Schicksalsjahr 2018

Die Schweizer Game-Branche zwischen Hoffen und Bangen

Uhr | Aktualisiert

Die Schweizer Game-Branche gedeiht und geniesst einen guten Ruf. Doch die Szene hat Sorgen. Die Game-Designer erhoffen sich mehr Unterstützung, auch durch die Politik. Der Standort Schweiz könnte den Anschluss zum Rest Europas endgültig verlieren, wenn sich nicht bald etwas tut.

(Source: AurielAki / Fotolia)
(Source: AurielAki / Fotolia)

In der Schweiz tummeln sich die Start-ups. Sie beschäftigen sich mit künstlicher Intelligenz, Fintech oder E-Health. Immer enger vernetzen sie sich mit Grossunternehmen, die von neuen Impulsen profitieren wollen. Es war vor drei Jahren, da standen die Game-Start-ups im Rampenlicht. Das Medieninteresse flackerte auf, als Parlamentarier 2015 beim Bundesrat einen Vorstoss zur Game-Förderung einreichten. Seither ist es ruhiger geworden um die Videospiel-Branche. 2018 könnte nun ein Schicksalsjahr für Game-Entwickler werden. Im Frühling wird der Bundesrat seinen "Bericht über das Potenzial der Schweizer Game-Industrie" veröffentlichen. Dem fiebert die Szene entgegen und verspricht sich neue Impulse. Trotz Prestige und Auszeichnungen blicken Schweizer Game-Designer mit gemischten Gefühlen in die Zukunft.

Im Schatten des Giganten

Dabei sieht die Game-Welt in der Schweiz lebhaft und gesund aus: Rund 80 Start-ups haben sich hier der Entwicklung von Videospielen verschrieben. 2017 setzten sie ungefähr 50 Millionen Franken um, wie der Verband Swiss Game Developers Association (SGDA) schätzt. Die SGDA hat bisher knapp 250 Schweizer Spiele dokumentiert. Sie bedienen alle möglichen Plattformen, von Windows, Mac, iOS, An­droid, Xbox One zu Playstation 4. Die Schweizer Game-Metropolen sind Zürich, Lausanne und Genf. An der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) haben seit 2004 fast 200 Studierende eine Ausbildung in Game-Design abgeschlossen. Ungefähr ein Drittel davon sind Frauen.

Der Landwirtschaftssimulator ist der Game-Bestseller der Schweiz. (Source: Giants Software)

Der Gigant in der Schweizer Game-Industrie ist Giants Software mit Sitz in Schlieren. Das Unternehmen entwickelt den "Landwirtschaftssimulator". Er ist ein globaler Erfolg und ein Schwergewicht im europäischen Markt. Die Bauernhofsimulation brachte bisher über 8 Millionen Franken ein. Rund 5 Millionen Downloads verzeichnet das Spiel in seinen unterschiedlichen Versionen, wie das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten berichtet. Was tut sich im Schatten des Riesen aus dem Kanton Zürich? Immer mehr, wie es scheint. "Aus kleinen Einzelentwicklern hat sich eine grosse Anzahl von KMUs entwickelt, die lokal erfolgreich Spiele entwirft und weltweit vertreibt", erklärt Matthias Sala, Präsident der SGDA.

Zu den aufstrebenden Namen gehört das Zürcher Start-up Stray Fawn Studio. Das Unternehmen beschäftigt sechs Mitarbeiter und entwickelt das Strategiespiel "Niche – A Genetics Survival Game". Darin kann man eine eigene Spezies erschaffen und ihr beim Überleben helfen. Bisher verkaufte sich das Spiel über 75 000 Mal und generierte einen Netto-Umsatz von 880 000 Franken. Das klingt nach einer beachtlichen Summe. "Aber sie reicht noch lange nicht, um das Geld auf Halde zu legen", sagt Philomena Schwab, Mitgründerin des Unternehmens.

"Niche" konnte international eine grosse Community aufbauen. (Source: Stray Fawn Studio)

Auch die Firma Blindflug Studios macht von sich reden. Ihr Game "First Strike: Final Hour" ist ein voller Erfolg. Der Umsatz des Spieles beträgt knapp 750 000 Franken. Es hat sich auf Mobile-Geräten und PCs insgesamt fast 270 000 Mal verkauft. Das Echtzeit-Strategiespiel lässt den Nutzer in die Rolle einer Atommacht schlüpfen und um das Schicksal der Erde taktieren. Blindflug Studios beschäftigt sieben Mitarbeiter und ist ebenfalls in Zürich beheimatet. Das Unternehmen plant zurzeit eine Expansion ins Ausland, wie CEO Moritz Zumbühl verrät.

