Ausserordentliche Lage

Update: Bund und Telkos schätzen Datenverkehrslage ein

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Das Onlinemagazin Watson und die Nachrichtenagentur Keystone-SDA haben bei Swisscom und UPC angefragt, wie sie die aktuelle Auslastung des Datennetzes aussieht. Die Telkos schätzen die Lage momentan stabil ein, das Homeoffice belaste das Netz minim.

(Source: David Watkis/unsplash.com)
(Source: David Watkis/unsplash.com)

Update vom 23. März 2020: Am 16. März 2020 wurde in der Schweiz die ausserordentliche Lage vom Bundesrat verordnet. In dieser historisch einmaligen Situation läuft die Telekommunikationsinfrastruktur am Limit. Am Montag und Dienstag gab es bereits zeitweise Probleme bei Telefonaten zwischen dem Mobil- und Festnetz. Wie "Watson" berichtet, schreiben Sunrise und Swisscom nun folgendes in einer gemeinsamen Stellungnahme: "Die ausserordentliche Lage in der Schweiz seit Montag, 16. März, hat zu einer stark erhöhten Nutzung von Telefondiensten geführt, wodurch zu Spitzenzeiten Anrufvolumen und -dauer bei Swisscom und Sunrise um ein Vielfaches zunahmen. Dies führte insbesondere in Spitzenzeiten punktuell zu Kapazitätsengpässen bei den sogenannten Interkonnektionspunkten (Anrufe zwischen Swisscom und Sunrise Kunden, Mobile- sowie auch Festnetz). Bei punktueller Überlast konnten teilweise Anrufe nicht aufgebaut werden und die Kunden hörten das Besetztzeichen. Gemeinsam arbeiten beide Anbieter intensiv an Kapazitätserweiterungen zwischen ihren Netzen. Es konnte bereits eine deutliche Verbesserung erzielt werden. Swisscom und Sunrise bestätigen, dass innerhalb der Mobilfunk- und Festnetzinfrastruktur ausreichend Kapazitäten vorhanden sind, so dass Telefonie und Internetverkehr auch in ausserordentlichen Situationen gewährleistet sind."

Gemäss Watson könne die punktuelle Überlast reduziert oder sogar vermieden werden. Wenn mehr Menschen auf Internet-Telefonie ausweichen würden, könnte das Telefonnetz entlastet werden. Ein Anruf beispielsweise über Whatsapp, Threema oder Skype wird rein über Daten geführt. Beim Datenverkehr herrsche momentan kein Engpass.

Auf Anfrage von Watson und der Nachrichtenagentur "Keystone-SDA" schreibt die Swisscom, dass das Telekommunikationsverhalten der Kundschaft momentan nicht vorherseh- oder planbar sei. Das Unternehmen vermutet, dass die Menschen aufgrund der Lage ein erhöhtes Austauschbedürfnis haben. Die Kunden telefonieren demnach deutlich mehr und länger.

Störungen trotz Überwachung

Die Swisscom gibt an, dass der rasante Anstieg laufend Massnahmen erfordere. Als Beispiel nennt das Telko-Unternehmen eine engmaschige Überwachung des Netzes. Doch einzelne Störungen traten trotzdem auf. In Spitzenzeiten konnten punktuell Anrufe von Privat- und Geschäftskunden nicht aufgebaut werden. Aus diesem Grund muss die Swisscom nun priorisieren. Den Vorrang haben alle Geschäftskunden, welche einen zentralen Dienst wahrnehmen. Dazu gehören Blaulichtorganisationen, Spitäler, Ärzte und andere Behörden. Auf Anfrage von Watson sagt die Swisscom, dass alle Notrufe bisher einwandfrei funktionieren.

Der Datenverkehr bereitet den Telkos keine Mühe. Der Datenverkehr sei fast gleich gross, so die Swisscom. Denn Homeoffice-Anwendungen benötigen in Vergleich zu Streaming-Anwendungen nur einen kleinen Anteil des Datenverkehrs. Die Gesamtbelastung liege im tiefen einstelligen Prozentbereich. Auch UPC Schweiz beobachtet nur einen geringen Anstieg bei der Internetnutzung. An seine Grenzen stösst momentan das Telekommunikationsnetz des Bundes. Die Infrastruktur sei so stark belastet wie noch nie, schreibt das Bundesamt für Informatik und Telekommunikation (BIT) der Nachrichtenagentur Keystone. In den vergangenen Tagen habe das BIT die bestehenden Kapazitäten laut eigenen Angaben ausgebaut. Wenn möglich, würden diese noch weiter erhöht.

Keine speziellen Massnahmen vorgesehen

Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) sieht momentan keine speziellen Massnahmen vor, die sich wegen vermehrten Homeoffice aufdrängen. Der Mehrverkehr sei im Vergleich zum gesamten Datenverkehr wenig bedeutend und führe nicht zur Überlast. Auch das Risiko für grosse Pannen habe sich durch die aktuelle Lage nicht verändert.

