"Bankverbindungen stehen nicht in der Blockchain"

Wie Postfinance die Blockchain einsetzen will

Uhr | Aktualisiert

Ist die Blockchain bloss ein Hype? Nein, sagt Postfinance. Die Bank arbeitet mit Energie Wasser Bern an einer Blockchain-Lösung. Projektleiter Matthias Egli und Thomas Goetz, stellvertretender Leiter IT-Architektur bei Postfinance, haben der Redaktion erklärt, was es dabei für Herausforderungen gibt.

Thomas Goetz, stellvertretender Leiter IT-Architektur bei Postfinance (l.), und Matthias Egli, Leiter des Projekts "Blockchain for Utility" bei Postfinance. (Source: zVg)
Thomas Goetz, stellvertretender Leiter IT-Architektur bei Postfinance (l.), und Matthias Egli, Leiter des Projekts "Blockchain for Utility" bei Postfinance. (Source: zVg)

Seit wann hat Postfinance ein Blockchain-Team?

Thomas Goetz: Wir beschäftigen uns bei Postfinance seit rund drei Jahren mit der Blockchain. Unsere Geschäftsleitung erkannte das Potenzial der Technologie schon früh. Wir vereinbarten, mit einem kleinen Team loszulegen, um schnell erste Erfahrungen zu sammeln.

 

Wie gross ist das Team?

Goetz: Das Kernteam hat vier Mitarbeiter. Für Frontend-Anwendungen greifen wir zusätzlich auf Externe zurück. Die Blockchain-Lösung entwickeln wir aber intern.

 

Was für eine Lösung entwickelt Postfinance?

Matthias Egli: Wir arbeiten mit Energie Wasser Bern am Projekt "Blockchain for Utility" (B4U). Es verfolgt das Ziel, Energie dezentral über eine Blockchain abzurechnen.

 

Warum braucht es dafür eine Blockchain-Lösung?

Egli: Der Energiemarkt verändert sich stark. Es gibt nun Stromkonsumenten, die einen Teil ihres Verbrauchs selbst produzieren – sogenannte Prosumer. Und der Strommarkt dezentralisiert sich zunehmend. In einem solchen Umfeld ist es sinnvoll, eine Blockchain zu nutzen.

 

Was wollen Sie über die Blockchain abwickeln, was nicht?

Goetz: Wir protokollieren, wer wie viel Energie produziert und konsumiert. Nicht über die Blockchain gelöst sind die Identitätsverwaltung und die Bezahlung.

 

Zahlungen wären aber eine ideale Blockchain-Anwendung.

Egli: Ja, aber die Akzeptanz von Kryptowährungen ist gering. Nur wenige Kunden würden Rechnungen mit Bitcoin oder Ether bezahlen. Der Kryptomarkt ist zudem äusserst volatil und der Wert der Währungen schwankt stark.

 

Und wenn der E-Franken kommt?

Egli: Der E-Franken ist eine spannende Idee und wir beobachten genau, wie sich der Markt entwickelt. Vorerst geht es für uns aber nicht um grosse Visionen – wir müssen zuerst weitere Erfahrungen sammeln.

 

Wie weit ist das B4U-Projekt fortgeschritten?

Egli: Wir führen es gerade testweise auf dem Markt ein. Den Prototyp bauten wir 2017. Kunden können das Produkt voraussichtlich im Herbst erstmals nutzen.

 

Verlief das Projekt bis jetzt nach Plan?

Egli: Ja, es verläuft etwa so, wie erwartet. Wir entschieden uns im Mai, einen Proof-of-Concept zu machen. Ende 2017 startete die Pilotphase. Nun führen wir regelmässig Status-Meetings durch, an denen auch die Geschäftsleitung von Energie Wasser Bern teilnimmt.

 

Welche Blockchain verwenden Sie im Projekt?

Goetz: Wir befassten uns zuerst mit öffentlichen Blockchains wie Ethereum. Wir entschieden uns dann aber, für unsere Geschäftsanwendungen auf Hyperledger Fabric von der Linux Foundation zu setzen.

 

Warum nicht Ethereum?

Goetz: Ethereum ist spannend, keine Frage. Für unseren Anwendungsfall bevorzugten wir aber eine private Blockchain, die sich flexibel einsetzen lässt und ein effizientes Konsensverfahren bietet.

 

Viele Blockchains skalieren nicht gut. Ist das ein Problem?

Goetz: Es kommt immer auf den Anwendungsfall an. Hyperledger Fabric kann durchaus mit höheren Transak­tionsvolumen umgehen. In unserem Projekt erwarte ich kein Problem mit der Skalierung.

