Radikaler Minimalismus

Cédric Waldburger: "Dinge sollten für uns da sein, nicht umgekehrt"

Uhr | Aktualisiert
von Fridel Rickenbacher, Mitglied Redaktion swissICT, Mitbegründer und CIO MIT-GROUP

Radikaler Minimalismus und digitales Nomadentum - sind das weitere Formen von Selbstoptimierung? Oder einfach eine Überlebensstrategie im Zeitalter des Überflusses an Dingen und Daten? Die swissICT-Redaktion hat mit Cédric Waldburger, einem radikalen Minimalisten und Digital-Unternehmer, gesprochen.

Cédric Waldburger, radikaler Minimalist und Digital-Unternehmer. (Source: swissICT)
Cédric Waldburger, radikaler Minimalist und Digital-Unternehmer. (Source: swissICT)

Statussymbole haben für viele ihre Kraft verloren. Das Bedürfnis, sich von Unnützem zu befreien, kennen deshalb immer mehr Menschen in den Industrieländern. Sie leiden an zu viel Information, an zu vielen Dingen und an zu wenig Zeit fürs Wesentliche. Litten oder leiden Sie auch darunter?

Cédric Waldburger: In meinem Fall war der Wendepunkt so, dass ich auf einer meiner Business-Reisen von New York nach Amsterdam nur via Zürich flog wegen meiner damaligen Wohnung in der Schweiz. Ich dachte mir danach: "Es macht doch keinen Sinn, dass ich mein Leben und meine Lebenszeit rund um Dinge und Statussysmbole organisiere zulasten der Effizienzoptimierung." Ich entschied für die Radikalität, gab meine Wohnung auf und reduzierte meinen Besitzesstand auf den Inhalt meines Rollkoffers bzw. letztlich meines Rucksacks. Dinge sollten für uns da sein und nicht umgekehrt.

 

Sie besitzen offiziell nur noch 64 Gegenstände. Was würden Sie denn auf die einsame Insel mitnehmen?

Alles was auf meinem Inventar steht, hat nur noch einen pragmatischen Wert – jedoch keinen emotionalen. Viele funktionelle Dinge helfen mir vor allem bei meiner grossen Reisetätigkeit. Sie sind Mittel zum Zweck meiner übergeordneten Ziele zum Glück. Es ist letztlich eine Kombination von Technologie und immer noch grossem Anteil von Kleidung. Wenn ich auf der einsamen Insel arbeiten wollte, dann würde ich mein Notebook und Smartphone mitnehmen, ansonsten meinen Fotoapparat.

 

Weil Sie Ihren ganzen Besitz immer bei sich tragen sind Sie sehr frei und dadurch uneingeschränkt laufend in Bewegung. Könnten Sie sich das auch vorstellen ohne Ihre digitalen Helfer, das Internet und künftig die Bots?

Einen Grossteil meines Tages verbringe ich mit Denken und damit, mit anderen Menschen oder meinen Teams zu kommunizieren. Ohne Technologie wäre letzteres viel schwieriger. Das Internet hat einen grossen Einfluss darauf, dass mein Leben so funktioniert.

 

So frei zu sein, dass man wirklich nur noch eine digitale Identität braucht um sich auf der ganzen Welt effizient und befreit zu bewegen wäre mein Traum.

 

Ist der radikale Minimalismus und Selbstoptimierung ein möglicher Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft? Oder ist Ihr jetziger ökologischer Fussabdruck aufgrund der hohen Reisetätigkeit und Digitalisierung doch eher hoch?

Ich fliege momentan zu viel. Das liegt vor allem daran, dass ich noch an sehr vielen Projekten gleichzeitig beteiligt bin. Ein Ziel meiner weiteren Selbstoptimierung ist, mich auf weniger und letztlich nur noch ein Projekt zu konzentrieren. Damit wird auch die Anzahl der Reisen stark sinken. In Gedanken an unsere Umwelt erstrebe ich auch, meinen persönlichen Abfall weiter zu reduzieren und den Konsum unverpackter Artikel zu steigern.

 

Die Digitalisierung ist geprägt von disruptiven Chancen und gleichzeitig komplexen Herausforderungen rund um "Data Monetization" und "Business Model Maturity". Ist auch hier trotz Datenwachstum eine Erfolgsstrategie zu finden in der Minimalisierung, Simplifizierung und Fokussierung?

Mir helfen persönliche viele Tools zur Optimierung von meinem Leben, von Arbeit und Zeit. Insgesamt suche ich immer nach simplen Lösungen nach dem 80/20-Prozent-Prinzip. Mein Daten- und Tool-Universum bewirtschafte ich grösstenteils bewusst nur noch im Webbrowser oder auf dem Smartphone. Dadurch sind gewisse Inhalte und Editiermöglichkeiten simplifiziert auf das Wesentliche aber optimiert auf die Portabilität.

