Editorial

Blockchain – die nächste IT-Revolution?

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Oliver Schneider, Redaktor, Netzwoche. (Source: Netzmedien)
Oliver Schneider, Redaktor, Netzwoche. (Source: Netzmedien)

Es ist beinahe ein Naturgesetz der IT-Welt, dass sie alle paar Jahre von technologischen Neuerungen von Grund auf durchgeschüttelt wird. In den 80er-Jahren war es der Personal Computer, der die IT aus den Grossrechnern auf die Bürotische holte. Um die Jahrtausendwende erfuhr das Internet den Durchbruch, der Wirtschaft und ­Gesellschaft nachhaltig veränderte. Vor gut zehn Jahren kamen die ersten modernen Smartphones auf den Markt. Wer kann sich heute noch ein Leben ohne die digitalen Helferlein vorstellen? Stets stellt sich die Frage, woher die nächste technische Revolution kommen könnte. Gerne würde man wissen, was die IT übermorgen bewegen wird und welche Start-ups sich zum nächsten Google, Amazon oder Facebook entwickeln. Einige Experten prognostizieren, die künstliche Intelligenz werde unseren Umgang mit Computern völlig verändern. Andere orakeln, das Internet der Dinge werde dereinst alle Menschen, Maschinen und Produkte vernetzen. Ein anderer Hype ist die Blockchain. Das Prinzip der verteilten und kryptografisch ver­knüpften Datenbank verspricht, dass sich künftig nicht nur Informa­tionen, sondern auch Werte sicher über das Internet tauschen und handeln lassen.

Und hier wird es für die Schweiz interessant. Anders als bei früheren IT-Revolutionen ist unser Land bei der Blockchain nämlich von Anfang an vorne mit dabei. Während sich das Silicon Valley für das Thema erstaunlich wenig interessiert, ist in der Schweiz in den vergangenen Jahren eine beachtliche Crypto-Community entstanden. Vor allem im sogenannten Crypto Valley, dem die Titelgeschichte dieser "Netzwoche"-Ausgabe gewidmet ist, aber auch anderswo arbeiten Start-ups und etablierte IT-Firmen an Lösungen auf Grundlage der Blockchain. Dabei geht es längst nicht mehr nur um Kryptowährungen und ICOs, sondern um Anwendungen für verschiedenste Branchen und Probleme. An Veranstaltungen wie dem Zürcher "Blockchain Summit" treffen Investoren auf junge Programmierer und neue Geschäftsideen. Es herrscht Goldgräberstimmung in der Krypto-Welt.

Das alles ist vielversprechend und eine Chance für den IT-Standort Schweiz. Doch gilt es nun, einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Blockchain-Technologie ist noch sehr jung. Praktische Anwendungen sind dünn gesät und viele Fragen unbeantwortet – rechtlich, technisch und kommerziell. Zudem zeigt die Vergangenheit, dass sich längst nicht alle Versprechungen der IT-Welt bewahrheiten müssen. Folgt man dem Hype-Zyklus der technologischen Entwicklung, ­dürfte der Crypto-Branche das gefürchtete "Tal der Enttäuschungen" noch bevorstehen. Das ist allerdings kein Grund zur Resignation. Das Potenzial der Blockchain ist da. Was es jetzt braucht, ist Nüchternheit, Kooperation und Durchhalte­vermögen.

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