Jagd auf Talente

Der Fachkräftemangel bleibt ein Problem – aber nicht für alle

Uhr | Aktualisiert

Die Diskussion um den Fachkräftemangel in der ICT-Branche ist etwas abgeflacht. Ist das Problem weg? Nein, sagt CEO Thomas Wüst: Für Ti&M sei der Fachkräftemangel eines der grössten Probleme überhaupt. Till Bay, CEO von Comerge, sieht das anders. Er sagt: Alles nur halb so schlimm.

(Source: pressmaster / Fotolia.com)
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IT-Spezialisten sind in der Schweiz noch immer Mangelware. Dieses Bild legt zumindest der aktuelle Fachkräfteindex des Personaldienstleisters Hays nahe. Er erreichte Ende 2018 mit einem Wert von 212 Punkten ein Allzeithoch. Die Nachfrage nach neuen Fachkräften in der Informatik fiel damit im 4. Quartal 2018 über doppelt so hoch aus wie zum Jahresbeginn 2015, als der Index noch einen Wert von 100 Punkten hatte. Laut Hays fehlten der Schweiz Ende 2018 insgesamt 19'338 IT-Spezialisten, darunter 12'563 IT-Entwickler mit unterschiedlichen Spezialisierungen.

Für folgende fünf Spezialisierungen stieg die Nachfrage in den letzten vier Jahren am stärksten: Entwickler für Embedded-Systeme, Datenbankentwickler, IT-Security-Spezialisten, Software-Entwickler und IT-Architekten. Für die beiden Erstgenannten gab es seit dem 1. Quartal 2015 gar eine Verdreifachung der Nachfrage, wie Hays schreibt.

Für diese fünf Spezialisierungen ist die Nachfrage laut dem Fachkräfte-Index von Hays in den letzten vier Jahren am stärksten gestiegen. (Source: Hays)

Wie finden Unternehmen Spezialisten für ihre IT-Projekte? Was erwarten Mitarbeiter heute von ihrem Arbeitgeber und ihrem Arbeitsplatz? Und liegt die Ursache für den Fachkräftemangel vielleicht bei den Firmen? Antworten auf diese und weitere Fragen gab es an der Arbeitswelten-Konferenz von SwissICT in Zürich.

Je langweiliger die Projekte, desto weniger Bewerbungen

Wenn man diese Zahlen sieht, könnte man denken, dass alle Schweizer IT-Firmen händeringend nach Fachkräften suchen. "Dieser Eindruck täuscht", sagt Till Bay, CEO von Comerge, der rund 30 Menschen beschäftigt. Beim Zürcher Software-Entwickler sei das Gegenteil der Fall: Es gebe viel mehr Bewerbungen, als man Leute einstellen könne – auch von qualifizierten Kandidaten. 2018 seien beim Unternehmen 506 Bewerbungsschreiben eingetrudelt, 44 Bewerber seien genug qualifiziert gewesen, mit rund 20 habe man das Gespräch gesucht, 10 zu einem Probetag eingeladen und schlussendlich 3 angestellt. Seit Anfang Jahr seien bereits wieder 78 Bewerbungsschreiben eingetroffen. "All das braucht viel Zeit", sagt Bay. "Aber der Aufwand lohnt sich." Die Fluktuation bei Comerge sei gering, die Mitarbeiterzufriedenheit hoch und das Arbeitsklima hervorragend.

Comerge nutzt laut Bay keine Jobportale, keine spezielle SEO-Optimierung für die Jobsuche und arbeitet auch nicht mit Recruitern zusammen. Warum hat das Unternehmen trotzdem keine Mühe, qualifizierte Mitarbeiter zu finden? Das Team sei international ausgerichtet, die Stellen nonstop auf der Website ausgeschrieben, und alle Jobangebote seien auf Englisch, Deutsch und Französisch verfügbar. Man biete ein transparentes Lohnsystem, verzichte konsequent auf Bodyleasing und habe eine Management-Struktur, in der sich alle Mitarbeiter wohlfühlen. "Eine gute Firmenkultur ist zentral, das spricht sich rum", sagt Bay.

Comerge nutze zudem moderne Technologien und Programmiersprachen und arbeite an Projekten, die für Software-Entwickler richtig spannend seien. "Wenn ich sehe, was andere Firmen für Projekte umsetzen, wundert es mich nicht, dass sie keine qualifizierten Entwickler finden", sagt Bay. Einige würden das Thema Fachkräftemangel gar regelrecht bewirtschaften – "um Aufmerksamkeit zu kriegen und in den Medien präsent zu sein." Comerge investiere ausserdem rund 10 Prozent seines Umsatzes in die Weiterbildung der Mitarbeiter und achte auf einen guten Mix von Senior und Junior Developers. Das komme gut an, sagt Bay.

Die Spiesse sind nicht für alle gleich lang

Eine andere Meinung vertritt Ti&M-CEO Thomas Wüst: "Für uns ist der Mangel an Fachkräften eines der grössten Probleme." Gerade in den Kernthemen von Ti&M - Cloud, KI/AI und Digitalisierungsprojekte – seien die wenigen Fachkräfte sehr gefragt. "Aktuell suchen wir mehr als 60 Experten in unseren Standorten Zürich, Bern und Frankfurt am Main." Ti&M wachse jedes Jahr um über 20 Prozent – "und mit mehr Fachkräften könnten wir noch schneller wachsen". Der Mangel wirke sich negativ auf die Geschäftsentwicklung aus. Man verzichte trotzem auf Offshoring oder Nearshoring, was die Situation allerdings zusätzlich erschwere. "Wenn Entwickler über den Globus verstreut sind, fehlt der direkte Austausch, was sich wiederum negativ auf die Qualität und Time-to-Market auswirkt", sagt Wüst.

Ti&M werbe aktiv um Fachkräfte von Schweizer Hochschulen. Im Ausland gebe es zudem ein Rekrutierungsprogramm mit einer Hochschule in Mailand. Und man habe "Liquid Working" eingeführt: Mitarbeiter können flexibel längere Auszeiten nehmen und innerhalb einer Woche das Pensum erhöhen oder senken. Frauen hätten eine Wiedereinstiegsgarantie von 2 Jahren nach der Geburt eines Kindes. "Teilweise sind die Spiesse zwischen den grossen und kleinen Firmen auch nicht gleich lang, gerade was die Bekanntheit angeht", sagt Wüst.

Die Branche sollte in die Förderung des Nachwuchses investieren, sagt Wüst. "Vor allem müssen auch mehr Mädchen für Berufe in der ICT begeistert werden." Ti&M mache das unter anderem mit dem Programm "hack an app". "Entwickler von uns gehen dabei an Schulen und führen Kinder spielerisch an die ICT heran." Er hoffe, dass der Lehrplan 21 Besserung bringe, sagt Wüst. Die IT müsse sich zudem stärker als ganzheitlicher und attraktiver Arbeitgeber positionieren. Die ersten Schritte dahin seien gemacht – der Weg sei aber noch weit.

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