Asut Kolloquium

Die Megatrends in der Mobilität

Uhr | Aktualisiert

Autonomes Fahren, Elektromobilität und die Sharing-Economy sind nur einige Aspekte, welche die Zukunft der Mobilität prägen werden. Am 17. Asut Kolloquium sprachen Vordenker darüber, welchen Einfluss diese Trends auf die Schweiz haben könnten.

Am gestrigen Mittwoch hat der Verband Asut sein 17. Kolloquium im Kursaal in Bern abgehalten. Rund 400 Gäste erschienen zur Veranstaltung, die unter dem Motto "Mobilitätsstadt Schweiz" stand. In zahlreichen Vorträgen betrachteten die Referenten die Zukunft der Mobilität weltweit und auch in der Schweiz. Als Partner des Events fungierten der Touring Club Schweiz (TCS) und die Schweizerische Verkehrstelematik-Plattform (ist-ch). Durch die Veranstaltung führte als Moderatorin Florence Boinay von FLO Communications.

Digitalisierung erfasst Mobilität immer stärker

Als erster Referent trat Wilfried Steffen von Steffen Advisory auf die Bühne. Er war bis vor kurzem Leiter Business Innovation beim Autohersteller Daimler. Unter seiner Leitung führte das Unternehmen den Carsharing-Dienst "Car2Go" ein, den Daimler inzwischen weltweit betreibt.

Die Digitalisierung in der Mobilität ist für Steffen einer der wesentlichen Treiber der Veränderungen, da sie neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Er nannte diese Entwicklung "E-Commerce in der Mobilität", da bestehende Strukturen durcheinandergeworfen werden. Ähnlich wie Amazon oder Zalando den Einzelhandel veränderten, bringen neue Player wie Lyft oder Uber Bewegung in den traditionellen Mobilitätsmarkt.

Als einen weiteren Treiber der Veränderungen identifizierte Steffen das autonome Fahren. Viele Autohersteller seien auch schon dort eingestiegen, und das Potenzial für die Zukunft sei enorm. So rechnet McKinsey in einer Studie etwa, dass bis 2030 15 Prozent aller Autos autonom fahren werden, wie Steffen sagte. Damit eröffne sich auch ein neuer Kreis für Nutzer. Ältere Menschen, behinderte Personen oder auch Kinder könnten autonome Fahrzeuge nutzen, ein Führerschein werde dafür nicht mehr gebraucht. Gleichzeitig ist das autonome Fahren ein Bereich, in dem viele unterschiedliche Technikgruppen zusammenkommen. Ob nun Kartenanbieter, Sensorenspezialisten oder Softwareentwickler. Das autonome Fahren ist eine Gemeinschaftsleistung, die nicht nur ein Unternehmen alleine stemmen kann, wie Steffen betonte.

Autohersteller haben bereits reagiert

Ein weiterer grosser Trend sei das elektrische Automobil. Vor wenigen Jahren sei diese Technologie noch belächelt worden, sagte Steffen. Mit dem Markteintritt von Tesla und dem Dieselgate um VW habe sich dies grundlegend geändert. Der Technologie gehöre die Zukunft, zeigte sich Steffen überzeugt.

Die Automobilindustrie schaut sehr genau auf diese Entwicklung, wie Steffen betonte. Mit Partnerschaften und Zukäufen reagieren diese auf die Herausforderungen. "Die Automobilindustrie ist für Partnerschaften so offen wie nie zuvor", sagte er. Zudem seien Autokonzerne für Start-ups die idealen Partner, da sie neben Kapital auch Kunden und die nötigen Infrastrukturen mitbrächten. Die Automobilindustrie müsse sich zwar neu erfinden, sie sei aber schon mittendrin, zeigte sich Steffen überzeugt.

Die drei "Ds" der Veränderung

Jörg Beckmann sprach im Anschluss über die drei grossen "Ds", welche die Mobilität verändern werden. Beckmann ist Direktor der Mobilitätsakademie des TCS, einem selbsternannten Think- und Do-Tank, wie Beckmann betonte.

Die drei "Ds" sind: Dekarbonisierung, Deprivatisierung und Demotorisierung. Hinter dem ersten "D" versteckt sich wie schon von Steffen betont der Trend hin zur Elektromobilität. Hinter der Deprivatisierung verbirgt sich für Beckmann die wachsende Rolle der Sharing Economy. Der Besitz eines Fahrzeugs werde an Bedeutung verlieren. Dabei positionieren sich die neuen Sharing-Anbieter in der Lücke zwischen privatem Individualverkehr und dem kollektiven Verkehr.

Unter Demotorisierung versteht Beckmann, dass gerade in städtischen Regionen mehr Wege zu Fuss oder mit dem Velo zurückgelegt werden. In diesem Zusammenhang präsentierte er das "alternative Stadtfahrzeug" der Zukunft: ein elektrisches Lastenvelo. Seiner Meinung nach lasse sich mit solchen Gefährten die Hälfte aller Lastentransporte bewältigen, für die sonst ein Auto genutzt wird.

Mit dem Dienst "Carvelo2go" hat die Mobilitätsakademie daher mit verschiedenen Partnern einen Sharing-Dienst für Lastenvelos eingeführt. Dieser wurde zunächst in Bern erprobt und expandiert jetzt auf weitere Grossstädte in der Schweiz.

