Focus: Digitale Bildung im Gesundheitswesen

Wie sich Gesundheit, Digitalisierung und Ethik vereinen lassen

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von Sonja Kahlmeier, Leiterin Departement Gesundheit; Oliver Kamin, Leiter Departement Informatik und Willi Bernhard, Experte für Digital Engineering, FFHS

Die fortschreitende Digitalisierung wirkt sich immer stärker auch auf die Gesundheitsbranche und Gesundheitsberufe aus. Entsprechend muss sich das Bildungsangebot verändern und die Qualifizierung von Berufstätigen sicherstellen.

Sonja Kahlmeier, Leiterin Departement Gesundheit; Oliver Kamin, Leiter Departement Informatik und Willi Bernhard, Experte für Digital Engineering, FFHS (v.l.). (Source: zVg)
Sonja Kahlmeier, Leiterin Departement Gesundheit; Oliver Kamin, Leiter Departement Informatik und Willi Bernhard, Experte für Digital Engineering, FFHS (v.l.). (Source: zVg)

Die Digitalisierung durchdringt zunehmend alle unsere Lebensbereiche: der Einkauf wird im Internet erledigt, Fertigungsprozesse werden digital gesteuert, selbstfahrende Fahrzeuge sind in Entwicklung und Ferienvorschläge werden durch Algorithmen erstellt. Der Gesundheitsbereich ist ebenfalls betroffen von diesem Mega­trend. Hier sind die möglichen Risiken besonders gross: Daten zu unserer Gesundheit sind grundsätzlich heikel, ebenso die Steuerung von Prozessen bei medizinischen Eingriffen, die unser Überleben sichern sollen. Gleichzeitig ist im Gesundheitsbereich der mögliche Nutzen der Digitalisierung, etwa durch effizientere Abläufe und geringeren Ressourcenbedarf, angesichts der steigenden Gesundheitskosten gross.

Gesundheitsfachpersonen spielen bei der Umsetzung der Digitalisierung eine entscheidende Rolle. Auch ist ein enger Austausch mit der Informatik bei der Planung und Umsetzung von Prozessen und neuen Tools erforderlich. Dabei fehlt jedoch häufig das Verständnis für die Bedürfnisse der jeweiligen Partner, die naturgemäss sehr unterschiedlich sind. Die Gesundheitsfachpersonen empfinden Veränderung in den bewährten Prozessen oft als Störung. Die Informationsverarbeitung will möglichst reibungslose, effiziente und sichere Abläufe sicherstellen, ohne dabei immer die Bedürfnisse der Anwender im Detail zu kennen. So kann es sein, dass Entscheidungsspielräume eingeschränkt oder Abläufe starrer werden, was auch als Eingriff in die Arbeitsgestaltung empfunden werden kann. Da sich die Vorteile eines Digitalisierungsschritts immer erst nach der Einführung zeigen, gilt es oft, Hürden zu überwinden, um eine möglichst nutzen- und nutzerorientierte Vorgehensweise zu ermöglichen.

Grauzone Datenschutz

Eine weitere zentrale Herausforderung liegt in der Sicherheit von persönlichen Gesundheitsdaten. Diese umfasst den Schutz vor Zugriffen von ausserhalb und innerhalb einer Organisation sowie die gesicherte Weitergabe von ausgewählten Daten, etwa an andere Gesundheitsdienstleister oder Krankenversicherungen. Das elektronische Patientendossier (EPDG), dessen Einführung für April 2020 vorgesehen ist, steht dabei als zentrales Tool derzeit besonders im Zentrum der Aufmerksamkeit. Während die technische Entwicklung bereits weit gediehen ist, birgt die Einführung- und Nutzungsseite, sowohl bei Gesundheitsfachpersonen als auch bei Patientinnen und Patienten noch diverse Hürden. Beispielsweise sieht das Bundesgesetz über das EPDG vor, dass die Patientinnen und Patienten selbst über die Weitergabe ihrer Daten an Gesundheitsdienstleister und andere Stellen entscheiden.

Es ist noch offen, wie dieser Prozess in der Praxis gestaltet wird: Wie werden Patienten befähigt, zu entscheiden, welche Daten für welche Fachperson wichtig oder eben auch heikel sein können? Wie wird mit alleinstehenden Personen umgegangen, die aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht in der Lage für solche Entscheide sind, sich aber nicht in einer akuten Notfallsituation befinden (welche den Zugriff auf die medizinischen Daten auch ohne ausdrückliche Einwilligung erlaubt)? Wie werden die unterschiedlichen Generationen von Patienten dabei unterstützt? Hier stellen sich viele ethische und rechtliche Fragen, für welche die involvierten Fachpersonen von der medizinischen als auch der IT-Seite her oft nicht ausreichend ausgebildet sind.

Konvergenz der Wissenschaftsdisziplinen

Viele der oben beschriebenen Felder und Kompetenzen sind Neuland im Gesundheitsbereich beziehungsweise in unserer Gesellschaft. Um sich den hieraus entstandenen Herausforderungen zu stellen, sind für die betroffenen Personenkreise anforderungsgerechte und fundierte Qualifikationen zu entwickeln. Hierzu bedarf es Wissen nicht nur aus dem Gesundheitsbereich, sondern auch aus benachbarten Disziplinen. Auch muss im Rahmen von Forschungs- und Entwicklungstätigkeiten dieses Wissen beim Bildungsanbieter an vielen Stellen erst noch erarbeitet beziehungsweise erworben werden. In der Schweiz sind insbesondere Fachhochschulen, die ja auch Forschungs- und Dienstleistungsaufgaben haben, der ideale Ort, um solche Qualifikationen zu schaffen.