Die grösste Erfolgsgeschichte neben Giants dürfte Urban Games aus Schaffhausen geschrieben haben. Ihr Transport-Management-Spiel "Transport Fever" hat sich über 300 000 Mal verkauft. Der Umsatz des Games beläuft sich auf 4,4 Millionen Franken. Für Urban Games arbeiten zehn Personen.

Zwischen Kreativität und Wirtschaft

"Schweizer Studios gewannen weltweit über 150 Preise", sagt Philippe Bischof, Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia. "Darunter viele sehr bedeutende an renommierten Festivals und Konferenzen." Neben dem SGDA Swiss Game Award vergibt etwa Best of Swiss Apps einen Preis in der Kategorie Games. Pro Helvetia unterstützt seit 2010 Videospiel-Projekte und hat sich seither als Hauptförderin in diesem Bereich hervorgetan. Laut eigenen Angaben investierte Pro Helvetia bisher über 1,3 Millionen Franken in die direkte Förderung von Game-Projekten. Pro Helvetia ist zwar für die Förderung von Kunst und Kultur zuständig. Ausser Kriterien wie Qualität und Innovation ist im Bereich der Games allerdings auch Markttauglichkeit gefragt. So will es die Kulturbotschaft des Bundes für die Jahre 2016 bis 2020, die grossen Wert auf die Schweizer Kreativwirtschaft legt. Wer sich mit einem Game bei Pro Helvetia bewirbt, muss einen Business- und Marketingplan einreichen.

Ist diese Gratwanderung zwischen Kunst und Kommerz nicht heikel? "An den Schnittstellen zwischen Kultur, Technologie und Wirtschaft eine nachhaltige und wirkungsvolle Fördertätigkeit zu entwickeln, war und ist eine grosse Herausforderung, die viel Austausch mit Partnern und ständige Entwicklungsbereitschaft erfordert", sagt Bischof. Gewünscht sei eine Verbindung zwischen "Kreation, Innovation und Markt". Eine Synthese also zwischen ästhetischem und wirtschaftlichem Potenzial.

Vom Studium in die Geschäftswelt

In seiner Kulturbotschaft von 2014 bemängelte der Bund, dass zu viele Fachkräfte ins Ausland abwanderten. Die Situation hat sich anscheinend nicht merklich verbessert. Es gebe in der Schweiz zu wenige Jobs für Game-Designer, sagen mehrere Branchenvertreter. Das sei auch der Grund, weshalb frischgebackene Entwickler ihr Glück zuweilen im Ausland suchen – etwa in Deutschland oder in den USA.

Die Krux liegt gemäss Philomena Schwab im Übergang vom Studium ins Geschäftsleben. Nicht alle Abgänger des Stu­diengangs Game-Design erhielten eine Stelle in der Videospiel-Branche. "Sie werden zum Beispiel 3-D-Architekten, Programmierer, Grafiker oder Interaction Designer", sagt die Mitgründerin von Stray Fawn Studio.

"Transport Fever" von Urban Games erwirtschaftete bisher 4,4 Millionen Franken Umsatz. (Source: Urban Games)

Dass Game-Entwickler in branchenverwandte Jobs abwandern, sei an sich noch kein Problem. "Wir halten es im Gegenteil sogar für sehr erfreulich, dass sich so viele Abgänger erfolgreich entweder direkt in der Game-Branche oder in der nah erweiterten Medienbranche behaupten", sagt Ulrich Götz, der die Fachrichtung Game-Design an der ZHdK leitet.

Schweizer Games und Schweizer Käse

Es gibt einiges, was den Standort Schweiz glänzen lässt. Mit den tiefen Steuern fängt es an. Die Entwicklerszene ist jung, gut ausgebildet und gut verknüpft – das sagt sie zumindest von sich selbst. "Das technologische und kreative Fundament in der Schweiz ist solide", ist Chris Solarski, Manager der International Game Developers Association (IGDA) Switzerland Chapter, überzeugt. Unternehmen wie Facebook, Disney und Magic Leap zeigten ernsthaftes Interesse an der Schweizer Game-Szene, vor allem was die Forschung betreffe.

