Focus

Der konkrete Nutzen der E-ID und elektronischer Nachweise in der Schweiz

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von Daniel Säuberli und Vasily Suvorov, Didas

Dank der E-ID liegen Ausweise wie Führerschein, Wohnsitz- oder AHV-Nachweis digital in der ­persönlichen Wallet – sicher gespeichert und jederzeit verfügbar. Doch das ist erst der Anfang. Denn digitale Nachweise werden die Art, wie wir im Internet interagieren, grundlegend verändern.

Daniel Säuberli (l.), Präsident und Co-Founder; Vasily Suvorov, Co-Founder, Board Member, Didas. (Source: zVg)
Daniel Säuberli (l.), Präsident und Co-Founder; Vasily Suvorov, Co-Founder, Board Member, Didas. (Source: zVg)

Die staatliche elektronische Identität (E-ID) soll Behördengänge vereinfachen, Online-Services beschleunigen und Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen mehr Kontrolle über ihre Daten geben. Bereits in naher Zukunft werden Ausweise wie Führerschein, Wohnsitzbestätigung oder AHV-Nachweis digital vorliegen. Sicher in einer digitalen Brieftasche beim Nutzer selbst gespeichert und jederzeit abrufbar. Dies beschreibt jedoch nur die offensichtlichen Aspekte der E-ID und Vertrauensinfrastruktur. Dieser Beitrag zeigt konkrete Anwendungsfälle der E-ID und weiterer digitaler Nachweise in der Schweiz und zeigt fundamentale Veränderungen im digitalen Raum auf. Er skizziert künftige Möglichkeiten und beleuchtet Rahmenbedingungen sowie Erfolgsfaktoren für ein funktionierendes digitales Nachweis-Ökosystem.

Die Grundlagen

Das Fundament ist ein Vertrauensmodell mit vier Rollen: Issuer (Aussteller), Holder (Inhaber), Verifier (Prüfer) und Registry (Vertrauensregister). Ein Issuer, etwa eine Behörde, Bank oder ein Unternehmen, stellt ein digitales Zertifikat aus. Der Holder speichert es in seiner Wallet und präsentiert es bei Bedarf einem Verifier. Dieser überprüft digital und ohne Umweg über zentrale Server die Gültigkeit, basierend auf der Vertrauenswürdigkeit des Ausstellers, der in der Trust Registry eingetragen ist. Dieses Protokoll erlaubt es, im digitalen Raum selektiv und anonym vertrauenswürdige Aussagen zu machen, so etwa über das Alter (18+), die Staatsangehörigkeit oder die Zugehörigkeit zu einer Organisation. 

Nach dem gescheiterten Anlauf 2021 ist die staatliche E-ID nun auf Kurs. Das Bundesgesetz über den elektronischen Identitätsnachweis (BGEID) wurde Ende 2024 verabschiedet und im Referendum 2025 knapp angenommen. Es schafft den recht­lichen Rahmen für die staatliche E-ID, aber auch für weitere digitale Nachweise durch Behörden und Private. Die E-ID ist freiwillig, kostenlos und datensparsam konzipiert. Nutzerinnen und Nutzer bestimmen selbst, welche Attribute sie mit wem, wann und unter welchen Bedingungen teilen. Auf der Public-Beta-Infrastruktur des Bundes lassen sich bereits heute mit technischen Kenntnissen Pilotprojekte und Business-Cases realisieren, die zeigen, wohin die Reise geht.

Swiyu im Alltag

Ein Blick in den Alltag zeigt, wie tiefgreifend Prozesse vereinfacht werden: Beim Wohnung-Mieten lassen sich Wohnsitzbestätigung und Betreibungsregisterauszug direkt digital übermitteln, inklusive der Prüfbarkeit der Echtheit. Bewerbungen werden einfacher, weil sich Strafregisterauszüge über die Wallet teilen lassen. Im Verkehr ersetzt der digitale Führausweis Schritt für Schritt das Kartenformat. Bereits in Pilotphasen getestet, kann er per QR-Scan bei Polizei oder Carsharing-Anbietern validiert werden. Auch Versicherungsnachweise lassen sich so durch den Nutzer einbinden.

Ein besonders anschauliches Beispiel für das Zusammenspiel ist das SBB-GA für Familien: Die Kombination aus E-ID (Stufe 1), Wohnsitznachweis (Stufe 2) und GA-Rabatt-Nachweis (Stufe 3) ermöglicht automatisierte Prüfungen für Ermässigungen – ohne Papierformulare. Auch Sozialversicherungs- und Kundenidentitäten sind digital darstellbar: Die AHV-Nummer wird direkt über die Wallet geteilt, fehlerfrei und sicher. Dasselbe gilt für Kundenkarten, Versicherungsausweise oder Mitgliedschaften.

Darüber hinaus wird die E-ID zum Zugangsschlüssel für qualifizierte elektronische Signaturen (QES). Diese erlauben rechtsverbindliches Unterschreiben – etwa bei Gründungsdokumenten. Kombiniert mit digitalen Handelsregistereinträgen wird so die Unternehmensgründung in 24 Stunden realistisch.

Wie beim SBB-GA-Beispiel bereits gezeigt, ist das Ökosystem in drei Ambitionsniveaus segmentiert: Stufe 1 umfasst die staatliche E-ID, Stufe 2 die behördlichen Nachweise, Stufe 3 alle verifizierbaren Nachweise aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft – etwa verifizierte IBANs oder Telefonnummern, Konzerttickets etc. Banken und Telcos können so helfen, Betrug zu verhindern. Ein Vermieter, der eine IBAN prüft, kann sich auf deren Echtheit verlassen.