Neue Plattform fürs autonome Fahren

Im Anschluss ging Beckmann auf das autonome Fahren ein. "Das autonome Auto hat mit dem Auto, wie wir es kennen, nichts mehr zu tun", sagte er. Es werde sich ein völlig neues Ökosystem entwickeln, da es viele heute selbstverständliche Dinge nicht mehr brauche. Begriffe wie Führerschein, Lenkrad oder auch Tankstelle würden in dem Sinne nicht mehr gebraucht.

Um über die Entwicklungen beim autonomen Fahren zu informieren, hat die Mobilitätsakademie im Auftrag des TCS und des Bundesamts für Strassen (Astra) das Webportal auto-mat.ch ins Leben gerufen. Beckmann präsentierte die Plattform auf dem Event erstmals der Öffentlichkeit. Auto-mat.ch soll Anlaufstation für alle möglichen Aspekte rund um das autonome Fahren sein. So biete sie etwas Einblick in nationale und internationale Projekte, wie auch rechtliche und ethische Fragestellungen. Die Plattform soll einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte leisten.

Wenn Mobilität zu einem Service wird

Wie die Zukunft der Mobilität aussehen könnte, zeigte der Finne Sampo Hietanen in seiner Präsentation. Er ist CEO des Verbands MaaS Global, wobei MaaS für Mobility-as-a-Service steht. Schon seit mehr als einem Jahrzehnt wirbt er für seine Vision von MaaS. Vor einigen Jahren sei es noch eine Vision gewesen und er sei belächelt worden, inzwischen sei MaaS jedoch ein ernstzunehmendes Konzept, betonte er.

Ähnlich wie bei anderen Services sollen Kunden zwischen verschiedenen Mobilitätspaketen wählen können. Abgerechnet werde dann individuell, je nach Nutzerbedürfnis. Dabei müsste ein MaaS-Angebot jedoch das gleiche Serviceversprechen bieten wie ein Auto. Der Nutzer müsse von A nach B kommen, ohne Unterbrechung, dies sei für den Erfolg von MaaS zentral.

Maas könne jedoch nicht von einem Unternehmen alleine betrieben werden. Die Plattform-Ökonomie biete hier keine ausreichende Antwort, betonte Hietanen. MaaS sei viel zu komplex. Für den Erfolg von Maas brauche es ein umfassendes Ökosystem mit vielen Verzweigungen, was gleichzeitig Platz für viele verschiedene Anbieter und Konzepte lasse.

Erste Pilotversuch erfolgreich gestartet

Einen ersten Pilotversuch für MaaS startete Hietanen vor kurzem in Helsinki unter dem Namen "WHIM". In einer App werden alle Mobilitätsmöglichkeiten in der Stadt zusammengeführt. Das Interesse der Nutzer sei sehr gross. Es gibt deutlich mehr Interessierte, als für den Pilotversuch zugelassen werden konnten, wie Hietanen sagte.

Bei dem Angebot werde auch ein Generationenunterschied ersichtlich. Laut Hietanen sind die meisten Nutzer sind zwischen 25 und 35 Jahre alt. Generell fragten sich jüngere Menschen eher, warum es MaaS noch nicht gäbe, betonte er weiter. Ältere Semester seien zurückhaltender.

In eine ähnliche Richtung gehen auch die SBB mit ihrem Pilotprojekt "Green Class". Bernhard Rytz, Leiter Digitalisierung bei den SBB, stellte das Projekt den Anwesenden vor. Für einen Jahrespreis von 12'000 Franken sollen 100 Testkunden ein ganzes Mobilitätspaket erhalten. Ausser einem eigenen elektrisch betriebenen BMW i3 gehört auch freier Zugang zu allen Verkehrsträgern in der Schweiz, ein 1.-Klasse-GA, Mobility Carsharing und Publibike dazu. Noch richtet sich das Angebot an das Premium-Segment.

Laut Ryth ist jedoch nicht auszuschliessen, dass es das Angebot auch für normale 2.-Klasse-Kunden geben könnte. Dann würde aber kein eigenes Elektroauto dazugehören, sondern eine Lösung mit Carsharing wäre denkbar, sagte er. Das Interesse an diesem Angebot ist sehr gross. Weit mehr als 1000 Personen hätten sich bisher für das Angebot interessiert.

Schweiz mit idealen Voraussetzungen

Der öffentliche Verkehr (ÖV) in der Schweiz zählt zu den am besten ausgebauten in der Welt. Mit dieser Basis habe die Schweiz die idealen Voraussetzungen für die Mobilitätszukunft, zeigten sich alle Referenten überzeugt. Es gelte jedoch, den Anschluss nicht zu verpassen und mit auf die neuen Herausforderungen zu reagieren, war eine weitere Erkenntnis am Event. Dabei gingen die Veränderungen gerade im Bereich der Mobilität teilweise explosionsartig vonstatten, wie etwa die Beispiele Uber oder Tesla zeigten.

Daher seien Prognosen im Bereich der Mobilität sehr schwierig. Die Planbarkeit über Jahrzehnte hinaus, wie bei den SBB bisher üblich, sei daher nicht mehr so ohne Weiteres möglich, betonte etwa Rytz. Die Fühler müssten daher in alle Richtungen ausgestreckt werden, um gut vorbereitet zu sein.

Ausser den Vorträgen präsentierten die Partner des Events in einer Ausstellung auch, welche konkreten Lösungsansätze es bereits auf dem Markt gibt. Der Event endete mit einem Netwoking-Apéro, der von den Anwesenden rege zum Austausch über die anregenden Vorträge genutzt wurde.

Webcode
DPF8_15269

Kommentare

« Mehr