Editorial

Patient "Gesundheitswesen"

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Marc Landis, Chefredaktor. (Source: Netzmedien)
Marc Landis, Chefredaktor. (Source: Netzmedien)

2020 war keins, und 2021 wird auch kein gutes Jahr für das Schweizer Gesundheitswesen werden. Dies natürlich einerseits wegen Corona, das zu chronisch stark belasteten Spitälern, Pflegenden sowie Ärztinnen und Ärzten führte und immer noch führt. Andererseits legte die Pandemie auch schonungslos offen, woran das Gesundheitswesen hierzulande krankt. Die Symptome des Patienten "Gesundheitswesen" äussern sich in Ineffizienz, Doppelspurigkeiten und hohen Kosten – die Gründe dafür sind mangelnde beziehungsweise halbherzige Digitalisierung auf allen Ebenen – von Leistungserbringern bis öffentliche Verwaltung –, einem Wildwuchs parallel für denselben Zweck entwickelter und zueinander inkompatibler Systeme und der Irrglaube, dass die Politik in der Lage wäre, Digitalisierungsprojekte erfolgreich umzusetzen.

So zieht sich etwa die Aufgabe, Patientendossiers zu digitalisieren und sie für Patientinnen, Patienten und Leistungs­erbringer zugänglich zu machen, seit 13 Jahren hin – je nach Betrachtungsweise seit 20 Jahren. "Halleluja" will es einem da entfahren, wenn man liest, dass es seit dem 3. Mai tatsächlich auf der Hauptpost Aarau möglich sein soll, ein elektronisches Patientendossier zu eröffnen.

Am liebsten wäre ich an jenem Tag hingefahren, um mich selbst davon zu überzeugen, wie die Menschen mit Einwilligungserklärung, einem gültigen Ausweis und einer "TrustID" in der Hand Schlange stehen, um endlich dieses neue Usability-Wunder EPD beziehungsweise das "Emedo", diesen "Meilenstein fürs Schweizer Gesundheitswesen", zu nutzen. Lesen Sie dazu auch den leider ziemlich treffenden Beitrag unseres Kolumnisten Jürg Lindenmann.

Ein weiterer schweizerischer E-Health-Rohrkrepierer ist das mit vielen Bundesgeldern unterstützte Impfportal "meine­impfungen.ch", das Ende März mit grossem Getöse wegen massiver Sicherheitslücken vom Netz musste. Schnell entzogen sich Politik und Bundesverwaltung der Verantwortung und wiesen den Schwarzen Peter der portalbetreibenden Stiftung zu. Ein Neustart des Portals war auf Anfang Mai angekündigt, aber daraus wurde nichts. Jahre der Versäumnisse lassen sich halt nicht innerhalb von fünf Wochen beheben.

Ich will nicht unken, aber ich bin unsicher, was das geplante Covid-Zertifikat betrifft. Auch hier verlässt sich der Bund auf seine eigenen Kompetenzen statt auf die der Branchenpraktiker. So hätten Ärztevereinigung FMH und der Schweizerische Apothekenverband Pharmasuisse angeboten, innert Monatsfrist ein Covid-Zertifikat zu bauen. Dies auf Basis bestehender Softwarelösungen, die Impfzentren, Spitäler, Arztpraxen und Apotheken bereits nutzten. Der Bund gab ihnen einen Korb. Es wäre wohl zu naheliegend und zu zweckmässig, dass die Leistungserbringer die Covid-Zertifikate gleich selbst herausgäben. Schliesslich sind auch nicht Arztpraxen, Apotheken, Spitäler und Impfzentren die zentralen Anlaufstellen für Covid-Impfungen und -Tests, sondern direkt das BAG ...

Obwohl ich hoffnungsvoll bin, wage ich zu bezweifeln, dass es dem Bund gelingen wird, eine "praxistaugliche" und "anwenderfreundliche" Lösung zu bauen, auf die er abzielt. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

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