Bildungsanbieter im Bereich Gesundheit können hier wertvolles Wissen vermitteln. Sie müssen sich aber dazu mit den Bereichen Digitalisierung und Ethik auseinandersetzen, um den Herausforderungen der Zukunft gerecht zu werden. Für Bildungsanbieter wie die Fernfachhochschule Schweiz oder die die Schweizerische Gesellschaft für Medizinische Informatik besteht die neue He­rausforderung darin, Forschungs-, Entwicklungs- und Lehraktivitäten in Form von Kooperationen so zu organisieren, dass nutzerorientierte Lösungen hervorgehen. Auf diesem Weg ist eine bessere Akzeptanz bei den anvisierten Zielgruppen zu erwarten.

Zusammenspiel von Verbraucher- und Gesundheitsinformatik als Brückenschlag

In der Wissenschaftscommunity der Wirtschaftsinformatik wird gerade über die Verbraucherinformatik diskutiert, die sich als ein Teil der Wirtschaftsinformatik zukünftig um die Herausforderungen digitaler Konsumwelten widmen soll. Mögliche Betrachtungs- und Forschungsfelder wären hier Smart Mobility, Smart Living und Smart Food. Würde etwa Smart Food mit Aspekten des Forschungsfelds Ernährung im Gesundheitswesen (Bild 1) wie etwa Prävention und Behandlung ergänzt, wäre der Brückenschlag zwischen dem Gesundheitswesen und der Verbraucherinformatik bereits vollzogen, und man könnte hier schon von Gesundheitsinformatik sprechen (Bild 2).

Sowohl die Verbraucher- als auch die Gesundheitsinformatik beschäftigen sich mit der zunehmenden Durchdringung von "smarten" digitalen Services und Geräten, um gegebenenfalls stärker individualisierte und personalisierte Produkte und Services zu entwickeln. Auch die höhere Relevanz des Datenschutzes und die digitale Souveränität des Patienten beziehungsweise Verbrauchers sind Gemeinsamkeiten. Am konkreten Beispiel der Prävention und Behandlung von falscher Ernährung würde dies bedeuten, dass dem Patienten eine entsprechende App zur Verfügung gestellt wird, die das Ernährungsverhalten (Scan der konsumierten Nahrungs- und Genussmittel) aufzeichnet, dieses auswertet und dem Patienten ein nutzenorientiertes Feedback gibt.

Konkrete Ansatzpunkte für eine integrierte ­Qualifizierung

Im Folgenden werden konkrete Ideen formuliert, wie etwa eine Qualifizierung von Berufstätigen mit einem Hochschul- oder tertiärem Bildungsabschluss aussehen könnte.

Als Einstieg beziehungsweise in einem ersten Modul würde zunächst die Digitalisierung im Gesundheitswesen sowie Trends und Entwicklungen aufgezeigt werden. Insbesondere Aspekte, was digitale Informationsverarbeitung genau ist und was sie bedeutet, was hiervon heute schon in gängige Praxis umgesetzt wird (etwa das EPDG), warum die Digitalisierung zunehmend wichtiger wird und welche Potenziale sie birgt, könnten hier aufgezeigt und vertieft werden. Es kann in diesem Modul zudem eine Art Systemlandkarte gezeichnet werden, die die Sicht der verschiedenen Player (Spital, Versicherung, Patienten, Gesundheitspersonal, Administration, Anbieter) vermittelt.

In einem weiteren Modul könnte der Aspekt vernetzte Gesundheit angegangen werden. Hier wären sicherlich Themenstellungen wie E-Health-Infrastruktur und Technologien (Architektur, Standards, Interoperabilität), Mobile Health-Apps, Wearables, Insideables, adaptive Services von hoher Relevanz. Auch hier wäre anzudenken, je nach intendierter Zielgruppe Adaptionen vorzusehen, um insbesondere die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Gesundheitseinrichtungen (etwa Spitäler und Praxen) sowie Fachbereiche (Ernährung und Diätetik, Pflege, Physiotherapie sowie Gesundheitsförderung) aufzuzeigen.

Gerade Gesundheitsdaten sind von höchster Sensibilität. Aus diesem Grund sollte sich eine solche Qualifikationsmassnahme in einem weiteren Modul das Thema Ethik im Gesundheitswesen beleuchten. Hier könnten relevante ethische Konzepte aufgezeigt werden. Ebenso, welche Interakteure existieren und welche Anforderungen sie haben. Aber auch Fragen, wo unsere Gesellschaft in diesem Kontext momentan steht und wohin sie sich entwickelt, wären hierbei zu erörtern.

Solche integrierten Bildungsangebote werden angesichts der grossen Herausforderungen zur Integration von "Gesundheit, Digitalisierung und Ethik" in Zukunft immer wichtiger werden.

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