Swiss E-Health Forum - Tag 2

Woran die Digitalisierung der Spitäler krankt

Uhr | Aktualisiert

Wer die Chancen der digitalen Transformationen nutzen will, muss auch mal Klartext darüber reden, wo der Schuh drückt. Gelegenheit dazu bot der zweite und abschliessende Tag des E-Health-Forums. Ausser dem elektronischen Patientendossier trafen die Referenten einen weiteren wunden Punkt: Klinische Informationssysteme.

Martin Pfund, CIO des Kantonsspitals Graubünden, referierte unter dem Titel: "KIS 4.0 – Ein weiter und steiniger Weg". (Source: Netzmedien)
Martin Pfund, CIO des Kantonsspitals Graubünden, referierte unter dem Titel: "KIS 4.0 – Ein weiter und steiniger Weg". (Source: Netzmedien)

Während die Finanzindustrie zu den Musterschülern der digitalen Transformation zählt, gilt das Gesundheitswesen eher als lahme Ente. Spitäler steckten nur etwa 2 Prozent ihres Budgets in die Digitalisierung ihrer Prozesse, sagte Jürg Blaser, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik und Professor am Universitätsspital Zürich, am zweiten Tag des Swiss-E-Health-Forums in Bern.

Dass das Gesundheitswesen anderen Branchen hinterherhinke, habe durchaus gute Gründe, erklärte Blaser. "Wir müssen uns in erster Linie am Credo der Medizin orientieren, und das heisst: vor allem nicht schaden." Deswegen sei die Gesundheitsbranche gut beraten, Risiken genau abzuwägen und nicht in Euphorie zu verfallen.

Schöne digitale Welt

Dennoch locke die Digitalisierung im Gesundheitswesen mit verheissungsvollen Versprechungen. Ein Schwerpunkt liege derzeit auf der Mustererkennung bei der medizinischen Bildgebung, erklärte Blaser. Neuronale Netze seien etwa bei der dermatologischen Klassifizierung von Hautkrebstypen schon heute weitaus besser als Ärzte.

Eine weitere grosse Chance bestehe in der Selbstbestimmung von Patienten über ihre Daten. "Wir wünschen uns etwas Ähnliches wie im Bankengeschäft, wo heute jeder via Smartphone auf sein Konto zugreifen und bezahlen kann", sagte Blaser.

Jürg Blaser, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Informatik. (Source: Netzmedien)

Die Mühlen mahlen langsam

Es lägen aber auch Steine im Weg, die sich nur schwer wegräumen liessen. So trage etwa die Schweizer Politik eine Mitschuld für das langsame Schritttempo. "Der Föderalismus ist ein riesiges Handycap", merkte Blaser an. Zentralistische Regierungen hätten sicherlich ein leichteres Spiel, um ihr Gesundheitssystem zu modernisieren.

Andere Probleme seien eher hausgemacht. Eine der grossen Herausforderungen, welche die IT der Spitäler in den kommenden Jahren auf Trab halten werde, betreffe ihre Informationssysteme. Genauer gesagt: die Erneuerung der klinischen Informationssysteme (KIS).

Enttäuschte Erwartungen

KIS gelten als Digitalisierungsmotoren für Spitäler. Die Anbieter solcher Software locken mit dem Versprechen, Zeit und Kosten zu sparen. Bislang machten Leistungserbringer im Gesundheitswesen allerdings zwiespältige Erfahrungen mit den Angeboten von KIS-Anbietern, wie eine Recherche der "Netzwoche" zeigt. Die Digitalisierung berge zwar Sparpotenzial, doch die KIS würden den Anwendern mehr Zeit abverlangen, als sie unter dem Strich einsparen würden, lautete etwa das Fazit des Kantonsspitals Baselland.

Am E-Health-Forum sprachen gleich zwei Referenten über die Entwicklung der KIS in der Schweiz. Für das Projekt "KIS 4.0" bleibe noch viel zu tun, sagte Michael Lehmann, Professor für Medizininformatik an der Berner Fachhochschule. Die Hersteller müssten daran arbeiten, bessere User Interfaces und nützliche Funktionen einzuführen. Zudem müssten Datenquellen zusammengeführt und Stamm- sowie Metadaten vereinheitlicht werden. "Bis es so weit ist, braucht es Zeit und Geld", sagte Lehmann.

Michael Lehmann, Professor für Medizininformatik an der Berner Fachhochschule. (Source: Netzmedien)

Digitalisierung als Kraftakt

Diese Einschätzung teilte Martin Pfund, CIO des Kantonsspitals Graubünden. Geld sei in Kliniken leider Mangelware. "Deswegen ist die Digitalisierung für uns ein Kraftakt", merkte er an.

Die KIS-Hersteller hätten es nicht leicht. Der Schweizer Markt für solche Systeme wachse nur sehr begrenzt. Und es drängten US-amerikanische Softwarehersteller in den Markt, die den bestehenden Anbietern das Geschäft streitig machen wollten. "Da wird noch einiges passieren", sagte Pfund.

Martin Pfund, CIO des Kantonsspitals Graubünden. (Source: Netzmedien)

Auch mal vor der eigenen Tür kehren

Dies sei auch gut so. Die Hersteller müssten klare Strategien und Geschäftsmodelle entwickeln. Etwa für Integrationsplattformen, Managed Services, Design Thinking. "Und sie müssen endlich den Patienten in den Mittelpunkt stellen", sagte Pfund. Es brauche mehr mobile Lösungen, mehr Kreativität bei der Umsetzung, Prozessorientierung und die Möglichkeit, schnelle Datenanalysen zu machen.

Schliesslich müssten sich auch die Spitäler an die eigene Nase fassen. Denn dass es an Standardisierung fehle, liege auch daran, dass die IT-Abteilungen haufenweise Spezialwünsche einzelner Ärzte umsetzten. So sei es kein Wunder, dass die Datenlandschaften einem Wildwuchs glichen.

Weder "Best of Breed" noch Monolith

"Das KIS der Zukunft muss die Ziele der Digitalisierung unterstützen", forderte Pfund. Die Software müsste also Daten in maschinenlesbarer Form so bereitstellen, dass die Leistungserbringer daraus einen Mehrwert ziehen könnten. Zudem sollte ein KIS Organisationen dabei unterstützen, Prozesse zu automatisieren und Systemakteure zu vernetzen.

Bei der Frage, ob ein KIS nach dem Prinzip "Best of Breed" aufbauen sollte, oder aber in einem monolithischen Guss daherkommen sollte, lautete Pfunds Antwort: "Weder noch!" Ein KIS müsste zwar möglichst homogen sein und alle Basisinformationen aus einem Guss abbilden. "Es braucht aber auch Raum und Anbindungen für Spezialsysteme, etwa für die Radiologie oder für Labore." Individuelle Softwareanpassungen müssten die Entwickler allerdings auf ein Minimum beschränken. Sonst drohten Sinn und Zweck der Digitalisierung ins Gegenteil zu verkehren.

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