Editorial

Wenn Ideen unter Druck entstehen

Uhr | Aktualisiert
Joël Orizet, stv. Chefredaktor. (Source: Netzmedien)
Joël Orizet, stv. Chefredaktor. (Source: Netzmedien)

Für Digitalagenturen geht es ans Eingemachte. Texte, Konzepte, Designs und Code – alles generiert sich wie von selbst. Was früher Wochen oder Monate an Arbeit erforderte, entsteht heute in Tagen, manchmal sogar in Stunden. 

Wie schnell sich der Markt verschiebt, lässt sich nur ansatzweise aus aktuellen Studien ablesen. Drei Viertel der erwachsenen Bevölkerung hierzulande nutzen KI-Dienste im Alltag – vor zwei Jahren lag der Anteil noch unter 50 Prozent, wie aus einer Umfrage von Innofact im Auftrag von Comparis hervorgeht. In der Altersgruppe der 18- bis 35-Jährigen beträgt die Nutzungsrate aktuell sogar über 90 Prozent. 

Die rasche Verbreitung von Tools wie ChatGPT verändert die Spielregeln für Agenturen grundlegend, wie Gerhard Andrey, Nationalrat (Grüne/FR) sowie Mitgründer und Partner der Digitalagentur Liip, im Live-Interview sagt. Und mit dem zunehmenden Einsatz solcher Tools verschiebt sich die Wertschöpfung: Wenn Werkzeuge günstiger und schneller werden, verliert reine Produktion an Wert. Gleichzeitig wächst der Anspruch, Projekte klar zu differenzieren – über Idee, Integra­tion und Wirkung. 
Gerade dieser Handlungsdruck schafft jedoch auch Raum für neue Ansätze. Kreativität entsteht selten im luftleeren Raum. Sie braucht Reibung, Einschränkungen und klare Ziele. Davon zeugte auch die diesjährige Ausgabe von Best of Swiss Web. 317 Einreichungen und 79 nominierte Projekte machten deutlich: Die Szene zieht sich nicht zurück. Sie verschiebt ihren Fokus. Viele der ausgezeichneten Arbeiten setzen genau dort an, wo Standardisierung zunimmt – und schaffen Differenz durch integrierte Lösungen, die technische, inhaltliche und strategische Ebenen miteinander verknüpfen.

Einige Projekte treiben die Automatisierung selbst voran, etwa mit KI-gestützten Prozessen im Vertrieb oder in der Kundeninteraktion. Andere stärken Plattformmodelle und integrieren Content, Commerce und Services in durchgängige Nutzer­erlebnisse. Und wieder andere stellen den gesellschaftlichen Nutzen ins Zentrum, etwa indem sie digitale Partizipation ermöglichen oder komplexe Zusammenhänge für eine breite Öffentlichkeit zugänglich machen. Die diesjährigen Gewinner zeigen vielfältige Ansätze, doch sie eint ein gemeinsamer Grundsatz: Erfolgreiche Digitalprojekte entstehen nicht im Selbstzweck – sie richten sich konsequent an konkreten Problemen aus und messen sich daran, ob sie im Alltag bestehen.

Die Herausforderungen durch KI verschwinden damit nicht. Im Gegenteil: Sie dürften weiter zunehmen. Doch die von Best of Swiss Web gekürten Projekte zeigen, dass wirtschaftlicher Druck nicht nur Risiken birgt, sondern auch als Katalysator für kreative Problemlösungen wirkt. Wer sich auf reine Umsetzung reduziert, riskiert seine Wettbewerbsfähigkeit. Doch wer Probleme ernst nimmt, mit Einschränkungen arbeitet und daraus tragfähige Lösungen entwickelt, wertet seine Rolle im Wertschöpfungsprozess auf. Die Werkzeuge selbst werden austauschbar. Entscheidend bleibt, wer sie auch unter Druck so einsetzt, dass Ideen tatsächlich etwas bewegen, Abläufe verbessern oder Menschen gezielt unterstützen.

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