Interview mit den Gründern von Crypto Consulting

Warum viele Start-ups die Komplexität von ICOs unterschätzen

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Kryptowährungen wie Bitcoin erreichten letzten Dezember Höchststände - und befinden sich seither im freien Fall. Désirée Müller und Reto Stiffler glauben trotzdem an die Branche. Sie haben die Crypto Consulting AG gegründet und beraten Firmen in der Blockchain-Industrie. Ein Gespräch über Regulierung, Schneeballsysteme und Initial Coin Offerings.

Désirée Müller, Partner und CEO von Crypto Consulting sowie Reto Stiffler, Mitgründer, Partner und Chairman von Crypto Consulting. (Source: zVg)
Désirée Müller, Partner und CEO von Crypto Consulting sowie Reto Stiffler, Mitgründer, Partner und Chairman von Crypto Consulting. (Source: zVg)

Sie haben im Mai die Crypto Consulting AG mit Sitz in Zürich gegründet. Was bietet das Unternehmen an?

Désirée Müller: Crypto Consulting berät Unternehmen in der Kryptobranche. Dabei fokussieren wir uns auf Projekte mit hoher Qualität in der Schweiz und in Liechtenstein. Wir begleiten Start-ups bei Initial Coin Offerings (ICOs) und nehmen ihnen komplexe Aufgaben ab, etwa die Prüfung der Identität von Neukunden (KYC) oder die nötigen Massnahmen zur Verhinderung von Geldwäsche (AML).

Reto Stiffler: Wir sind Mitglied der Selbstregulierungs­organisation VQF. Der Verein hat sich der Bekämpfung von Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung im Finanzsektor verschrieben und wird auch von der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) anerkannt.

Gibt es viele Blockchain-Start-ups, die bei Ihnen anklopfen?

Müller: Ja, die Nachfrage ist noch immer hoch. Unter­nehmen in der Kryptobranche akquirierten dieses Jahr sehr viel Geld über ICOs. 2018 sind es bereits über 14 Milliarden US-Dollar. Das ist auch im Vergleich zur traditionellen Geldaufnahme über die Venture-Capital-Szene sehr viel.

Stiffler: Da es lange relativ einfach war, an Kapital zu kommen, gibt es viele schlechte Projekte. Einige sind Schneeballsysteme, andere publizierten zwar schöne Whitepapers, haben aber keine Substanz. Die Zeiten, in denen es einfach war, ICOs durchzuführen, sind aber vorbei.

Warum?

Müller: Die Regulatoren änderten die Rahmenbedingungen und erhöhten die Eintrittsbarrieren. Das verteuerte ICOs. Für Start-ups ist es nicht einfach, alle Bedingungen zu erfüllen. Wir erhalten viele Anfragen von Jungunternehmen, die nicht in die Regulierungsfalle tappen wollen.

Stiffler: Gerade das KYC kann sehr teuer sein. In der Schweiz gibt es im Prozess ein Oligopol, was die Preise zusätzlich hochtreibt.

Welche Projekte setzt Crypto Consulting um?

Stiffler: Wir sind gerade dabei, das Projekt Talketh.io abzuschliessen. Es verbindet Internettelefonie mit der Blockchain und ist vor allem für Entwicklungsländer interessant. Das nächste Projekt heisst Aqer. Es handelt sich dabei um einen blockchainbasierten Marktplatz, der Videoblogger und Brands zusammenbringt.

Was sind die grössten Herausforderungen in diesen Projekten?

Müller: Die Präsentation und die Kommunikation. Firmen müssen aufpassen, wie sie ihre Projekte anpreisen und wie sie auf potenzielle Kunden zugehen. Ein falsches Vorgehen kann dazu führen, dass die Finma hohe Anforderungen stellt – für Start-ups kann das teuer werden.

Gibt es weitere Stolperfallen?

Müller: Viele Start-ups unterschätzen die Komplexität von ICOs. Wer ein Krypto-Start-up gründen will, muss sich mit Ökonomie (Token-Economics), Recht (KYC, AML) und Software (Smart Contracts, dApps) auskennen. Die Firmen brauchen für jeden Bereich qualifizierte Mitarbeiter.

Stiffler: Gerade das Schreiben von Smart Contracts ist nicht einfach. Die meisten Projekte nutzen Ethereum und die Programmiersprache Solidity. Sie ist sehr anspruchsvoll, und viele Programmierer sind mit der Sprache noch nicht vertraut. Smart Contracts laufen ja automatisch ab und lassen sich nicht stoppen. Darum sollten sie fehlerfrei sein. Neue Plattformen wie EOS und Cardano arbeiten aber daran, diesen Prozess zu vereinfachen.