Ein Rückruf mit verifizierter Rufnummer reduziert das Risiko von Social Engineering massiv. Das Swiyu-Launchpad ist ein öffentlich-privates Programm, das durch Didas ermöglicht wird und sektorübergreifend das Verständnis für Technologie und Governance anhand von Use-Cases für Verifier und Issuer vereinfacht und private Akteure auf die Reise mitnimmt. Es ist legitimiert durch den Bund und unterstützt durch die Digitale Verwaltung Schweiz und Trägermitgliedschaft bei Didas von Organisationen, Verbänden und Stiftungen. Es hat zum Ziel, die Etablierung sektoraler Standards, Governance-Modelle und vertrauenswürdiger Dienste in der Breite zu fördern. Das ergänzende Engagement und die Trägerschaft von Dach- und sektoralen Verbänden spielen dabei eine wichtige Rolle.

Was bringt die Zukunft?

Noch mehr Wert könnten künftig sogenannte Business Wallets für Organisationen schaffen. Sie ermöglichen es Vertretern und Organen einer Organisation, je nach Rolle und Berechtigung, verifizierbar zu handeln, sowohl innerhalb der eigenen Strukturen als auch im Austausch mit Partnern oder Behörden. So lassen sich einfache Aufgaben wie das Zustellen beglaubigter Dokumente ebenso abwickeln wie komplexe Prozesse: etwa das Onboarding neuer Kunden oder der sichere, automatisierte Austausch von Geschäftsdaten in Daten-Ökosystemen (Datenräumen).

Der eigentliche Paradigmenwechsel ist wirklich strukturell und er passiert gerade jetzt weltweit, nicht nur in der Schweiz: Wir müssen Digitalisierung und Basis-Services systematisch weg von Portalen, Plattformen und Accounts, hin zu Protokollen und digitalen Identitäten und digitaler Handlungsfähigkeit denken. Statt unzähliger Logins und Daten- und funktionaler Silos, entstehen öffentliche Vertrauensnetzwerke, in denen Identität, Daten und Interaktion (auch Wert- und Warenaustausch) dezentral (Peer-­to-Peer) und interoperabel ­orchestriert werden. Die Schweiz hat mit Swiyu und den klaren Rollen von Issuer, Holder und Verifier die Chance, diese Protokoll-Ökonomie mitzugestalten. Föderal, offen und autonom.

Dazu gehören wie erwähnt auch organisatorische Identitäten: Firmen, Verbände, aber auch Behörden brauchen zukünftig eigene Wallets. Diese machen es möglich, kryptografische Schlüssel zu verwalten und einzusetzen und Mechanismen, die darauf basieren, in Prozesse einzubetten. Mehrere parlamentarische Vorstösse fordern explizit eine organisatorische digitale Identität, um zum Beispiel Unternehmensgründungen, B2B-Transaktionen oder Compliance medienbruchfrei zu gestalten. Globale Standards wie der veri­fiable LEI der GLEIF oder UNTP GRID fördern internationale Interoperabilität. Unsere Fähigkeit, wichtige Standards und Digitalisierungselemente mitzugestalten, ist eine Voraussetzung für die nachhaltige Wettbewerbsfähigkeit der kleinen und aussenwirtschaftsabhängigen Schweiz.

Denn was daraus entstehen muss, ist praktische digitale Autonomie: die Möglichkeit für Individuen, Organisationen und den Staat, sich sicher, souverän und handlungsfähig im digitalen Raum zu bewegen, unabhängig von Plattformen und Datensilos oder Rechtsräumen. Damit werden elektronische Nachweise (Verifiable Credentials) und die Mechanismen digitaler öffentlicher Infrastrukturen wie Swiyu nicht nur zu einem System, worüber sich lediglich elektronische Dokumente austauschen lassen, sondern zum Betriebssystem für eine nachhaltig vernetzte, vertrauenswürdige und praktisch autonome digitale Schweiz. 


Vertrauensdiamant

Ökosystem der Schweizer E-ID

Das Ökosystem der schweizerischen E-ID und anderer elektronischer Nachweise basiert auf einem Vertrauensmodell mit vier Rollen: Issuer (Aussteller), Holder (Inhaber), Verifier (Prüfer) und Registry (Register). Ein Issuer, etwa eine Behörde oder Firma, stellt eine digitale Urkunde (auch Verifiable Credential genannt) aus und registriert seinen öffentlichen kryptografischen Schlüssel in einem Vertrauensregister. Der Holder, etwa eine Bürgerin oder in der Zukunft ein Unternehmen, speichert den Nachweis in ihrer digitalen Brieftasche (bei Individuen in der Swiyu-App und später auch in anderen "Wallets"). Bei Bedarf präsentiert der Holder einen Nachweis (Credential) einem Verifier, etwa eine digitale Kundenkarte einem Onlinedienst oder die E-ID einem Polizisten. Der Verifier prüft die Gültigkeit und Signatur des Nachweises und verifiziert in der Registry, dass der Aussteller vertrauenswürdig ist. Dieses Zusammenspiel gewährleistet die Echtheit und Integrität digitaler Nachweise und ermöglicht es, sich unter anderem vollständig anonym im digitalen Raum zu bewegen. Die Technik und das Recht verhindern zudem, dass der Bund weitere Ausstellerinnen-Profile über das Nutzungsverhalten anlegen kann. Verifikatorinnen können durch selektive Offenlegung (z. B. bei einer Altersprüfung) rechtsgültig mit anonymen Attributen (z. B. "18+"; "Schweizer") bedient werden, ohne im digitalen Raum technisch nachverfolgbar zu werden.

Webcode
fGETWui8