Im Ausland scheint sich der Begriff "Swiss Games" langsam als Marke zu etablieren. "Schweizer Games sind fast schon wie Schweizer Käse", sagt Zumbühl von Blindflug Studios. Dass Schweizer ihre Videospiele auf dem internationalen Parkett vermarkten und verkaufen können, beweist Stray Fawn Studio. Das Start-up hat auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter zwei Mal rund 75 000 Franken eingeholt, um die Entwicklung der Spiele "Niche" und "Nimbatus" zu finanzieren.

"First Strike: Final Hour" von Blindflug Studios hat sich auf Mobile-Geräten und PCs 270 000 Mal verkauft (Source: Blindflug Studios)

Aber wenn "Swiss Games" eine Marke ist, weshalb sind hiesige Videospiele nicht beliebter und lukrativer? Etwa weil die Projekte zu klein und fragmentiert sind? Weil es nur ein einziges grosses Studio in der Schweiz gibt, nämlich Giants? Genau das vermutet Zumbühl von Blindflug Studios. Er wünscht sich viele Projekte, bei denen mehr als nur fünf Entwickler an einem Strang ziehen. So einfach sei das allerdings nicht. Wer in der Schweiz ein Game entwickeln wolle, müsse im Verhältnis zu anderen Ländern viel Geld in die Hand nehmen. Das ist eine oft gehörte Klage der Game-Designer: Die Arbeits- und Lebenskosten in der Schweiz seien zu hoch. "Dass sich die Schweizer Entwicklerszene aus eigener Kraft zu einer richtigen Game-Industrie aufschwingt, ist ein Ding der Unmöglichkeit", sagt Zumbühl. Aber kann und muss die Schweizer Game-Branche überhaupt weiterwachsen? Ist die derzeitige Videospiel-Landschaft nicht gross genug? Mehrere Entwickler sagen, dass die Branche wesentlich bedeutender sein könnte. Sie behaupten, die Schweiz verschenke viel Potenzial – und viel Geld. Skandinavische Länder wie Finnland machen es angeblich vor. Der Staat habe dort die Game-Produktion gezielt gefördert. Bereits 2012 generierten finnische Games 250 Millionen Euro Umsatz, wie das Aussenministerium Finnlands mitteilt. Das ist im Vergleich zur Schweiz in der Tat ein anderes Kaliber.

Öffentliche Förderung – ja oder nein?

Der Wunsch vieler Game-Entwickler ist klar und wenig überraschend: Sie wollen mehr Geld – komme es nun vom Staat, von Investoren oder von Stiftungen. Der Branchenverband SGDA will die Politik in die Pflicht nehmen. "Bisher wurden Games im politischen Alltag oder in politischen Strategien nicht berücksichtigt oder sind gar ausgeschlossen", sagt Verbandspräsident Sala. Dabei hat die SGDA allerdings nicht nur Förderung im Sinn, sondern auch bessere Rahmenbedingungen für Investoren.

Aber vielleicht krankt die Game-Branche gar nicht an fehlender Förderung. Vielleicht fehlt ihr eher ein gesunder Geschäftssinn. Das zumindest meint Basil Weber, CEO des Schaffhauser Erfolgsstudios Urban Games. "Nichts gegen öffentliche Fördergelder", sagt Weber. "Aber die Erfolgskriterien dafür sind nicht die gleichen wie am eigentlichen Markt. Und dieser bietet selbst ja auch viele Möglichkeiten für kleine Entwickler." Er denkt dabei an Crowdfunding-Plattformen wie Kickstarter. Webers Plädoyer: Weniger Experimente, mehr Business. Zumindest bis ein Studio am Markt etabliert sei.

Schweizer Videospiele sind bereits erfolgreich. Aber im europäischen Vergleich könnten und sollten sie erfolgreicher sein, da sind sich die Entwickler einig. Wie der Weg zum Erfolg aussieht, ist eine andere Frage. Dieses Jahr organisiert Pro Helvetia gleich zwei Ausschreibungen für Game-Projekte. Und der Bundesrat äussert sich zur Branche. Vielleicht kommt dadurch eine öffentliche Debatte in Gang – über die versteckte Game-Welt Schweiz, ihr Potential, über ihre Sorgen und Hoffnungen.

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