OIZ-Direktor im Interview

Andreas Németh über die Grenzen der digitalen Souveränität

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"Wir machen Zürich" – dieser Slogan prangt auf der Website des Amtes Organisation und Informatik der Stadt Zürich (OIZ). An dessen Spitze steht Direktor Andreas Németh. Er habe keine schlaflosen Nächte, verrät er im Interview. Dennoch mangelt es nicht an Herausforderungen.

Andreas Németh, Direktor Organisation und Informatik, Stadt Zürich. (Source: zVg)
Andreas Németh, Direktor Organisation und Informatik, Stadt Zürich. (Source: zVg)

Sie sind seit mehr als 25 Jahren für die OIZ tätig. Auf welches Erfolgserlebnis blicken Sie besonders stolz zurück?

Andreas Németh: In meiner bisherigen Zeit bei der OIZ haben wir vieles erreicht, für die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung aber auch für die Bevölkerung. 2010 haben wir beispielsweise mit "eZürich" eine Initiative lanciert, die weit über die Stadt hinaus Resonanz fand und die IT-Player auf dem Platz Zürich vernetzte. Daraus entstanden die Informatiktage oder Vorhaben im Bereich Open Government Data, womit Zürich bis heute in der Schweiz eine Vorreiterrolle bei der Datentransparenz und der Publikation von Verwaltungsdaten einnimmt. Hervorheben möchte ich auch die städtische Schulinformatik, welche die 36 400 Schülerinnen und Schüler sowie 12 400 Lehrpersonen mit einer zeitgemässen IT-Infrastruktur ausrüstet. Dazu gehören 28 200 Arbeitsgeräte wie Tablets oder Convertibles, aber auch eine Kollaborationsplattform, die während der Corona-Zeit innerhalb weniger Wochen ausgerollt wurde. Und noch eine grosse Zahl im Bereich E-Government: Unser "Mein Konto", der zentrale Zugang zu den städtischen Online-Services, zählt bereits über 150 000 Nutzende. Betonen möchte ich ausserdem die IT-Strategie 2006 und die Überarbeitung von 2016, die mit den Prinzipien wie der Konsolidierung oder der Standardisierung schon früh die Grundlage für die digitale Transformation in der Stadt Zürich geschaffen hat und bis heute noch gilt. Stolz macht mich, dass die OIZ eine gefragte Partnerin bei der Digitalisierung der städtischen Verwaltung und Betriebe ist. Unsere Mitarbeitenden können viel gestalten und bewirken. Das trägt dazu bei, dass wir eine attraktive Arbeitgeberin in einem sich rasch verändernden IT-Umfeld sind. Das breite Themenfeld und modernste Technologien zum Beispiel in Bereichen wie künstliche Intelligenz, Container Management oder Data Analytics garantieren uns OIZ-Mitarbeitenden einen interessanten Berufsalltag.

Die letzten Jahre standen im Zeichen der Coronapandemie. Wie blicken Sie darauf zurück?

Wenn man der Pandemie überhaupt etwas Positives abgewinnen kann, dann sicher der Digitalisierungsschub, den sie ausgelöst hat. Beispiel kollaboratives Arbeiten: Ich war beeindruckt, wie steil die Lernkurve bei den städtischen Mitarbeitenden war. Viele von ihnen hatten wenig Erfahrung in der digitalen Kollaboration und noch nie im Homeoffice gearbeitet. Die Flexibilität der städtischen Mitarbeitenden war für mich ein grosses Highlight.

Welches IT-Problem bereitet Ihnen schlaflose Nächte?

Ich habe keine schlaflosen Nächte, aber es gibt einige Themen, die wir sehr ernst nehmen und ernst nehmen müssen. Die Cybersecurity beziehungsweise die allgemeine Bedrohungslage stellt für uns eine Herausforderung dar und erfordert erhebliche Investitionen. Ein verwandtes Thema ist der Datenschutz. Privacy-Bedingungen sind wichtig und richtig, sie machen Lösungen aber auch komplexer. Zu guter Letzt wird die Abhängigkeit von der IT in der Stadtverwaltung immer grösser. Damit steigen auch die Ansprüche an die Verfügbarkeit und den Support der OIZ.

Ende des letzten Jahres beantragte der Zürcher Stadtrat mehr Geld für Cybersecurity. Was macht die OIZ konkret mit diesem Geld?

Die sich verschärfende Bedrohungslage im Cybersecurity-Umfeld erfordert zusätzliche Massnahmen in der IT-Sicherheit. Konkret für die Erweiterung des zentralen Security Operation Center (SOC) und die Implementierung weiterer Instrumente im Bereich Informationssicherheit. Aus Sicherheitsgründen kann ich das aber nicht vertiefter ausführen.

Wie steht es aktuell um die Cybersicherheit der Stadt Zürich? Wo gibt es noch Verbesserungspotenzial?

Das städtische Security Operation Center (SOC) der OIZ ist mit der Überwachung der Infrastrukturen und Dienste der Stadt Zürich beauftragt und bearbeitet kontinuierlich eine grosse Zahl von Angriffsversuchen unterschiedlicher Komplexität und Tragweite. Bis dato konnte durch dieses Vorgehen ein Schaden von der städtischen Infrastruktur abgewendet werden. Sicherheitsvorfälle werden dokumentiert und analysiert, die Erkenntnisse fliessen über die Risikobeurteilung in die Definition neuer Massnahmen ein.