Sind KYC und AML wirklich für alle Projekte nötig?

Müller: Eigentlich nicht, wir machen es aber präventiv für alle Projekte, weil noch unklar ist, wie die Kryptobranche genau reguliert wird.

Stiffler: Bei der Finma bekommt man fast keinen reinen Nutzungs-Token (Utility Token) mehr durch, da meistens eine Zahlungsfunktion (Payment Token) integriert ist, wofür KYC und AML nötig sind. Das kann schnell teuer werden, obwohl wir bei Crypto Consulting versuchen, die Prozesse möglichst zu automatisieren.

Wie teuer ist eigentlich ein ICO?

Stiffler: Ein seriöses ICO kostet zwischen 500 000 und 750 000 Franken. Eine halbe Million ist die untere Grenze. Die Plattform kostet meistens 100 000 bis 150 000 Franken. Rund die Hälfte des Budgets geht für Marketingmassnahmen drauf.

Müller: Es braucht auch einen Escrow, der die gesammelten Gelder verwahrt, bis die Teilnehmer überprüft sind und der Token ausgelöst wird. Sicherheit hat dabei oberste Priorität. Weil die ganzen Prozesse neu sind, braucht es eigene Lösungen und Kreativität.

Auf was müssen Unternehmen bei einem ICO besonders achten?

Stiffler: Sie müssen viele rechtliche Fragen klären. Das Auditing ist wichtig, wie auch die Kommunikation und das Marketing. Wir erwarten von Firmen, die wir begleiten, dass sie eine klare Strategie haben. Ein Businessplan und ein Whitepaper müssen vorhanden sein.

Müller: Die Definition der Strategie ist der erste Schritt. Steht das Whitepaper, muss das Unternehmen gemeinsam mit einem Anwalt die Terms und Conditions ausarbeiten. Der Teilnehmer muss diese unterschreiben und akzeptieren. Der Anwalt stellt dann meistens eine Anfrage an die Finma, um sich mit einem sogenannten «no action letter» abzusichern, bevor das ICO starten kann.

Wie geht es dann weiter?

Müller: Wer bei einem ICO mitmacht, bezahlt Fiat- oder Kryptogeld ein, dann wird der Token herausgegeben. Den meisten Investoren bringt der Token wenig, wenn er nicht handelbar ist. Darum werden viele Token auf Krypto­börsen gelistet, was ebenfalls teuer sein kann.

Stiffler: Auch die Kryptobörsen haben ihre Anforderungen erhöht. Sie listen nicht alle Token, sondern machen eine Due Diligence und verlangen Geld. Binance verlangt zum Beispiel pro Token oft eine Million oder mehr.

Wie analysiert man eigentlich den Wert eines Tokens?

Müller: Wir analysieren, in welchem Markt sich ein Projekt bewegt, was es für Wettbewerber gibt und was für ein Businessmodell hinter dem Token steckt. Wichtig sind auch das Team, seine Erfahrung und die Plattform. Wir stellen uns zudem die Frage, ob ein Projekt einzigartig ist oder nicht, und wie es sich von Mitbewerbern unterscheidet. Je nach Token braucht es einen anderen Blickwinkel. Eine klassische Kryptowährung kann ähnlich wie eine Währung betrachtet werden, bei einem Security-Token empfiehlt sich eine Discounted-Cashflow-Analyse, bei einem Utility-Token sind Angebot und Nachfrage wichtig.

Stiffler: Wir stellen uns auch die Frage, ob ein Projekt wirklich eine Blockchain braucht. Kryptoprojekte müssen zudem den richtigen Kompromiss zwischen Dezentralisierung, Skalierung und Sicherheit finden.

Müller: Es ist gut möglich, dass es die grössten Blockchain-Plattformen und Token noch gar nicht gibt. Die grössten von heute müssen nicht die grössten von morgen sein. Jüngere, dynamische Firmen, die mit Innovationen kommen, könnten die Platzhirsche noch einholen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Stiffler: EOS ist zum Beispiel weniger dezentral und etwas weniger sicher als Ethereum, dafür aber massiv schneller. Bei Ethereum stellt sich die Frage, wie schnell es die Entwickler schaffen, die Skalierbarkeit der Blockchain zu verbessern. Alternativen wie EOS holen schnell auf und werden Ethereum womöglich bald überholen. Dann könnte Ethereum schnell zu Ende sein.

Ist der ICO-Hype nicht langsam vorbei?