Originalmeldung "Wenn die ICT-Infrastruktur an ihre Grenzen kommt: Es droht das Netflix-Verbot" vom 16. März 2020: Die Coronavirus-Krise verändert das öffentliche Leben. Millionen sitzen zu Hause fest - weil sie Home Office machen müssen, nicht mehr in die Schule können oder krank sind. All das setzt die ICT-Infrastruktur unter Druck, wie "Heise Online" berichtet. Der italienische Provider Telecom Italia meldete etwa einen Anstieg des Internet-Traffics von mehr als 70 Prozent in den letzten zwei Wochen. Am Frankfurter Internetknoten "DE-CIX" wurde ein Rekord-Datendurchsatz von 9 Terabit pro Sekunde gemessen.

Sind die Schweizer Kommunikationsnetze auf so einen Anstieg des Datenvolumens vorbereitet? "Wenn Angestellte vermehrt an ihrem Wohnort arbeiten, dürfte gerade in der Peripherie die übertragene Datenmenge zunehmen", schreibt die "NZZ". Zwar könnten die Routen der Datenpakete optimiert werden, damit der Traffic trotz der Belastung des Netzes möglichst reibungslos fliesst. Doch irgendwann sei der Spielraum ausgereizt. "Der physische Aufbau des Netzes wird zum limitierenden Faktor; die Naturgesetze lassen sich nicht austricksen."

Ein digitaler Verkehrskollaps sei dennoch nicht zu erwarten, zitiert die NZZ eine Swisscom-Pressesprecherin. Ähnlich klingt es bei Sunrise und UPC, wie "20 Minuten" berichtet. Home-Office-Anwendungen machten im Vergleich mit Streaming-Diensten wie Swisscom TV oder Netflix nur einen geringen Anteil am Gesamtverkehr aus. Das werde sich auch durch einen Home-Office-Boom nicht ändern. Swisscom prüfe auf Anfrage von Kunden zudem punktuell, inwiefern sich die Kapazitäten individuell erhöhen liessen.

Der Engpass lauert zu Hause

Firmen sind also auf der sicheren Seite. Wie sieht es in den eigenen vier Wänden aus, die nun zum Büro umfunktioniert werden? Haushalte, die noch per Kupferleitung ans Internet angebunden sind, könnten Engpässe erleben. Besonders der Upload von Daten ins Firmennetz könne zur Geduldsprobe werden, schreibt die NZZ. Videokonferenzen mit hoher Bildqualität stellten unter Umständen ein Problem dar. Lesen Sie hier, welche Gratis-Angebote aktuell für Home-Office-Nutzer zur Verfügung stehen.

Eine Alternative ist der Mobilfunk. An gewissen Orten erreiche das Mobilnetz höhere Übertragungsraten als der Festnetz-Internetanschluss. Allerdings nehme die Bandbreite pro Kopf in einer Funkzelle mit steigender Nutzerzahl wieder ab. Die Swisscom gehe aber davon aus, dass ihr Netz über ausreichende Kapazitäten verfüge. Etwas anders sieht das Telko-Experte Ralf Beyeler. "Die Gefahr, dass die Kapazitäten nicht mehr ausreichen, ist vorhanden", wird er von 20 Minuten zitiert.

Arbeit geht vor Streaming

Sollten Engpässe auftreten, wenn etwa die Eltern Home Office machen und die schulfreien Sprösslinge Streams schauen, wer hat dann Vorfahrt auf der ICT-Infrastruktur? Die Netzneutralität verpflichte die Telkos eigentlich dazu, alle Datenpakete bei der Übertragung gleich zu behandeln. Bei hohen Auslastungen sei es den Netzbetreibern jedoch erlaubt, sogenanntes Verkehrsmanagement zu betreiben und Datenpakete gewisser Dienste zu priorisieren. Alle anderen Dienste würden dann zwar ebenfalls übertragen, müssten sich aber hinten anstellen.

Am Ende entscheidet der Bund, wie der Internet-Traffic reguliert wird. In einer "ausserordentlichen Lage" nach Massgabe des Epidemiegesetzes könnte der Bundesrat verfügen, welche Leistungen die Telekom-Anbieter erbringen müssen und damit die Netzneutralität aussetzen.

Sogar die temporäre Abschaltung einzelner Plattformen wie Netflix oder Youtube ist laut 20 Minuten eine Option. "Weniger wichtige Dienstleistungen" mit hoher Bandbreite könnte das Bundesamt für Kommunikation im Notfall aus dem Verkehr ziehen. "Sollte also wider Erwarten der Kampf um Bandbreite zwischen Netflix-Abonnenten und digitalen Heimarbeitern eskalieren, könnte die Landesregierung ein Machtwort sprechen: Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen", so die NZZ.

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