 

Die Automatisierung und geänderte Jobprofile können zu Personalabbau oder einer internen Restrukturierung führen. Die Digitalisierung führt jedoch auch zu neuen Jobs. Was sind Sie eher – Pessimist oder Optimist?

Ich bin Optimist: Jede Veränderung ist auch eine Chance. Der Fortschritt kann nicht aufgehalten werden. Was neu ist, ist die Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert und das stellt uns vor neue Herausforderungen. Wenn man diese jedoch als Chance sieht, wird man auch in Zukunft immer Jobprofile finden. Temporär wird es negative Auswirkungen auf gewisse Bereiche geben. Insbesondere da, wo ganze Tätigkeitsfelder durch Maschinen abgelöst werden. Wir sollten Lösungen schaffen die jedem Menschen helfen, stets weiter zu lernen und sich entwickeln zu können. Die Idee von Lifelong learning ist auch nach dem jugendlichen Status als "Lernender" unumgänglich für den Bestand im künftigen Leben und in der Wirtschaft. Für unsere Psyche und dem Dasein als Mensch tut es gut, stets zu lernen.

 

Im Interview mit Dominic Williams, Chief Scientist und Gründer von Dfinity, erfahren Sie, Wie Dfinity das Internet zur öffentlichen Ressource machen will.

 

Trotz der Digital-Euphorie und Technologien rund um Virtual Reality, Conferencing Systemen, Collaboration Tools reisen und fliegen Sie viel und treffen sich in Ihren Teams und mit Menschen. Versuchen Sie also auch, die Digitalisierung zu minimieren oder optimieren zugunsten der Menschen, die Sie mögen und schätzen?

Bei allen meinen Investments und Projekten steht immer das Team im Fokus. Eine Unternehmung - oder eben eine "Gesellschaft" - ist immer nur so gut wie die Gesellschaft, mit der man das Projekt angeht. Es gibt kein 'gutes Produkt' oder einen 'guten Markt' - das einzige was zählt, ist das Team. Es ist wichtig, dass man den Menschen sieht und nicht nur den Mitarbeiter. Man kann mit all den Collaboration-Tools viel unterstützen und optimieren aber letztlich ist es das Team welches unabhängig davon funktionieren und harmonieren muss. Im Team ist es unabdingbar, den Menschen hinter der E-Mail-Adresse oder dem Slack-Namen zu kennen. Das Team und Menschen dahinter kann man nicht auf Distanz oder in einer Video- oder Telefon-Konferenz spüren. Darum nutze ich bewusst persönliche Begegnungen und Aktivitäten. Dafür braucht es auch technologie-befreite Zeit.

 

AI, IoT, 5G, Blockchain, Smart Cities und generell die Cloud führen dazu, dass die Vernetzung, die "Vergläserung des Menschen" und der Stromverbrauch rasant zunimmt. Wie stufen Sie die Security- und Privacy-Thematik ein als volldigitalisierter Nomade? Und die Ökonomie als ökologie-interessierter Minimalist?

Ja, ich bin sehr gläsern im Internet. Zu einem Teil eher bewusst und zu einem Teil mitunter unbewusst. Ich sehe es als grosse Chance für Blockchain-basierte Anwendungen, uns die Datenhoheit zurück zu geben. Bei einer blockchain-basierten Identität könnten beispielsweise nur noch abstrahierte Daten freigegeben werden. Ein Beispiel: Wenn ich zeigen muss, dass ich über 18 Jahre alt bin, könnte das eine Smart-Contract-Anwendung beweisen, ohne meine Geburtsdatum oder meine Staatsangehörigkeit preiszugeben. Und zu Ihrer Frage zum Zusammenspiel von Ökologie und Ökonomie: Zum einen müssen wir einen Weg finden, erneuerbare Ressourcen öfters und besser zu nutzen. Auf der anderen Seite müssen wir herausfinden, wann uns das Aufgeben von einem Teil unserer Privatsphäre wieviel wert ist. Gewisse Business-Modelle, die wir täglich nutzen, wären ohne personalisierte Werbung nicht möglich.

 

Denken Sie, dass die Digitalisierung ein Umdenken der Gesellschaft hervorbringen wird? Wird sich der minimalistische David behaupten können gegen den konsumgetriebenen Goliath?