Ein anderes viel diskutiertes Thema ist die Einführung der Cloud in der öffentlichen Verwaltung. Im Juli fällte der Stadtrat einen entsprechenden Beschluss. Was ändert sich damit ganz praktisch für die Behörden der Stadt Zürich?

Der erwähnte Stadtratsbeschluss regelt das Vorgehen bei der stadtweiten Verwendung von Hyperscaler-Cloud-Diensten. Er legt fest, dass Hyperscaler-Cloud-Dienste wie beispielsweise Microsoft 365 unter Einhaltung eines bestimmten Sicherheitsniveaus, dem sogenannten Basisschutz+, und unter Vorbehalt der Prüfung von Spezialgesetzen wie das Berufsgeheimnis, stadtweit verwendet werden dürfen. Unter diesen genannten Voraussetzungen können beispielsweise ganz konkret Microsoft-365-Services wie MS Teams in der Stadt Zürich eingesetzt werden.

Dass öffentliche Verwaltungen insbesondere ausländische Cloud-Provider nutzen, ist umstritten. Wie nehmen Sie die Diskussion um Datenschutz und den möglichen Zugriff ausländischer Behörden auf Daten in der Schweiz wahr?

Die Diskussion wird teilweise sehr emotional und wenig sachbezogen geführt. Auch die Risikobetrachtung ist vielfach einseitig. Den Diskurs müssen wir führen, denn Privacy geht uns alle an – wichtig dabei ist aber, das Augenmass nicht zu ver­lieren.

Was halten Sie von der Forderung nach digitaler Souveränität?

Der Mehrwert an Sicherheit einer digitalen Souveränität muss erst noch nachgewiesen werden. Die Souveränität ist schwierig zu erreichen und ohne Abstriche in der Funktionalität wohl nicht möglich. Insbesondere bei Software-as-a-Service schätze ich die digitale Souveränität zurzeit als kaum realisierbar ein.

Die Bundesverwaltung steckt mitten in ihrem Projekt für eine Public Cloud. Kann die Stadt Zürich in irgendeiner Weise davon profitieren?

Da dies für alle ein neues Thema ist, schaut jeder auf jeden. Umso wichtiger ist der Erfahrungsaustausch. Das Teilen von Informationen und Erkenntnissen auf allen Staatsebenen ist dabei entscheidend.

In einem Fachbeitrag über die Kollaborations­instrumente in der Zürcher Stadtverwaltung lese ich von Teams, Exchange, Sharepoint – kurz: von lauter Microsoft-Lösungen. Warum gerade Microsoft?

Im Zuge der Erneuerung unserer digitalen Kollaborationsins­trumente und unter dem Eindruck der Coronapandemie haben wir diverse Lösungen evaluiert. Microsoft-Instrumente kommen in der städtischen Workplace-Umgebung bereits zum Einsatz, deshalb lassen sich neue Microsoft-Kollaborationsinstrumente am einfachsten in das bestehende Umfeld integrieren.

Wo, wenn überhaupt, ist für die Stadt Zürich Open Source ein Thema?

Open-Source-Lösungen sind bei uns in der Stadt weit verbreitet. In der Infrastruktur arbeiten wir beispielsweise mit Linux und auch die neue Container-Management-Plattform nutzt Open-Source-Lösungen. Im Softwarebereich ist beispielsweise die E-Partizipationsplattform "Mitwirken an Zürichs Zukunft" technologisch auf einer Open-Source-Lösung aufgebaut.

In einem Dokument zum Strategieschwerpunkt "Digitale Stadt" lese ich vom Plan, einen digitalen Zwilling der Stadt Zürich aufzubauen. Wo steht dieses Projekt zurzeit?

Im Rahmen des Schwerpunktprogramms Digitale Stadt hat Geomatik + Vermessung unter anderem die zugrunde liegenden Daten des 3-D-Stadtmodells auf dem Geoportal der Stadt Zürich veröffentlicht und für alle frei zugänglich gemacht. Des Weiteren wurde ein Viewer entwickelt, um die Daten einfach betrachten zu können. In enger Kooperation mit dem Amt für Städtebau konnte auch "Zürich 4D" im Internet freigegeben werden. Damit lässt sich die bauliche Entwicklung der Stadt interaktiv erkunden. Folgende Zeitstände sind enthalten: 3000 v. Christus, um 1800, 2011 – 2022, kurzfristige Zukunft, mittelfristige Zukunft.

Wenn Sie an andere Städte und deren IT-Projekte denken, welche Verwaltung beeindruckt Sie besonders und warum?

Ich kann keine konkrete Stadt nennen, da es in sehr vielen Städten interessante Vorhaben oder Lösungen gibt. Wir sind in regem Austausch mit anderen Städten. Es ist wichtig, dass wir uns austauschen und voneinander lernen.

Wo finden wir Andreas Németh in zehn Jahren?

Auf dem Rennvelo und natürlich als Nutzer der städtischen Online-Services.

Zur Person

Andreas Németh (Jahrgang 1963) ist seit Sommer 2017 Direktor der Abteilung Organisation und Informatik der Stadt Zürich (OIZ). Davor amtete er während fünf Jahren als Vizedirektor OIZ sowie als Programmleiter "eZürich" und IT-Strategie der Stadt Zürich. Németh ist diplomierter Wirtschaftsinformatiker und hat einen Master of Science in Organisa­tionsentwicklung der Universität Klagenfurt. Er ist leidenschaftlicher Rennradfahrer, Vater von zwei Kindern und wohnt in Zürich.

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