs von der IT sind im Business stets willkommen. Im Gegenzug erwarte ich auch diese Bereitschaft vom Business.

Wie sehen Ihre weiteren Ziele für dieses Jahr aus?

Zentral ist für mich die Entwicklung einer neuen IT-Strategie. Wir haben im März unsere Unternehmensstrategie Helvetia 20.20 vorgestellt, die unter anderem die Stärken der Digitalisierung nutzt. Darauf bauen wir unsere IT-Strategie der kommenden Jahre auf. Hinzu kommt die Überarbeitung unserer IT-Architektur. Wir wollen eine Architektur schaffen, die sich bewährt und sich flexibel genug zeigt, um auch auf künftige und unvorhergesehene Anforderungen reagieren zu können.

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