Pascal Schär im Interview

Wie die Insel Gruppe mit Epic die Digitalisierung vorantreibt

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Anfang 2024 hat die Insel Gruppe auf ihr neues Klinikinformationssystem "Epic" gewechselt, das in anderen Ländern zu heftigen Protesten des Spitalpersonals geführt hatte. Warum das in der Schweiz nicht passiert und welche Vorteile Epic der Insel bringen soll, erklärt Pascal Schär, ­Direktor Technologie und Innovation der Insel Gruppe.

Pascal Schär, ­Direktor Technologie und Innovation der Insel Gruppe. (Source: zVg)
Pascal Schär, ­Direktor Technologie und Innovation der Insel Gruppe. (Source: zVg)

Lange Zeit verschickten Angestellte im Inselspital ihre Akten per Rohrpost. Gibt es diese Einrichtung noch? Und wenn ja: Warum lohnt sich so etwas in Zeiten der Digitalisierung noch?

Pascal Schär: Patientenakten waren nie ein Hauptanwendungsfall der Rohrpost. Dies kam wohl nur in seltenen Fällen vor. Die Rohrpost spielt ihre Stärken vor allem beim Transport von Proben oder zum Beispiel für einen eilenden Medikamententransport aus. Sie kann aber auch zum Versand von Computermäusen, Büromaterial und vielem mehr verwendet werden. Dies ist auch der Grund, weshalb selbst modernste Spitalgebäude nach wie vor mit Rohrpost ausgestattet werden. Rohrpost ist schnell, unbemannt und äusserst zuverlässig. Übrigens gibt es oft auch verschiedene Transportgeschwindigkeiten, damit Proben nicht zentrifugiert werden.

Ende Februar hat die Insel Gruppe ihr Klinikinformationssystem (KIS) abgelöst und auf Epic gewechselt. Wie ist die Einführung gelaufen?

Der Go-live verlief erfreulich. In Anbetracht der Komplexität und des Umfangs des Projekts ist dies keine Selbstverständlichkeit. Der Dank gebührt unseren Mitarbeitenden, die diese Umstellung mittragen und in jeder Hinsicht ihr Bestes geben. Ohne ihr Engagement wäre dieser Kraftakt nicht möglich. Und doch liegt noch viel Arbeit vor uns: In den nächsten Wochen geht es vor allem darum, Routine im Umgang mit Epic zu gewinnen. In diesem Zusammenhang werden erfahrungsgemäss vermehrt inhaltliche Fragen zu neuen Prozessen zu klären sein. Das heisst, die kommende Zeit erfordert weiterhin Veränderungsbereitschaft und grossen Einsatz aller Mitarbeitenden.

Der Entscheid für das KIS vom US-Anbieter Epic sorgte für Kritik. So hiess es unter anderem, die veranschlagten Kosten von 83 Millionen Franken seien viel zu hoch und Epic habe den Zuschlag zu Unrecht erhalten. Was sagen Sie dazu?

Die Insel Gruppe hat im August 2019 in Zusammenarbeit mit Fachbereichsvertretungen ein 180-seitiges Pflichtenheft ausgeschrieben. Nach der Evaluationsphase hat Epic als Gesamtlösung am meisten überzeugt und deshalb den Zuschlag erhalten. Die Einführung von Epic ist für die Insel Gruppe ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg in eine digitale Zukunft: Das neue System ermöglicht eine umfassende digitale Transformation. Eine solche ist nötig, um den bevorstehenden Herausforderungen begegnen zu können und der Medizin der Zukunft gerecht zu werden.

In anderen Ländern machen Gesundheitsfachpersonen mitunter sehr schlechte Erfahrungen mit Epic. In Finnland etwa beschwerten sich viele Ärztinnen und Ärzte über das komplizierte System und sprachen von einer Gefahr für die Patientensicherheit. Und in Norwegen gab es sogar Fackelzüge des Spitalpersonals mit der Forderung nach einer Abschaffung des Systems. Es gibt also viel Kritik an Epic, unter anderem bezüglich Interoperabilität und Usability. Wie beurteilen Sie das und welche Schlüsse ziehen Sie daraus für die Arbeit mit Epic am Inselspital?