 

Die Post arbeitet an einer E-ID. Funktioniert sie mit der Blockchain?

Goetz: Das ist geplant. Wir wollen die E-ID der Swiss Sign Group auch für unsere Blockchain-Projekte einsetzen.

 

Wer betreibt die Blockchain?

Egli: Postfinance und die Post wollen die Blockchain nicht allein betreiben und sind daran, dafür ein Konsortium aufzubauen. Die Idee dahinter ist es, das Vertrauen in die Blockchain zu erhöhen. Für ein Projekt wie unseres ist es keine gute Idee, wenn ein Unternehmen die alleinige Kontrolle über die Blockchain hat.

 

Warum?

Egli: Blockchains sind vor allem dann sinnvoll, wenn das Vertrauen und die Transparenz einer Lösung im Vordergrund stehen. Wir müssen darum vorsichtig sein und uns gut überlegen, wer die Blockchain betreibt, welche Daten wir in die Blockchain schreiben, und für welche Funktionalitäten wir sie nutzen.

 

Wo läuft die Blockchain?

Goetz: In den Rechenzentren der Konsortiumsmitglieder. Postfinance hat beispielsweise zwei Rechenzentren, insgesamt gibt es mehr als zwei Dutzend Kopien der Blockchain. Jedes Konsortiumsmitglied kann die Blockchain einsehen. Da der Datenschutz aber sehr wichtig für uns ist, legen wir nicht alle Daten auf der Blockchain ab.

 

Was steht nicht in der Blockchain?

Goetz: Persönlichkeitsdaten und Bankverbindungen stehen nicht in der Blockchain. Wir setzen auf asymmetrische Kryptografie und Hash-Funktionen, um die Daten zu verschlüsseln. Die Blockchain verrät also nicht, wer wie viel Strom nutzt. Wir können keine Verhaltensprofile aus der Blockchain ableiten.

 

Lässt sich die EU-DSGVO mit der Blockchain vereinbaren?

Goetz: Die EU-DSGVO ist für Blockchain-Projekte eine Herausforderung. Das Recht auf Vergessen ist mit einer Blockchain nur schwer umsetzbar. Viele Forscher und Universitäten arbeiten aber daran, das Problem zu lösen. Postfinance und die Post arbeiten dafür unter anderem mit der ETH Zürich zusammen. Blockchains sind noch ein relativ junges Phänomen.

 

Mussten Sie Ihre Mitarbeiter speziell schulen?

Egli: Postfinance entschied sich bewusst, Blockchain-Know-how intern aufzubauen. Wir experimentierten schon früh mit den Technologien und organisierten Workshops im kleinen Rahmen. Das befähigt uns nun dazu, den Markt und die Technologien beurteilen zu können.

 

Gab es weitere Hürden im Projekt?

Egli: Ja, die meisten sind aber nicht technologischer Natur. Wer ein Projekt mit der Blockchain umsetzt, merkt schnell, dass es eine Herausforderung ist, die Business-Anwender-Sicht abzubilden. Intern gab es aber keinen Widerstand. Im Gegenteil – dieses Blockchain-Projekt wurde sehr gut aufgenommen.

 

Sagen wir mal, Postfinance schliesst das Projekt erfolgreich ab. Werden wir dann bald weitere Blockchain-Projekte von Postfinance sehen?

Goetz: Davon gehe ich aus. Wir arbeiten an weiteren Projekten, aber diese sind noch nicht spruchreif.

 

Für Kunden ist die Blockchain oft kryptisch und nicht greifbar. Wie kann Postfinance seine Kunden für Blockchain-Lösungen begeistern?

Egli: Unsere Kunden sind nicht an der Lösung interessiert, weil sie auf Blockchain basiert, sondern weil sie eine einfache und vertrauenswürdige Abrechnung von Energie erlaubt. Welche Technologie dabei im Hintergrund läuft, interessiert die Stromkonsumenten eher nicht.

 

Können Postfinance-Kunden bald mit Kryptowährungen handeln? Oder diese sicher bei Postfinance lagern?

Goetz: Wir beobachten den Markt und diskutieren intern auch über Kryptowährungen. Im Moment sind aber keine Produkte in diesem Bereich geplant.

 

Wann wird Postfinance Kryptowährungen wie Bitcoin akzeptieren?

Goetz: Auch das ist vorläufig nicht geplant. Bitcoin spielt im Schweizer Zahlungsverkehr noch eine verschwindend kleine Rolle.

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