Stiffler: Das kann man so nicht sagen. Die Anzahl kleiner ICOs dürfte abnehmen, dafür dürfte es aber mehr grosse ICOs wie Telegram oder EOS geben, womit das Volumen der aufgenommenen Gelder ansteigt. Telegram akquirierte 1,7 Milliarden, EOS rund 4 Milliarden US-Dollar.

Müller: Der Kryptomarkt hat sich abgekühlt, aber das sahen wir in der Vergangenheit öfters. Die jetzigen Kurse könnten auch eine Chance sein, um zu investieren. Wohin sie sich bewegen, kann aber niemand voraussagen.

Der Kryptomarkt ist seit Jahresbeginn massiv eingebrochen. Die Kurse fallen, Altcoins sind nicht mehr gefragt, und die Bitcoin-Dominanz liegt wieder über 50 Prozent. Wie lange geht das noch so weiter?

Müller: Meiner Meinung nach sind das Thema Blockchain und die dazugehörigen Krypto-Werte die grösste Innovation seit dem Internet. Eine Konsolidierung war notwendig, genau wie damals, als die Internetblase geplatzt ist. Jetzt geht es darum, mit dem gesammelten Geld solide Projekte umzusetzen.

Stiffler: Die Bitcoin-Dominanz liegt momentan bei 58 Prozent (Stand: 12. September 2018). Dies ist ein sehr hoher Wert, wenn man bedenkt, dass seit der Lancierung von Bitcoin viele neue Kryptowährungen dazugestossen sind. Wir erwarten, dass Altcoins im Vergleich zu Bitcoin wieder aufholen.

Eigentlich gibt es gerade viele positive News rund um Bitcoin & Co. Die Szene professionalisiert sich, und die technologische Entwicklung ist rasant. Warum bewegen sich viele Kurse trotzdem Richtung Null?

Stiffler: Eine Revolution geschieht in verschiedenen Wellen. Die erste war getrieben von Spekulanten, die zweite von Geschäftsleuten, die daran interessiert sind, ein nachhaltiges Ökosystem aufzubauen.

Müller: Traditionelle Institutionen und Regulatoren nehmen sich jetzt dem Bereich an und schaffen Infrastruktur und Regeln. Das macht die Umsetzung komplizierter und teurer, aber qualitativ hochwertiger. Die Spreu beginnt, sich vom Weizen zu trennen.

Viele Kryptofirmen sitzen nun auf Ether und Bitcoins, die massiv weniger wert sind als zum Zeitpunkt ihres ICOs. Ist das nicht ein riesiges Problem für die Branche? Was raten Sie diesen Unternehmen?

Stiffler: Viele Firmen haben keine Bank gefunden, um die eingenommene Kryptowährungen in Fiat umzutauschen und sitzen daher auf stark gesunkenen Beständen. In eine Erholung hinein könnte es ratsam sein, wenigsten innerhalb der Kryptowährungen zu diversifizieren und nicht alles in Ether zu halten. Neuen Projekten empfehlen wir, auch Fiat-Währungen im ICO zu akzeptieren.

Start-ups dürften sich aktuell fragen, ob sie nicht doch lieber versuchen, auf die traditionelle Art und Weise Geld zu akquirieren. Warum sollten sie trotzdem auf Kryptowährungen und eigene Token setzen?

Müller: Kryptowährungen haben viele Vorteile. Sie sind einfach teil- und übertragbar, was zum Beispiel bei Gold nicht der Fall ist. Ausserdem sind Smart Contracts transparent. Jeder kann nachvollziehen, wie viele Token ein Projekt generiert, und wann sie herausgegeben werden. Krypto ist – zumindest in der Theorie – weniger manipulierbar als unser Geldsystem.

Ein grosses Thema in der Branche ist die Regulierung. Bewegen wir uns hier in die richtige Richtung?

Stiffler: Regulierung ist wichtig, damit wir Geldwäscherei und Kriminalität unterbinden können. Die Betrugsbekämpfung ist teuer. Vor allem wenn man sie manuell macht. Die Finma brachte bereits Richtilinien heraus, wie eine korrekte Online-Identifizierung ablaufen muss. Der Regulator bewegt sich also, und das ist gut so.

Müller: Wir haben zudem den Vorteil, dass wir mit der Regulierung wachsen können. Die Industrie ist noch im Anfangsstadium und wir haben die Chance, mitzureden. Regulierung ist wichtig, darf aber nicht alles im Keim ersticken.

Stiffler: Es wäre wünschenswert, wenn der Regulator einen Betrag definieren würde, ab dem KYC und AML zwingend sind. Wenn der Betrag bei null liegt, dürften viele Projekte aufgrund der Kosten gar nicht zustande kommen. Das wäre schade und würde viel Innovation verhindern.

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