Jede Implementierung ist anders und bringt ihre Schwierigkeiten mit sich – teilweise ungenügende Schulung, Übersetzungsprobleme, ungenügender Einbezug der Fachbereiche etc. Wir haben von anderen Einführungen viel gelernt – hier sind wir im Speziellen auch in engem Austausch mit dem Luzerner Kantonsspital, das im Herbst 2019 als erstes deutschsprachiges Spital Epic eingeführt hat. Ebenso haben wir mit Advocate Health eine amerikanische Spitalgruppe gefunden, die vor uns um die hundert Implementierungen durchgeführt hatte und uns umfassend beraten hat. Um die Interoperabilität und Usability zu gewährleisten, ist der Einbezug der Fachbereiche zwingend – sie kennen die Anforderungen am besten: Wir haben bereits im Vorprojekt das Kerngeschäft involviert, um Prozesse und Datenobjekte wie Formulare, Scores etc. zu standardisieren. Während des Hauptprojekts gab es 80 Arbeitsgruppen mit Vertretungen aus den Fachbereichen, die das Projektteam fachlich bei der Konfiguration von Epic unterstützt haben. Wir haben in den Monaten vor dem Go-live verschiedene Vorbereitungsaktivitäten gemeinsam mit den Fachbereichen durchgeführt – Anwendertests, Bereitschaftschecks, Shadowing etc. Und ganz wichtig: Das Know-how für Problembehebungen sowie die Weiterentwicklung des Systems liegen bei unserem Projektteam. Sie wurden dafür von Epic ausgebildet und zertifiziert.

Was genau erhofft sich die Insel Gruppe vom neuen KIS?

Wie bereits erwähnt, ermöglicht uns Epic eine umfassende digitale Transformation. Eine solche ist nötig, um den bevorstehenden Herausforderungen begegnen zu können und der Medizin der Zukunft gerecht zu werden. Drei konkrete Beispiele: Erstens: Epic ist ein patientenzentriertes System. Das heisst, alle Informationen fliessen in einer einzigen Patientenakte zusammen. Dadurch haben alle an der Behandlung beteiligten Fachpersonen jederzeit und überall eine ganzheitliche Sicht auf die Patientinnen und Patienten. Dies erhöht die Patientensicherheit sowie die Behandlungsqualität und fördert die interdisziplinäre und interprofessionelle Zusammenarbeit. Zweitens: Gleichzeitig ist Epic in der Lage, die strukturiert erfassten Daten auszuwerten, um künftig wichtige Erkenntnisse in den Bereichen Forschung, Therapien und Prävention zu gewinnen. So sind wir beispielsweise überzeugt, dass sich die Medizin von morgen hinsichtlich Krankheitsbildern weniger an Organen, als vielmehr an den zugrundeliegenden Treibern orientieren wird. Nur mit systematisch aus Daten abgeleiteten Erkenntnissen werden wir dieses Ziel erreichen können. Und drittens: Mit dem Patientenportal «myInsel» und dem Zuweiserportal «InselLink» haben neu auch die Patientinnen und Patienten sowie die Zuweisenden Zugang zu den Informationen und werden in unsere Prozesse aktiv eingebunden.

Wie sollen Patientinnen und Patienten wie auch die Forschung vom neuen KIS profitieren?

Nebst dem erwähnten Patientenportal «myInsel» profitieren auch die Patientinnen und Patienten von der ganzheitlichen Sicht auf ihre Patientenakte. Informationen wie Anamnese oder Allergien müssen nicht mehr mehrmals erfragt werden. Einmal dokumentiert bleiben sie in der Patientenakte gespeichert. In unserem Fall wurden rund 50 Applikationen durch Epic abgelöst und stehen fortan unseren Forschenden konsolidiert zur Verfügung. Neben vielen weiteren Bestrebungen von Epic im Forschungsumfeld ist dies natürlich ein gewaltiger Fortschritt für den Forschungsstandort Bern.

Studien – vorgestellt am eHealth-Forum 2023 – ­haben gezeigt, dass nicht nur ein KIS, sondern auch dessen Implementierung massgeblich beeinflusst, wie viele Fehler im Alltagsbetrieb passieren. Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Usability im Spitalalltag aus? Und wie stellen Sie diese sicher?

Bei der Konfiguration vor der Einführung sowie bei der nachfolgenden Optimierung und Weiterentwicklung ist es zentral, die Fachbereiche miteinzubeziehen. Es sind Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger oder auch Therapeutinnen und Therapeuten, die mit dem System arbeiten. Deshalb kennen sie die Anforderungen aus dem Spitalalltag am besten. Nur gemeinsam mit dem Kerngeschäft kann in einem KIS die Usability sichergestellt und auch weiter optimiert werden. Auch nach der Einführung von Epic arbeiten wir weiterhin eng mit den Vertretungen aus den Fachbereichen zusammen und optimieren das System in Zusammenarbeit mit ihnen.