Meine persönliche Erfahrung ist, dass sich Digitalisierung und Minimalisierung gut vertragen, aber nicht im Doppelpaket vorhanden sein müssen. In meiner derzeitigen Lebensphase geht es mir sehr gut mit minimalem Besitz. Es ist der richtige Lebensstil für mich. Ich bin mir aber bewusst, dass andere Menschen mit meinem Lebensstil todunglücklich sein könnten - gestresst von dem vielen Reisen und ohne fixes Zuhause. Deshalb versuche ich auch niemanden zu weniger Besitz zu überreden. Ich denke, was uns allen gut tut, ist Bewusstsein: Bewusst zu hinterfragen, warum wir so leben wie wir's tun und ob es uns glücklich macht. Und wenn wir merken, dass etwas unserem Glück im Weg steht, den Mut zu radikalen Entscheiden und Änderungen zu haben. Sehr oft werden wir verführt oder abgelenkt durch die Konsumgesellschaft. Ich denke, es tut uns allen gut, erstmal durchzuatmen und uns zu fragen ob wir etwas wirklich brauchen - bevor bei einem Schnäppchen zuschlagen.

 

Für unsere Psyche und dem Dasein als Mensch tut es gut, stets zu lernen.

 

Wer bewegt sich nun eher in der Komfortzone? Sie mit Ihrem gelebten rationalistischen Minimalismus, ein typischer Schweizer Bürger oder gar ein Materialist?

Jeder sollte für sich selber herausfinden, was er alles oder eben nicht braucht und was ihn glücklich macht. Es ist spannend zu beobachten, wie viele Dinge wir rund um uns anhäufen. Bringen alle diese Dinge mir effektiv mehr Wert und mehr Glück oder wird es schnell zu Ballast? Das Schöne ist ja auch, dass man Dinge weggeben kann als Geschenk oder Spende und weiss, dass diese anderen Menschen mehr Freude bereiten können als einem selbst.

 

Fabian Vogt lebt als digitaler Nomade auf der ganzen Welt. Wie das geht, lesen Sie in seinem Erfahrungsbericht.

 

Wie bewerten Sie die "Shared Economy" oder "On Demand Consumption" zum Trend der Optimierung und digital unterstützten Bequemlichkeit und Produktivität?

Ich bin ein grosser Fan der "Shared Economy". Ich nutze Produkte wie Uber, AirBnB, Mobility oder auch traditionellere Modelle wie nur schon das Nutzen von Fahrzeugen, Gegenständen, Zimmern oder Wohnungen von Freunden. Ein Zitat von Sokrates besagt einfach übersetzt: "Das Geheimnis des Glücks ist nicht im Finden oder Streben nach mehr, sondern mehr zu machen aus dem, was man hat." Wenn wir uns alle bisschen mehr darauf konzentrieren, was wir schon besitzen, erreicht haben und wie gut es uns geht, anstelle sich auf vergängliche Momente zu ereifern was Neues zu kaufen oder anzuschaffen, könnte sich auch die Grundhaltung zum bewusster leben und teilen ändern. Ich hoffe, die Modelle der Shared Economy werden erweitert: Am liebsten hätte ich gar keinen Rucksack mehr mit 64 Gegenständen, sondern würde wirklich nur noch alles auf Abruf mieten.

 

Wird es in Zukunft irgendwann einen sesshafteren Cédric Waldburger geben?

Ich bin verlobt und heirate im Sommer 2019. Mein Ziel ist es nicht, möglichst viel zu Reisen sondern in möglichst vielen interessanten Projekten wachsen und lernen zu können. Mit der Eröffnung eines Offices in Zürich und der Konzentration auf ein Projekt - Dfinity - wird sich meine Reisetätigkeit ganz normal etwas legen. Vielleicht bedeutet das auch, dass ich sesshafter werde. Trotzdem werde ich nicht anfangen, Sachen anzuhäufen: 64 Sachen ist alles, was ich brauche und ich geniesse die Freiheit, die mir so wenig Besitz gibt. Jeden Tag happy aufzustehen und happy einzuschlafen ist letztlich meine Maxime.

 

Zur Person

Cédric Waldburger pflegt einen sehr minimalistischen Lebensstil - er lebt mit bloss 64 Sachen und ist dauernd auf Achse. So hat er keine feste Adresse, verbringt im Schnitt nur 3,5 Tage hintereinander an einem Ort und sein ganzes Besitztum ist in schwarz gehalten.

Er gründete sein erstes Geschäft, die Mediasign AG, eine Schweizer Agentur, die auf Marken- und Markenstrategie spezialisiert ist, im Alter von vierzehn Jahren. Zu den von ihm gegründeten, mitbegründeten oder andersweitig begleiteten Unternehmen gehören die Tenderloin Ventures AG, die Glimpse Corp., die Dfinity-Foundation und Sendtask. Als Investor ist er bei zehn weiteren Firmen an Bord.

Webcode
DPF8_122107

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