Neustart mit Altlasten
Neuer Name, neues Kürzel, neuer Anlauf: Mit dem elektronischen Gesundheitsdossier (E-GD) will der Bund das elektronische Patientendossier (EPD) ablösen – und möglichst auch dessen Schwächen überwinden. Automatisch eröffnete Dossiers mit Widerspruchsmöglichkeit, eine einheitliche, zentrale Infrastruktur und mehr strukturierte Daten sollen aus dem PDF-Friedhof ein alltagstaugliches Instrument machen.
Der Neustart ist überfällig. Selbst bei planmässiger Umsetzung kann das neue System laut Bundesamt für Gesundheit frühestens 2030 in Betrieb gehen. Dann werden 23 Jahre vergangen sein, seit der Bundesrat den Aufbau des EPD zum Ziel erklärte. Der damalige Anspruch, den elektronischen Zugang zu behandlungsrelevanten Informationen bis 2015 schweizweit zu etablieren, ist schlecht gealtert. Denn statt zum digitalen Rückgrat des Gesundheitswesens zu werden, ist das EPD heute ein Lehrstück des digitalpolitischen Scheiterns: zu kompliziert, zu wenig integriert und im Alltag kaum von Nutzen.
Was lässt sich daraus lernen? Ein Gesundheitsdossier hilft nur, wenn viele Patientinnen und Patienten es nutzen, Praxen und Spitäler die Daten direkt einspeisen und Gesundheitsfachpersonen rasch auf die Informationen zugreifen können. Beim EPD bremste jedoch eines das andere. Schon wer ein Dossier eröffnen wollte, musste zumindest anfangs einen bürokratischen Hindernislauf bewältigen. Auch für ambulante Leistungserbringer blieb der Anschluss weitgehend freiwillig. So fehlte dem EPD die kritische Masse. Und selbst angeschlossene Einrichtungen mussten oft einen Umweg nehmen: Sie griffen über separate Portale auf das EPD zu, statt ihre Anwendungen direkt anzubinden. Das schuf Zusatzarbeit. Wenig Nutzung brachte wenig Nutzen – und umgekehrt.
Auch der Datenfluss kam zu kurz. Das EPD wurde vom Ende her gedacht: als Ort, an dem Dokumente landen. Zu wenig Beachtung fand der Weg dorthin. Daten entstehen in Praxen, Spitälern, Laboren und Apotheken, und zwar in unterschiedlichen Systemen und Formaten. Sie müssen strukturiert vorliegen, sicher fliessen und im entscheidenden Moment bereitstehen. Fehlt an einer Station die Verbindung, bleibt am Ende zwar ein Dossier, aber kein funktionierender Informationsfluss.
Diese Brüche gehören zu den hartnäckigsten Altlasten des Neustarts. Mit einer zentralen Infrastruktur will der Bund Doppelspurigkeiten abbauen, mit gemeinsamen Standards den Datenaustausch erleichtern und mit klaren Zuständigkeiten Entscheidungen beschleunigen. Doch all das hilft nur, wenn Anwendungen, Institutionen und Arbeitsabläufe ineinandergreifen.
Der zweite Anlauf muss sich dort bewähren, wo der erste stecken blieb: im Alltag. Entscheidend ist, ob das Dossier die Arbeit der Gesundheitsfachpersonen erleichtert und die Versorgung verbessert. Wie deutlich das EPD dieses Ziel verfehlte, führt Jürg Lindenmann in seinem "Requiem fürs EPD" pointiert vor Augen. Sein Nachruf ist zugleich eine Warnung an den Nachfolger: Das E-GD muss nicht nur funktionieren, sondern auch Vertrauen zurückgewinnen.
Doch ein neuer Name, ein neues Kürzel und eine neue Architektur reichen dafür nicht aus. Das E-GD muss einlösen, was die Reform verspricht: Gesundheitsinformationen sollen ohne Medienbrüche durch die Versorgung fliessen, Doppelspurigkeiten verschwinden und der administrative Aufwand sinken. Beim EPD geschah oft das Gegenteil. Wo Anwendungen nicht miteinander sprachen, mussten Gesundheitsfachpersonen selbst die Brüche zwischen den Systemen überbrücken. Aus einem technischen Problem wurde zusätzliche Arbeit. Wie viel Zusatzaufwand das E-GD den Gesundheitsfachpersonen tatsächlich erspart, wird zeigen, ob der Neustart seinen Namen verdient.
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