Die digitale Transformation im Schweizer Gesundheitswesen kommt im internationalen Vergleich nur langsam voran. Was glauben Sie: Warum tut sich unser Gesundheitssystem so schwer mit dem digitalen Wandel?

Die Schweiz besitzt ein föderal geprägtes Gesundheitssystem. Für einen umfassenden digitalen Wandel wären zentrale Standards und Services beschleunigend. Aber Föderalismus einerseits und zentrale Regulierung andererseits sind schwer vereinbar. Die oftmals beneideten Länder wie Dänemark oder andere im skandinavischen Raum weisen ein ganz anderes Staatsverständnis und entsprechend anders gelagertes Gesundheits­wesen aus.

Der Bund plant, im Rahmen von Digisanté weit über 500 Millionen Franken in die Digitalisierung des Gesundheitswesens zu stecken. Was erwarten Sie von diesem Förderprogramm?

Für eine Aussage ist es noch zu früh, denn der Inhalt von Digisanté wird immer noch ausgearbeitet und konkretisiert.

Das EPD hat hierzulande einen schweren Stand – die Ärztevereinigung FMH nennt es ein "dysfunktionales Instrument". Wie stehen Sie zum EPD?

Auch die Insel Gruppe bietet das EPD an. Mit dem Patientenportal «myInsel» hat die Insel Gruppe jedoch ein Zusatzangebot, das den Patienten stark in unsere Behandlungsprozesse einbindet und ihm so einen direkten, unmittelbaren Nutzen bietet. «MyInsel» ist Patientenportal und App zugleich und ermöglicht es Patientinnen und Patienten, ihre eigenen Gesundheitsinformationen an der Insel Gruppe jederzeit und überall einzusehen. Auch etwa künftige und vergangene Termine können Patientinnen und Patienten an der Insel Gruppe einsehen, oder Berichte und verordnete Medikamente. Das Patientenportal wird laufend weiterentwickelt und schrittweise neue Funktionen aufgeschaltet.

In allen Branchen experimentiert man derzeit mit künstlicher Intelligenz. Wie viel KI steckt im Inselspital?

Expertinnen und Experten der Insel Gruppe forschen hierzu bereits seit einem Jahrzehnt. Die Universität Bern und die Insel Gruppe haben mit den Partnern Universitäre Psychiatrische Dienste (UPD) und dem Schweizerischen Institut für Translationale und Unternehmerische Medizin, Sitem-Insel, per 2021 das Zentrum für künstliche Intelligenz in der Medizin gegründet.

Sprechen wir noch über das Thema Cybersicherheit. Im letzten Jahr hörte man von Spitälern im Ausland, die durch Cyberangriffe gänzlich lahmgelegt wurden. Wie sorgen Sie dafür, dass dies am Inselspital nicht passiert?

Vorweg: Es bleibt immer ein Restrisiko vorhanden und somit bleibt jedes Spital ein Stück weit angreifbar. Wer ohne Cyber-Risiko ein Spital betreiben möchte, muss auf Computer, den Internetzugang, oder noch besser gleich beides verzichten. In den vergangenen Jahren haben wir unsere Vorkehrungen signifikant erhöht und den aktuellen Begebenheiten angepasst. Neben vielen technischen, prozessualen und organisatorischen Neuerungen haben wir insbesondere in die Awareness von sämtlichen Anwenderinnen und Anwender investiert. Hierfür werden regelmässig Phishing-Kampagnen durchgeführt, oder zum Beispiel Infoveranstaltungen mit der Polizei oder dem NCSC abgehalten. Eine gute Idee waren auch „Preisverleihungen an die besten Cyber-Agenten“ unter unseren Mitarbeitenden. Dies waren Mitarbeitenden, die besonders oft von uns gefälschte Angriffe identifiziert haben. 
 


Zur Person

Seit Oktober 2020 leitet Pascal Schär die Direktion Technologie und Innovation der Insel Gruppe. Seine Direktion übernimmt die Planung, Evaluation, Beschaffung, Beratung und den Betrieb der Medizintechnikgeräte und der ICT-Infrastrukturen und -Systeme. Vor dem Wechsel zur Insel leitete Schär die IT-Organisation im Kantonsspital Winterthur. Davor war er in der Privatwirtschaft für einen Anbieter von Praxisinformationssystemen tätig. Schär hat einen Abschluss in Volkswirtschaft der Universität Zürich sowie ein Diplom in Ingenieursinformatik von der NTB.

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